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Layout-Reform beim Spiegel: Kosmetik im Kampf gegen Bedeutungsverlust

Spiegel-Chefredakteur Wolfgang Büchner, neues Layout
Spiegel-Chefredakteur Wolfgang Büchner, neues Layout

Eine Layout-Reform hatte der Spiegel angekündigt. Das Ergebnis zeigt, dass Selbstverständlichkeiten wie bessere Lesbarkeit und mehr Infografiken in der Medienbranche gerne größer aufgeblasen werden, als es eigentlich nötig wäre. Es geht vor allem um den Kampf gegen den Verlust von Deutungshoheit.

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Das Bedürfnis, den Mythos Spiegel als Leitmedium der denkenden Bürger wiederzubeleben, war schon bei einer Werbekampagne vor einiger Zeit zu spüren. Die gaukelte vor, vor dem Erscheinungstag des Spiegel werde in Chefetagen gezittert. Huhu, wir sind radikal relevant, schrie diese Kampagne in die Medienwelt hinaus. Einen anderen Weg mit ähnlicher Absicht verfolgt nun offenbar Chefredakteur Wolfgang Büchner mit seinem Heftkonzept. An dem sich im Prinzip nichts ändert.

Nach Büchners Vorgabe soll der Spiegel allerdings mit mehr Meinung auffallen. Also mit Kommentaren, vor denen auch viele Jahre nach Rudolf Augsteins Tods in der Redaktion nur mit Vorsicht Gebrauch gemacht wurde. Nun gibt es im Stil des Economist einen Leader, bzw. Leitartikel, der nicht namentlich gekennzeichnet ist, mithin die Position der Redaktion spiegeln soll.

Der erste solche Kommentar zur Ukraine ist klar argumentiert, aber auch ziemlich sorgfältig abgezirkelt. Keine Provokation – das muss auch nicht sein – eher eine Übung in Selbstvergewisserung der demokratischen Werte, die sich auch in einer „klaren Zugehörigkeit zum westlichen Bündnis“ ausdrücken.

Mithin jenen Verpflichtungen, die der Kolumnist (und Sprecher der Spiegel-Erbengemeinschaft, was allerdings nicht unter dem Text steht) Jakob Augstein, der nun auch im Heft schreibt, in seinem Erstling für das Heft als „alte Ideologien“ bezeichnet. Die Kolumne heißt wie bei Spiegel Online „Im Zweifel links“ und ist ein Art Rudolf-Augstein-Gedächtnis-Zitat. Diese beiden Formate – Leitartikel und Kolumne – sollen den Kern der neuen Meinungsfreiheit im Spiegel ausmachen.

Vermutlich ist die Maßnahme mehr symbolisch gedacht. Und vermutlich wird das, was intern wie ein großer Wurf wirken soll, vom Leser mehr beiläufig zur Kenntnis genommen werden.Leitartikel waren schließlich noch nie Publikumslieblinge, sondern immer eher nach innen gerichtete Signale. Freilich gibt es bei den Lesern durchaus den Wunsch nach Haltung, doch die erwartet man vom Spiegel ohnehin. Und so gesehen, sagt der Wunsch nach mehr Meinung auch mehr über die Verfassung des Blatts aus, als seinen Machern eigentlich lieb sein dürfte.

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Was die optischen Änderungen angeht, die Uwe C. Beyer umgesetzt hat – fallen die sehr moderat aus. Es fällt schwer, wirklich von einer Reform zu sprechen, so wenig stechen diese Änderungen hervor. „Genau das war beabsichtigt“, wird es nun heißen. Trotzdem – etwas mehr Leserführung und ein paar lumpige Infografiken gleich als Reform zu verkaufen, tut eigentlich nicht nötig.

Große Fotos gab’s sparsam verteilt auch schon vorher, und manche Seiten wirken vermutlich mit voller Absicht so textlastig wie immer. Der Einstieg ist neu gestaltet, aber vor allem die Seite mit der Autorenkolumne wirkt wenig einladend. Was die viel zitierte Hausfarbe Orange angeht – die wirkt zwar leichter, aber auch harmloser.

Also – warum nun das Ganze? Weil ein paar Aufhübschungen ja tatsächlich nicht schaden. Aber auch, weil Chefredakteur Büchner was vorweisen muss. Ergebnisse, die gegen den eingangs erwähnten gefühlten Bedeutungsverlust des Spiegel wirken. Gegen den Imageschaden, die die Berufung von Nikolaus Blome zum Mitglied der Chefredaktion verursachte. Gegen Gerede in der Branche, Teile der Redaktion stünden nicht hinter Büchner. Undsoweiterundsofort.

Der Spiegel ist ein kompliziertes Haus, das sich mit Veränderungen sehr schwer tut. Die sogenannte Heftreform macht das ziemlich deutlich. Nichts gegen die kosmetischen Änderungen an sich. Gute Leserführung und permanente Art Direktion im Sinne des Lesers sind Selbstverständlichkeiten. Gewonnen wird die Schlacht aber mit guten Geschichten. Der größte Feind des Magazins sind oft hingeworfene Kommentare wie „da steht eh nix drin“. Vor allem die Titel müssen zwingender werden.
Zumindest auf diesem Feld legt die Redaktion mit der „Wohlstandslüge“ sowohl thematisch wie optisch einen guten Aufschlag hin. Da macht sich die Redaktion zwar eine These des gerade schwer angesagten Ökonomen Thomas Piketty zu eigen. Aber der Mann gilt ja als der neue Karl Marx, und ist somit auch aus aufmerksamkeitsökonomischer Sicht betrachtet sehr erfolgreich. Mehr Erfolg mit mehr Haltung, das ist schließlich auch das Ziel des Spiegel.

 

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