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Allegra, oder: als das Anderssein noch ein Geschäftsmodell war

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Allegra - damals und heute

Wir schreiben das Jahr 2014. Bei Axel Springer erscheinen seit dem Verkauf eines Titelpakets an die Funke-Gruppe keine neuen Zeitschriften mehr. Gar keine? Stimmt nicht. Zehn Jahre nach der Einstellung gibt es nun eine Revival-Ausgabe der Frauenzeitschrift Allegra. MEEDIA hat sie sich angeschaut.

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Doch, man erkennt sie gleich wieder. Die Allegra. Gegründet 1994 von Andreas Petzold („Ach du heilige Scheiße, was hast du da angerichtet?“), abgesegnet vom damaligen Springer-Chef Jürgen Richter („Gut, wir machen das!“), eingestellt 2004 von Vorstand Andreas Wiele („keine  ausreichende wirtschaftliche Perspektive„).

Anders wollte das Frauenmagazin mit dem stets schwarzweißen Cover sein, unkonventioneller, frecher, weniger angepasst. Bis zu seiner Einstellung ein Blatt, in dem Autoren wie Sibylle Berg und Helge Timmerberg sich „austoben“ (Ex-Chefredakteur Andreas Möller) konnten. Doch dann sanken die Umsätze, weniger Anzeigen, „die neue Verlagsspitze“ hatte „die Idee von Allegra nicht verstanden“ (Möller). Um noch einmal den ehemaligen Chefredakteur zu zitieren, der zum Einstieg über eine Doppelseite an die alte Allegra erinnert: „Anderssein schärft zwar das Profil, ist aber allein noch kein Geschäftsmodell.“

Doppelseite Allegra

Und nun eine Wiederbelebung, oder: Revival, wie Springer das nennt. Was frischer klingt und nicht ganz so religiös wie das deutsche Wort. Als Redaktionsleiter wurden Uli Morant (Ex-Vizechefin Jolie) und Joachim Hentschel (Ex-Vizechef Rolling Stone) verpflichtet. Eine ganze Stange Anzeigen wurde verkauft – eine Wiederauferstehung genießt besondere Aufmerksamkeit und zieht folglich Werbekunden an. Der Verkaufspreis von 4,90 Euro zielt auch auf die alten Fans ab. Denen ist im Zweifel egal, ob „ihr“ altes Heft drei oder fünf Euro kostet.

Aber was steht denn nun drin? Der Textanteil ist sehr hoch – höher jedenfalls als bei anderen Frauenzeitschriften. Eine ganze Reihe von Texten läuft über drei Doppelseiten. Im Einstieg geht es, soviel Nostalgiebefriedigung muss wohl sein, um die eigene Selbstbeweihräucherung. Mutig, originell, eben anders war man damals. Was die Latte für die Neuauflage entsprechend hoch hängt. Ist dieser Teil erstmal gelesen, kommt’s drauf an. Kann eine Allegra im Jahr 2014 bestehen, ohne sich als einmalige Feier ehemaliger Großartigkeit durchzumogeln?

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Doppelseite Allegra

Antwort: Kann sie. Die Revival-Allegra ist gut gemacht und hat viele Facetten, von der Dating-Reportage aus dem Valley (nicht ganz so überraschend) über einen Gentrifizierungsreport (eher überraschend), eine ziemlich realitätsnahe Beschreibung des Lebensgefühls von Eltern (ja, erinnert an Nido, aber warum auch nicht) bis zu einer ungewöhnlichen Akt-Strecke. Eher konventionell die Beauty-Abteilung, der Kultur-Teil hat gute Stücke, wirkt aber etwas drangeklatscht ans Heft, ein „Dossier“ mit 20 Fragen an 20 Frauen ist nicht durchgängig zwingend („Wann wird es Zeitreisen geben?“). Ein Autorenblatt ist Allegra geblieben – eine Menge gute Leute haben mitgemacht. Nur Frau Berg leider nicht.

Nun, wir wissen es alle: die Vergangenheit, sie kommt nicht wieder. Konzepte für Zeitschriften kommen und gehen. Manchmal, wie etwa bei zeitgeistigen Blättern wie Max, überlebt sich ein Konzept auch wieder. Allegra im Jahr 2014 ist eine gute Zeitschrift geworden, die sich zum Glück nicht als Übung in Sachen Nostalgie versteht. Ob sie noch das „Besondere“, das „Andere“ hat – schwierig. Ein Begeisterungsfunke ist beim ersten Lesen nicht übergesprungen, aber: das Blatt ist wieder über weite Strecken eine Zeitschrift für Frauen, die eigentlich keine Frauenzeitschriften lesen. Und das ist ein Lob. Wird’s ein Wiedersehen geben? Bei Springer äußert man sich offiziell nicht dazu. Sollte sich das Heft gut verkaufen, ist eine Fortsetzung des Revivals aber nicht ausgeschlossen. „Anderssein“ sollte wieder zu einem Geschäftsmodell werden.

Die Revival-Allegra erscheint im Axel Springer Mediahouse, das u.a. auch den deutschen Rolling Stone, den Musikexpress und den Metal-Hammer herausgibt.

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