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Roboterjournalismus: Warum die Maschine nicht unser Feind sein muss

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Automatisierter Journalismus ist keine Bedrohung, sondern eine Chance - wenn Verlage die Roboterjournalisten mit Bedacht an richtiger Stelle einsetzen. Denn Maschinen können bei weitem keine Texte menschlicher Qualitäten liefern, sicher können sie aber für mehr Effizienz im Journalismus sorgen.

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Der so genannte Roboterjournalismus hält Einzug in Deutschland. Mit dem Berliner Startup Text-on, bei dem Ex-dapd-Chef Cord Dreyer mitmischt, und der Kommunikationsagentur aexea aus Stuttgart haben sich innerhalb kürzester Zeit gleich zwei Pioniere für automatisierten Journalismus in Deutschland vorgestellt. Die Branche diskutiert, was die computergesteuerten Texte für die Medienbranche bedeutet. Eine mögliche These: Roboterjournalismus bedroht den Job von Journalisten. Gegenfrage: Kann automatisierter Journalismus die tägliche Arbeit von Nachrichtenredaktionen nicht auch effizienter machen? Es mag eine alte – Kritiker würden sagen: naive – Utopie sein, dass Menschen und Maschinen sich ergänzen. Doch was in anderen Branchen funktioniert, könnte auch im Journalismus Sinn ergeben.

Folgendes Szenario, das sich die Stuttgarter Agentur aexea ausgedacht hat: Wie jeden Morgen, bevor Sie das Haus verlassen, checken Sie den Wetterbericht. Automatisierter Wetterbericht aexea Ihre App weiß, dass Sie Pollenallergiker sind, regelmäßig Sport treiben und Kinder haben. Exakt auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten sagt Ihnen das Handy nicht nur, wie warm oder kalt es wird. Es gibt Ihnen auch eine Kleidungsempfehlungen, errechnet die Wahrscheinlichkeit für Pollenflug, empfiehlt Ihnen sogar eine Freizeitempfehlung, der Sie dem Wetter entsprechend nachkommen können. Eine personalisierte Zusammenfassung erhalten nicht nur Sie, sondern auch Ihr Nachbar, Ihre Verwandten in anderen Städten, Ihre Freunde in anderen Ländern – alle gleichzeitig. Möglich ist das, weil die Wetterreports mithilfe einer Software automatisiert erstellt werden.

Aexea hat solch eine Software entwickelt und AX genannt. Sie verarbeitet in Bruchteilen von Sekunden Daten und bastelt sie zu einem Text. Die Software sucht sich aus einem Archiv entsprechende Textbausteine zusammen und setzt die Daten in die entsprechenden Lücken. Dieses Prinzip funktioniert bei all den Themen, denen große Datenmengen zugrunde liegen. Rund 3,5 Millionen Texte könnte AX derzeit pro Tag ausspucken. Die Stärken der Roboterjournalisten, sie liegen in der Schnelligkeit, in der Masse und in der Individualisierung. Nicht nur Anbieter von Wetterdiensten könnten von solchen Programmen profitieren. Je individueller Serviceanbieter auf ihre Kunden eingehen können, desto leichter wird es für sie, mit ihren Angeboten Geld zu verdienen.

Wo zusätzliche Erlöse durch bessere, weil personalisierte Services möglich sind, könnten diese in den klassischen, von Menschen gemachten Journalismus fließen. Alles Kleinteilige und Mühselige können die Algorithmen erledigen. Was Maschinen jedoch nicht können, bleibt dem Journalisten, dem Reporter vor Ort, dem Rechercheur oder Kommentator vorbehalten. Ohnehin kann der Computer nur das verarbeiten, was ihm zur Verfügung gestellt wird – der Mensch behält die Kontrolle. Auf spontane Ereignisse kann (noch) kein Algorithmus reagieren, weil er sie nicht registrieren kann. Beziehungsweise kann er das nur, wenn er entsprechende Daten in Echtzeit bekommt. Ereignisse ohne Datenbasis bleiben ihm unersichtlich – dass ein Flitzer ein Fußball-Spiel behindert, kann der Algorithmus zwar vielleicht noch auf Kommando melden, seine Gründe kennt er jedoch nicht.

Ebenso fehlt es der Maschine an der Fähigkeit emotionaler Einordnung. Ein Robo-Journalist kann über den Tod einer wichtigen Person berichten, vielleicht kann der Algorithmus sogar einen Nachruf mit den wichtigsten Daten (Geburtsdatum, -Ort, Beruf, wichtige Lebensstationen) schreiben. Subjektive Einordnung wird er aber nicht leisten können, weil ihm emotionale Zusammenhänge und Beobachtungen fehlen. War der Verstorbene ein glücklicher Mensch? Wie wurde er in der Gesellschaft wahrgenommen? Das kann eine Maschine nicht interpretieren. Auch Theaterkritiken, Buchbesprechungen, Interviews bleiben dem Journalisten vorbehalten, das alles bleibt Qualitätsjournalismus, handgemacht.

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Dennoch wird Roboterjournalismus das Berufsbild des Journalisten verändern. Schon jetzt gibt es Journalisten, einige von ihnen stehen erst am Anfang ihrer Karriere, die nicht nur recherchieren, sondern auch programmieren. Die sozialen Medien haben neue Berufsbilder im Journalismus geschaffen. Der Datenjournalismus kommt mit aller Macht in die Redaktionen hinein. Schon längst arbeiten Journalisten – bewusst und unbewusst – mit der Kraft der Algorithmen.

Die Maschine muss nicht Feind, sondern kann Freund sein. Sie durchkämmt und analysiert Daten, wie wir Menschen es nie könnten. Sie nimmt Redakteuren Arbeit ab – oder liefert Ergebnisse direkt in Textform, die Redakteure zu sprachlich anspruchsvollen Artikeln veredeln.

Wie automatisierter Journalismus funktionieren kann, zeigen Medien aus den USA. Das Wirtschaftsmagazin Forbes lässt sich vom Algorithmus des US-Unternehmens Narrative Science helfen. Der Computer bestückt das gleichnamige Blog des Wirtschaftsmagazins mit Bilanzprognosen. Eine Arbeit, die von Menschenhand zu mühselig ist. Besonders beliebt sind automatisierte Texte in der Sportberichterstattung. In den Staaten hat sich Statsheet.com auf Basketball-News spezialisiert, ein vergleichbares Projekt für Baseball setzt die Northwestern University um. Auch hier speist der Computer gewonnene Daten in vorgefertigte Satzbausteine, setzt Informationen aus Datenarchiven miteinander in Verbindung. Sportreporter sollten das der Maschine überlassen und die gewonnene Zeit  nutzen, um sich auf Hintergründe zu konzentrieren, statt (meistens auch eher langweilige) Spielberichte klassischer Machart zu texten.

Die deutschen Unternehmer, selbst ausgebildete Journalisten, sind ihrer eigenen Zukunft keine Feinde. Sie bieten Möglichkeiten, die Journalisten sich zunutze machen sollten.

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