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Renommierte Historiker beim Abschreiben aus Wikipedia erwischt

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Das Buch heißt “Große Seeschlachten - Wendepunkte der Weltgeschichte” erschienen ist es im C.H. Beck Verlag und die Autoren sind die beiden renommierten Historiker Arne Karsten und Olaf B. Rader. Nun hat ein studierter Geschichtswissenschaftler den Autoren in einem Facebook-Post nachgewiesen, dass in dem Buch einzelne Abschnitte ohne Kennzeichnung aus der Wikipedia übernommen wurden. Ein Wissenschafts- und Publizistik-Skandal bahnt sich an.

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Das Facebook-Posting von Arne Janning datiert vom 22. April, 14.25 Uhr. Mittlerweile dürfte dem 39-jährigen studierten Geschichtswissenschaftler dämmern, dass er da eine ziemlich gewaltige Lawine losgetreten hat. In dem Posting schreibt Janning, die beiden Historiker Karsten und Rader hätten ihr Buch “vollständig aus Wikipedia-Einträgen zusammenkopiert”. Als Nachweis liefert er einige Textstellen aus dem Buch, die komplett oder fast komplett identisch sind mit Wikipedia-Einträgen.

Waren da etwa Historiker als dreiste Mini-Guttenbergs unterwegs? Der frühere Verteidigungsminister Karl Theodor zu Guttenberg musste zurücktreten und seinen Doktortitel niederlegen, als sich herausstellte, dass er seine Doktorarbeit in weiten Teilen abgeschrieben hat. Ganz so schlimm scheint es hier nicht zu sein. Aber möglicherweise schlimm genug. Die Behauptung, dass das Buch “Große Seeschlachten” “vollständig aus Wikipedia Einträgen zusammenkopiert ist, lässt sich jedenfalls nicht aufrecht erhalten.

Das hat auch Janning mittlerweile eingeräumt. In einem Kommentar zu seinem Post schreibt er selbst: “‘Vollständig aus Wikipedia zusammenkopiert’ ist selbstverständlich überzogen, das würde ich heute vorsichtiger formulieren, nach all der Aufregung, die das Thema mittlerweile in sämtlichen deutschen Feuilletonredaktionen verursacht. Aber es sind eben doch ziemlich viele Stellen. Im Prinzip überall, wo man nur danach sucht. (…)”

Auch die Behauptung Jannings, die beiden “Seeschlachten”-Autoren hätten für die Buch-Recherche Fördergelder der DFG (Deutsche Forschungsgemeinschaft) erhalten, trifft offenbar so nicht zu. Die Autoren haben sich mittlerweile zu Wort gemeldet und weisen die Vorwürfe zurück. Gegenüber Spiegel Online sagte Rader, dass er und sein Co-Autor ausschließlich technische Details aus Wikipedia übernommen hätten. „Früher hat man dafür den Brockhaus benutzt, heute eben Wikipedia“, so Rader. Eine überaus steile Behauptung.

Hier mal ein Vergleich zweier Textstellen aus dem Buch und Wikipedia:

“Große Seeschlachten”:

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 Die Tatsache, dass die Rumpfgeschwindigkeit nur von der Wasserlinienlänge abhängt, ist der Grund, warum längere Schiffe – bei entsprechend starkem Antrieb durch Wind oder Ruderer – höhere Geschwindigkeiten erreichen können als kürzere Schiffe. […] Dies spiegelt sich in dem noch heute geläufigen Seglerspruch ‚Länge läuft‘ wider.

Wikipedia in dem Eintrag “Rumpfgeschwindigkeit”:

Die Tatsache, dass die Rumpfgeschwindigkeit nur von der Wasserlinienlänge abhängt, ist der Grund, warum größere Schiffe – bei entsprechend starkem Antrieb durch Wind oder Motorleistung – in Verdrängerfahrt höhere Geschwindigkeiten erreichen können als kleinere Schiffe. Dies spiegelt sich in der Redewendung “Länge läuft” wider.

Es ist offensichtlich, dass hier eben nicht einfach nur “technische Details” übernommen wurden. Der Satzbau ist identisch, lediglich einzelne Begriffe wurden getauscht (z.B. „Ruderer“ statt „Motorleistung“).  Abgesehen davon – für namhafte Historiker wäre es wohl auch zweifelhaft, wenn sie sich ungeprüft bei Wikipedia mit Fakten für eine Buchveröffentlichung eindeckten. Und auch, wenn sie Passagen aus dem Brockhaus übernommen hätten, wäre dies nach guter akademischer Sitte zu kennzeichnen gewesen.

Rader erklärt, die Sache sei für ihn und den Verlag sehr rufschädigend, die Rede ist von “übler Nachrede”. Ein Vertreter des Verlags C.H. Beck hat in den Kommentaren zu Jannings Post angekündigt, die Sache zu untersuchen, mehrere große Feuilleton-Redaktion sind an dem Thema dran. Laut den Hinweisen von einigen Kommentaren unter dem Janning-Post sollen sich auch noch in einem anderen Buch Raders zu Kaiser Friedrich II. Hinweise zu möglichen Wikipedia-Fragmenten finden. Rufschädigend ist die Geschichte für die Autoren, den Verlag und den Wissenschaftsbetrieb allemal. Das stimmt zweifelsohne. Die Frage ist nur: zu Recht? Wie wörtliche Abschnitte aus einem Online-Lexikon in ein Fachbuch gelangen können, das müssen die Autoren und der Verlag schlüssig beantworten, wenn sie ihren Ruf retten wollen. Man kann für die “Seeschlachten”-Autoren hoffen, dass sie bessere Antworten haben, als einst Baron zu Guttenberg. Diese Schlacht ist noch lange nicht geschlagen.

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