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Das Zeit Magazin startet sein eigenes Online-Portal

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Die Zeit schließt eine Leerstelle im deutschen Web: Spätestens seit dem gescheiterten Vanity Fair-Versuch gab es hierzulande keinen großen verlegerischen Versuch mehr, klassischen Magazinjournalismus im Netz zu machen. Das will das Zeit Magazin nun ändern und wagt sich mit einem eigenen Online-Portal ins Netz.

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Dabei setzen die Berliner allerdings nicht auf eine Soloaktion, sondern den gepflegten Doppelpass mit den Kollegen von Zeit Online. So liefern die Web-Profis die technische Grundlage und Teile der neuen Redaktion. Die Magazin-Profis steuern unzählige Idee und ihre Inhalte – sowohl aus der Print-Ausgabe, wie auch originären Netz-Content – bei.

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„Die Zusammenarbeit mit den Print-Kollegen war exzellent. Wir haben das Projekt von Anfang an als gemeinsames vorangetrieben“, berichtet der Zeit-Online-Chefredakteur Jochen Wegner. Für die Magazin-Profis ist die neue Online-Spielwiese die große Chance, auch einmal tagesaktuell zu arbeiten. Ob die ganze Magazin-Mannschaft auch dauerhaft die Lust auf den 24-Stunden-Doppelpass mit den Web-Kollegen hat, muss sich erst im praktischen Arbeitsalltag beweisen. Amend hat da aber keine Sorgen. „Unsere Erfahrung mit Facebook ist, dass alle Magazin-Kollegen schnell Spaß daran hatten, auch kleine Inhalte und aktuelle Ideen für unsere Seite innerhalb des Social Netzworks zu liefern“. Tatsächlich schreiben die Berliner bei Facebook mittlerweile eine Erfolgsgeschichte.

Inhaltlich – und damit auch technisch – setzt das Portal auf einen Mix aus Longform-Stücken, die möglichst multimedial erzählt werden sollen, und sehr knappen Text-Happen. Vor allem Letztere stellen an ein CMS mit seinen unzähligen Standard-Elementen, wie festvergebene Werbeplätze, Randspalten und langen Standard-Blöcken am Seitenende, ganz neue Herausforderungen. Die Folge: Die Berliner verzichten auf eine klassische rechte Randspalte und verschieben die Kommentare vom Seitenende.

Mit Hilfe des neuen Layouts schaffen es die Macher, selbst typische Heft-Formate, wie „Ich habe eine Traum“, die sich bislang kaum ins Web übertragen ließen, online umzusetzen. Zudem gelang es zum Start, einen exklusiven Vertrag über die digitale Nutzung des gesamten Magnum-Archivs zu schließen. „Dadurch sind neue Erzählformen möglich, die wir im gedruckten Heft bislang nicht machen konnten“, sagt Amend.

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„Wir standen vor der Frage: Wenn das Zeit Magazin die emotionale Seite der Zeit ist, was könnte die Web-Ausgabe dann für Zeit Online sein?“ Die Antwort bzw. die Arbeitsteilung sieht so aus: „Zeit Online macht die Nachrichten, wir kümmern uns um die emotionalen Themen, mal gesellschaftspolitisch, mal unterhaltsam, wie im wöchentlichen Magazin.“ Idealtypisch wird dieser Ansatz im gedruckten Zeitmagazin bereits von der Gesellschaftskritik eingelöst. Nur konsequent, dass es diese dann schon bald täglich geben wird. Weitere Kernstücke sind natürlich die großen gesellschaftspolitischen Themen und langen Reportagen, allerdings auch eine Vielzahl an Stil-, Genuss-, Mode- und Design-Themen. Nicht umsonst wird sich das Ressort Lebensart von Zeit Online künftig auch um den Web-Ableger des Zeit Magazins kümmern. Allerdings nutzte dieses Ressort schon immer auch die Magazin-Inhalte der Wochenzeitung.

Um das Tagesgeschäft kümmern sich dabei die Online-Redakteurin Maria Exner und Tillmann Prüfer, Style Director des Zeit Magazins.

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Der Output, den die beiden managen müssen, soll bei rund sieben Texten liegen. Um das leisten zu können, wurde die Redaktion extra aufgestockt. Konkrete Zahlen über die geplante Mannschaftsstärke des neuen Teams verweigern die Macher allerdings. Auch bei den Gesamtkosten herrscht Schweigen. Allerdings gelang den Chefredakteuren offenbar ein geschickter Umgang mit den Budget, indem sich Zeit Online mit seinen Ressourcen um die technische Entwicklung kümmerte. Das war alleine schon deshalb möglich, weil die Nachrichten-Redaktion perspektivisch auf dasselbe System umstellen will. „Ansonsten gilt eine weise Regel, die ich bei der Zeit gelernt habe“, sagt Wegner. „Wir sehen einen Bedarf, nehmen etwas Geld in die Hand und wenn es funktioniert, nehmen wir vielleicht noch etwas mehr Geld in die Hand.“

Deshalb ist für Wegner der Start des Zeit Magazins im Netz auch gleich ein großes Testprogramm für seine Pläne für das große Nachrichten-Poral: „Wir probieren im Kleinen aus, wie Zeit Online in Zukunft aussehen soll. Das neue Portal ist komplett responsiv.“ Im Grunde eine Fortführung des Tour de France-Specials aus dem vergangenen Sommer.

Das ist die technische Sicht. Ein wichtiger Treiber des Projektes war allerdings auch der Vermarktungsaspekt. „Wir beobachten schon lange, dass die großen Marken im Luxussegment auf der Suche nach hochwertigen Inhalten sind, in deren Umfeld sie werben können. Davon profitiert Zeit Online bereits sehr“, sagt Wegner. Dieser Faktor dürfte für den Online-Ableger des Magazins noch weit wichtiger werden.

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Zum Start gehen die Macher davon aus, dass erst einmal die meisten Nutzer über eine prominente Verlinkung von Zeit.de kommen. „Unsere Erfahrungen mit unserer neuen Hamburg-Seite sind ähnlich – zunächst kommen die meisten Leser über die Homepage von Zeit.de. Aber schon jetzt beobachten wir, dass immer mehr direkt die Regionalseite ansteuern“, erklärt Wegner. Überhaupt sei das neue Angebot für die Hansestadt „Stand heute“ ein „erstaunlicher Erfolg“.

Allerdings hoffen die Macher, dass schon viele Nutzer von sich auch Zeitmagazin.de in ihren Browser eingeben. Immerhin gebe es selbst international kaum vergleichbare Magazin-Angebote, hinter denen wirklich eine – relativ – große klassische Redaktion steht.

Bei dem Stand, der nun zu sehen ist, wird es allerdings nicht lange bleiben. So soll das neue Zeit Magazin Online fast wöchentlich mit Erweiterungen und Updates ausgebaut werden. Immerhin soll das Projekt nicht ein ähnlich jähes Endes ereilen wie die deutsche Vanity Fair.

Bei der Erfolgswelle, auf der die Zeit seit einiger Zeit reitet, sollte jedoch auch das neue Web-Projekt ein Erfolg werden. Allerdings fehlt es in diesem Segment noch völlig an Erfahrungswerten. Ein erster Blick auf die Seite verspricht jedoch einiges. Allerdings ist ein Web-Portal, anders als ein Print-Magazin, kein fertiges Produkt, sondern stetig in der Mache. Es wird interessant sein zu beobachten, wie die Print-Profis des Zeit Magazins mit dieser gänzlich anderen Arbeitssituation umgehen. Denn wenn ein neues Web-Projekt eines macht, dann ist es viel Arbeit.

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