Was ist aufregend neu am „Erklär-Journalismus“?

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In der amerikanischen Medienbranche sorgt eine neue Journalismusgattung für Furore. Auf den ersten Blick klingt "Explanatory Journalism" mal wieder supersmart. Auf den zweiten, mit Hilfe der deutschen Übersetzung "Erklärjournalismus", stellt sich schon die Frage: Was soll denn daran neu sein? Wir haben uns die Portale Upshot, FiveThirtyEight und Vox angeschaut.

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Die drei neuen Portale wollen, jedes auf seine Weise, Nachrichten erklären. News-Quellen gibt es genug, heißt es bei Upshot, einer neuen Unterseite der New York Times im Web, aber verstehen wir die dort schnell verbreiteten Inhalte überhaupt noch? Auf dieser Prämisse basieren die Projekte: So rasant News zur Lage in der Ukraine, zur Politik im Nahen Osten oder zur Finanzkrise auch um die Welt gehen, so schwer sind sie mittlerweile zu verstehen.

Upshot

Vor allem Printmedien wollen von der Unübersichtlichkeit der Welt profitieren, Hintergründe erklären. Die sogenannten Mainstream-Medien laufen aber Gefahr, zunehmend als gute Nachrichtenverbreiter und schlechte Nachrichtenerklärer zu gelten. Zu kompliziert, zu sehr von oben herab, zu viel vorausgesetztes Herrschaftswissen, zu wenig auf die Bedürfnisse von Menschen zugeschnitten, die sich nicht in jedem Krisenherd auf dem Erdball auskennen, die vielleicht gar nicht genau wissen, wo die Ukraine liegt, wie unser Gesundheitssystem aussieht und wer der entsprechende Minister der Großen Koalition ist.

Es wirkt paradox, dass es neue, alternative „Erklärmedien“ für die klassischen Nachrichtenmedien geben muss. Wer, wenn nicht die New York Times, der Guardian oder die FAZ sollen uns denn auseinandersetzen, was die Welt zusammenhält? Der klassische Journalismus, ließe sich folgern, hat sich zu lange auf Strukturbeschreibungen und Zahlenwerk verlassen, ohne diese aber ausreichend gut zu beschreiben und zu analysieren. Ziel sei es, heißt es bei Upshot, Datensätze auszugraben und anders als bisher üblich zu präsentieren.

Upshot ist das Nachfolgeprojekt von FiveThirtyEight, das der Datenanalyst Nate Silver für die Zeitung aufgebaut hatte. Silver wurde vor allem durch seine Wahl-Prognosen bekannt – er hatte die Ergebnisse für alle Bundesstaaten korrekt vorhergesagt. Der TV-Sportsender ESPN kaufte Silver und den Namen seiner Website ein. Sport ist einer der Schwerpunkte des neuen FiveThirtyEight, doch es gibt auch Ressorts wie Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Leben. Bei beiden Portalen fallen Datenjournalismus, also die Analyse großer Datensätze mit anschließender Visualisierung, und Erklärjournalismus zusammen.

FiveThirtyEight

Einer Versuchung, der Projekte wie Upshot und FiveThirtyEight erliegen könnten, ist allerdings, dass manche Themen durch komplexe Infografiken eher noch schwerer zugänglich werden. Die Vorstellung, dass sich die Welt in einer Grafik besser erklären lässt als mit 1000 Worten, ist natürlich schön, gut und manchmal auch richtig. Doch ein Selbstgänger wird nicht daraus, wenn ein Datenanalyst und ein Infografiker gemeinsame Sache machen. Die Frage bleibt die alte: wie viel Reduktion von Komplexität ist bei einem Thema nötig, wie wenig Komplexität ist aber möglich?

Das am wenigsten auf große Datenanalysen angelegte Portal ist Vox, das Ezra Klein aufgebaut hat (MEEDIA berichtete bereits einmal hier). Hier wird versucht, mit Worten, Videos und Animationen Sachverhalte in kleinere Einheiten zu zerlegen, um daraus wieder ein Ganzes zu formen. Klassische Medien machen das mit Frage-und-Antwort-Formaten bereits – doch Vox treibt dieses Prinzip beispielsweise mit 24 Fragen zum Israel-Palästina-Konflikt auf die Spitze. Das erinnert ein wenig an die News-App Circa, die aus Nachrichten beliebig erweiterbare Info-Punkte macht.

Vox

Bereits die Überschriften sollen hier signalisieren: Liebe Leser, wir verklickern euch jetzt mal, worum es beim Thema xy wirklich geht. „Die Lehre aus…“, heißt es beispielsweise. Oder eine Überschrift wird als Erklär-Fakt verkauft: „Katholiken sind viel liberaler als die Evangelikalen.“ Lustigerweise sind auch bei Vox offensichtlich die weniger komplexen Erklärstücke die Favoriten der Leser: „Wie wir Flugzeuge boarden ist völlig sinnlos“ und „Die beliebtesten Jungs-Namen der Welt“ standen am Montag oben in der Hitliste. Andere Texte, etwa „Wie Politik uns dumm macht“ von Ezra Klein sind eher Essays denn „Explainer“. Als Gegengewicht gibt es zweiminütige Videos, gesponsert von General Electric.

Als journalistisches Gesamtkonzept überzeugt Vox von den drei Portalen darum am meisten. Upshot ist ein Seitenarm der New York Times – die gut daran täte, die Erkenntnisse auf ihr gesamtes Journalismuskonzept zu übertragen. Noch wirken manche Texte allerdings mehr denn je wie Storys für Leute, die ein Thema ohnehin schon durchdrungen haben, oder die einen Doktortitel in Wirtschaftswissenschaften besitzen. Merke: Eine schöne Kurve macht noch keinen Aha-Effekt.

Im Netz wird sich ein Journalismus der drei Geschwindigkeiten etablieren: die superschnelle News, dann die schnelle Einordnung und mit einer Verzögerung das sogenannte Erklärstück. Portale wie Xox, FiveThirtyEight und Upshot können helfen, dass sich die Grundidee der Presse, Sachverhalte zu erklären, nicht verflüchtigt. Was aber die in der Überschrift gestellte Frage angeht, lautet die Antwort: Wirklich neu ist daran im Kern nichts. Aufregend ist höchstens, dass sich mal wieder jemand daran erinnert, wofür Journalismus eigentlich gut ist.

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