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Bild-Mann Ronzheimer: „Internet hat die Arbeit aller Reporter verändert“

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Er ist der Bild-Mann in der Ukraine und in seinen Reportagen fast so präsent wie die Menschen, über die er berichtet. Spätestens seit seinem umstrittenen Dauer-Einsatz in Sachen "Pleite-Griechen" gehört Paul Ronzheimer zu den bekanntesten Gesichtern einer neuer Generation von Bild- und Ego-Reportern. Im MEEDIA-Interview erzählt er, wie er arbeitet, wie er die aktuelle Situation in der Ukraine einschätzt und warum es heute noch wichtiger ist, sich durch Personalisierung abzuheben.

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Wo sind Sie gerade?
Ich bin derzeit in Slawyansk, so etwas wie die Hochburg der pro-russischen Kämpfer. Hier hat sich die Lage in den vergangenen Stunden weiter verschärft, viele schwer bewaffnete Männer kontrollieren die gesamte Stadt, es gibt neue Auseinandersetzungen an den Checkpoints, einige Menschen werden vermisst.

Seit wann sind Sie in der Ukraine?
Seit Dezember berichten wir fast durchgehend aus der Ukraine. Zunächst von den Protesten am Maidan, dann von der russischen Invasion auf der Krim, jetzt aus der Ostukraine.

Wie lange waren Sie im vergangenen Jahr unterwegs?
Insgesamt mehr als fünf Monate.

Wie muss man sich das Leben des Journalisten Paul Ronzheimer vorstellen?
Wir haben Hotelzimmer in Slawjansk und aus Sicherheitsgründen auch in Donezk. Morgens früh entscheiden wir, wohin wir fahren, ob wir schnelle Live-Berichte oder längere Hintergründe produzieren. Wir arbeiten meist bis spätabends, da sich die Nachrichtenlage in der Ukraine noch immer ständig verändert. Bleibt danach Zeit, besprechen wir uns viel mit Kollegen oder treffen Ukrainer und pro-russische Kräfte für Hintergrundgespräche.
Wichtig ist für mich auch, den politischen Draht nach Kiew zu halten und mit den Präsidentschaftskandidaten sowie Vitali Klitschko im Gespräch zu bleiben.

In Afghanistan wurde gerade erst Anja Niedringhaus erschossen. Haben Sie oft Angst um Ihr Leben? Wann zuletzt? Wo war die Situation am schlimmsten?
Trotz aller Unruhen hier sind die Ereignisse in der Ukraine in keiner Weise mit der Situation in Afghanistan zu vergleichen. Die Reporter dort oder noch viel mehr in Syrien sind größeren Gefahren ausgesetzt.
Ich versuche immer, trotz unseres Anspruchs besonders nah dran zu sein, kein unnötiges Risiko einzugehen. Die heikelste Situation in der Berichterstattung hier waren aus meiner Sicht die Schüsse am Maidan. Wir wussten damals nicht sofort, von wo genau geschossen wird, dann gab es immer mehr Tote.

Können Sie uns ein wenig erzählen, wie sie arbeiten? Sind sie alleine unterwegs? Immer mit einem Fotografen, Übersetzer?
Ich bin so gut wie nie alleine unterwegs, arbeite immer mit Fotografen beziehungsweise Videojournalisten zusammen. Dazu kommt im besten Fall jemand, der sich in der speziellen Region besonders gut auskennt und bei Übersetzungen helfen kann. In Slawjansk sind wir jetzt zu dritt unterwegs und ich denke, dass man nur als Team hier arbeiten sollte.

Was glauben Sie: Wie unterscheidet sich Ihre Arbeit zu der von früheren Generationen von Krisenreportern?
Es ist wie bei allen Journalisten: Das Internet hat die Arbeit aller Reporter stark verändert, auch aus Krisenregionen muss die Berichterstattung so aktuell wie möglich sein, ständig aktualisiert werden. Ich finde, dass das Internet uns großartige Möglichkeiten eröffnet hat. Durch Videos können wir zum Beispiel einen viel authentischeren Eindruck vermitteln. Persönlich nutze ich seit einem Jahr Twitter sehr intensiv, um selbst schnelle Tweets zu schicken, aber auch, um zu sehen, wo und was andere Kollegen in der gleichen Stadt gerade berichten. Das hilft sehr. Bild wird auch international immer mehr als Bewegtbild- und Liveformat wahrgenommen. Ein Video von meinem Kollegen Andreas Thelen und mir wurde sogar in der „Daily Show“ gezeigt. Darauf zu sehen war ein Soldat auf der Krim, der uns gegenüber erstmals offen zugab, aus Russland zu stammen.

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Dailyshow-Ronzheimer

In unserer Wahrnehmung sind Sie als Person präsenter in der Krisenberichterstattung als andere Kollegen. Stimmen Sie dem zu oder sehen Sie das anders?
Bei Bild war es schon immer so, dass die Reporter präsenter sind als in vielen anderen Medien. Mein Kollege Julian Reichelt, der jetzt Chefredakteur von Bild.de ist, hat in den vergangenen zwei Jahren zum Beispiel so intensiv wie kaum ein anderer aus Syrien berichtet. Und durch seine Person in der Berichterstattung ist für viele der brutale Konflikt erst verständlich geworden.

Ist es für Sie wichtig, dass Sie ein Teil der Berichterstattung sind?
Es geht dabei nicht um mich, sondern um die Frage, wie wir unsere Berichte am besten transportieren können. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass wir unseren Lesern mit der Sichtbarkeit der Reporter eine bessere Orientierung geben und die Zusammenhänge besser erklären können.

Fühlen Sie sich als prominenter Vertreter des Trends, dass Journalisten heute zu Marken werden müssen?
Nein, diesen Trend gibt es ja zum Beispiel in den USA schon viel länger. Wir versuchen bei Bild uns mit einer besonderen Personalisierung von anderen Zeitungen und Internetplattformen bewusst abzuheben, um eben anders zu sein. Gleichzeitig finde ich es sehr hilfreich, mit Lesern oder Zuschauern in direkten Kontakt zu kommen. Und das geht eben nur, wenn man auch als Person wahrgenommen wird.

Sie erleben die Ukraine-Krise und die handelnden Personen so nah wie kaum ein anderer deutscher Journalist. Ihre Einschätzung: In welche Richtung wird sich die Situation entwickeln?
Es ist in dieser Krise sehr schwer, irgend etwas vorauszusagen, denn das würde wohl einen direkten Draht zu Wladimir Putin erfordern. Ich hätte nicht mit einer Invasion auf der Krim gerechnet und danach zunächst auch nicht mit einer Eskalation in der Ostukraine. Das, was ich in den letzten 14 Tagen in Slawyansk gesehen habe, macht auf mich nicht den Eindruck, dass hier schnell Frieden einkehren wird. Die pro-russischen Kämpfer wollen mit aller Macht ein Referendum und Russland hat ein Interesse an einer Destabilisierung der Ukraine.

Wie schlagen sich denn die anderen deutschen Medien in der Ukraine-Krise?
Viele Reporter hier vor Ort machen tolle und engagierte Arbeit, zum Beispiel Dirk Emmerich und Adam Halup von RTL, Christoph Wanner und Jakob Bienheim von N24 oder auch die Kollegin Julia Smirnova von der Welt.

Das Interview wurde via E-Mail geführt

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