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Nach dem orangenen Reförmchen: Was der Spiegel wirklich braucht

Chefredakteur Büchner (l.), Geschäftsführer Saffe: Wofür steht ihr Spiegel?
Chefredakteur Büchner (l.), Geschäftsführer Saffe: Wofür steht ihr Spiegel?

Stell Dir vor, es ist Layout-Reförmchen und keiner guckt hin. So mag es manchem Spiegel-Leser an diesem Montag gehen. Die von Chefredakteur Wolfgang Büchner zusammen mit seinen Stellvertretern und Art Director Uwe C. Beyer installierten Heft-Neuerungen sind eher Klein-Klein als großer Wurf. Die Chance für eine Positionsbestimmung des Spiegel bleibt ungenutzt. Die Zukunft des Spiegel wird sich nicht an einer kaum wahrnehmbaren Änderung der Hausfarbe von Rot zu Dunkelorange festmachen. MEEDIA zeigt auf, welche Änderungen beim Spiegel wirklich nötig wären.

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1. Schluss mit der Zwei-Klassen-Gesellschaft – Mitarbeiter KG für Alle!

Zugegeben, dieser Wunsch fällt bei Pragmatikern unter die Rubrik Utopie. Nötig wäre es trotzdem, die Mitarbeiter KG für alle Spiegel-Leute zu öffnen und so das Diktat der privilegierten und allzu oft rückwärtsgewandten Print-Altvorderen zu brechen. Spiegel-Gründer Rudolf Augstein bewies mit seinem Schritt, die Hälfte des Unternehmens den Mitarbeitern zu schenken, großen Mut und Weitsicht. Leider sind es aber mittlerweile nicht mehr “die” Spiegel-Mitarbeiter, die mitreden, sondern nur noch ein privilegierter Print-Club. So manche Entscheidung dürfte anders ausfallen, wenn auch die Mitarbeiter von Spiegel Online und Spiegel TV mitbestimmen dürften. Dass der Spiegel Verlag eine Zwei-Klassen-Gesellschaft aus KG’lern und Nicht-KG’lern wird, dürfte nicht die Absicht von Rudolf Augstein gewesen sein. Das Problem: Es gibt keine Einzelperson mehr, die eine solche tiefgreifende Änderung verfügen könnte. Und die Geschichte lehrt, dass privilegierte Gruppen niemals ihre Privilegien freiwillig aufgeben. Das Ende der Zwei-Klassen-Gesellschaft beim Spiegel wird also auf absehbare Zeit ein frommer Wunsch bleiben. Leider.

2.  Journalistische Markenpflege!

Dass Journalisten heutzutage zu Personenmarken werden sollten, ist eine Binse. Der Spiegel hat einige Leute, die es geschafft haben, zur Marke zu werden. An erster Stelle ist hier Jakob Augstein zu nennen. Mit seiner Kolumne “Im Zweifel links” hat sich Jakob Augstein bei Spiegel Online als professioneller Meinungs-Inhaber etabliert. Man muss mit ihm nicht immer einer Meinung sein, aber Augsteins Stimme findet Gehör und er hat immerhin eine echte Meinung. Als Publizist bringt er das mit, was dem Spiegel als Ganzes so dringend fehlt und wonach sich heute jedes Medium sehnt: Haltung. Dazu kommt, dass er den Namen Augstein trägt und seine Kolumne Online wie Print den Titel des wohl berühmtesten Rudolf-Augstein-Zitates ziert. Doch warum um Himmelswillen, lässt man Augstein nun im wöchentlichen Wechsel mit dem im Zweifel pseudo-konservativ daherschwafelnden Jan Fleischhauer schreiben? Ist das ein Bemühen um Ausgleich? Die Spiegel-Variante des “Wir wollen es allen recht machen”? Botschaft: Im Zweifel ist der Spiegel weder links, noch rechts, sondern wischiwaschi. So pflegt man keine Medien-Marke. So macht man sie kaputt.

3. Mut zu echter Meinung statt fadem Konsensbrei!
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Womit wir bei dem groß angekündigten neuen Leitartikel des Spiegel wären. Genauso wie man bei den Kolumnisten offenbar darauf bedacht war, Meinungen wochenweise auszutarieren, wirkt auch der namentlich nicht gezeichnete Leitartikel wie ein Stück aus der Kompromiss-Hölle. Zwangsverdonnert auf den kleinsten gemeinsamen Nenner und darum rasend uninteressant und uninspiriert. “Reden ja, umarmen nein” heißt das Stück. Es geht um die Haltung der deutschen Politik zu Vladimir Putin, und es ist genauso geworden, wie man sich das vorstellt, wenn einer Redaktion, die heterogener nicht sein könnte, eine gemeinsame Meinung verordnet wird. Verständnis für Russland, … ABER Deutschland gehört zum Westen. Es wäre gut, wenn die Ukraine nicht geteilt würde, … ABER Frieden geht vor Einheit. Ein ständiges einerseits, andererseits. Am Ende immerhin ringt sich der Leitartikel im Economist-Stil zu einer Handlungsempfehlung durch (harte Wirtschaftssanktionen, falls Putin nicht mitspielt). Doch der Spiegel ist nicht der Economist. Das britische Erfolgsblatt spielt mit feinem Humor und distanziertem Blick den Welterklärer für eine elitäre Leserschaft. Und ist ganz nebenbei glühender Verfechter einer sehr freien Marktwirtschaft und einer robusten Machtpolitik angelsächsischer Prägung. Der Spiegel muss breiter aufgestellt sein und eine eigene Rolle, eine eigene Haltung finden. Mit Einerseits-Andererseits-Geschwurbel und dem halbherzigen Kopieren des Economist-Stils wird das nichts. Der Spiegel sollte zuerst herausfinden, wofür er steht und diese Position dann deutlich vertreten. Dabei darf es ruhig auch mal laut und polarisierend werden. Heute steht der Spiegel gleichzeitig für alles und für gar nichts. Und wofür steht eigentlich der Chefredakteur?

4. Eine Idee für die Rolle von Print muss her!

Mit der inneren Haltung sollte auch eine Vision her, was eine Zeitschrift im digitalen Zeitalter eigentlich sein soll, sein will. Der Spiegel hat darauf noch keine Antwort gefunden. Und seine Versuche eine zu finden, wirken eher tapsig. Das Heftarchiv online wieder hinter eine Paywall packen, Digitale Exklusiv-Pay-Inhalte und die Digital-Abos attraktiver machen – das ist nice to have aber nicht kriegesentscheidend. Welche Temperatur muss/soll eine typische Spiegel-Geschichte haben? Was will das Blatt seinen Lesern vermitteln? Das muss festgezurrt und dann auch durchexerziert werden. Sonntagsreden, wie sie Chefredakteur Büchner vor Amtsantritt gehalten hat, in denen er von harten News und Exklusivgeschichten spricht, um nachher doch wieder Kopfweh auf den Titel zu packen, sind keine blattmacherische Vision. Da ist der stern unter Dominik Wichmann weiter. Der stern leidet zwar unter einem überkomplizierten Redaktions-Organigramm, aber er hat für sich einen typischen stern-Stil definiert: investigativ, Orientierung gebend, positiv emotional. Das fehlt dem Spiegel bis heute: ein Kompass, der der Redaktion und dem Leser Orientierung und Richtung gibt. Dies zu entwickeln wäre zu allererst Aufgabe der Chefredaktion.

5. Der Spiegel braucht eine harte, konsequente Führung!

Womit wir nach der Rolle der Mitarbeiter KG bei der zweiten Gretchenfrage des Spiegel wären: der nach der Führung. Um wenigstens einige, wenn nicht gar alle der oben genannten Ziele zu erreichen, braucht es an der Spitze von Redaktion und Geschäftsführung Chefs, die mit harter Hand regieren. Chefredakteur Stefan Aust im Tandem mit Geschäftsführer Karl Dietrich Seikel war so ein Gespann. Hans Leyendecker von der SZ hat Aust einmal sehr treffend als den “Putin von der Brandstwiete” charakterisiert. Aust hatte die Spiegel-Redaktion im Griff. Bei seinen Nachfolgern hat man das Gefühl, dass es umgekehrt ist – und das ist nicht gut. Und Seikels Nachfolger als Geschäftsführer, Mario Frank und nun Ove Saffe, haben eher glücklos agiert. Um es freundlich zu sagen. Saffes jüngstes Interview in der Süddeutschen Zeitung strotzte nur so vor inhaltsleeren Marketing-Phrasen (“Das Erscheinungsbild wird sanft renoviert und soll die Inhalte noch besser wirken lassen.”), die vor allem eines dokumentierten: Ratlosigkeit. Dass Chefredakteur Wolfgang Büchner der FAZ ein ganz ähnliches Phrasen-Interview gegeben hat (“Wir haben den Spiegel und Spiegel Online – und wollen, dass sie sich gegenseitig stärken.”), lässt tief blicken. Der Spiegel hätte mehr verdient.

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