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Schweizer „Tatort“ zu Ostern: Tote reden nicht mit jedem

Müssen bei der Mördersuche im Drüben fischen: Schweizer Kommissare Flückiger und Ritschard bei der Arbeit
Müssen bei der Mördersuche im Drüben fischen: Schweizer Kommissare Flückiger und Ritschard bei der Arbeit

Drei Ex-Männer und ein Todesfall: Der Schweizer "Tatort" aus Luzern wartet am Ostermontag mit einem komplizierten Beziehungsgeflecht auf, das Flückiger und Ritschard Rätsel aufgibt: Tief im Dickicht zerstörter Illusionen muss die Lösung liegen, aber die Suche lässt die Ermittler fast verzweifeln.

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Die Story

Donna Müller stürzt spätabends von einer Brücke auf Bahngleise und ist sofort tot. Zurück bleiben drei minderjährige Kinder. Selbstmord scheidet aus, und so begeben sich die Luzerner Ermittler Reto Flückiger (Stefan Gubser) und Liz Ritschard (Delia Mayer) auf eine mühselige Spurensuche. Die Kinder stammen alle von verschiedenen Vätern, die Ermordete war eine fortgeschrittene Spirituelle, deren frühere Partner jeder für sich ein Motiv hat und als Verdächtiger in Frage kommt. Und dann ist da noch der obskure Verein für „Väter-Rechte“, der offenbar Frauen nach Trennungen einschüchtert und drei Kinder, die den Kommissaren misstrauen. Die Nachforschungen von Flückiger und Ritschard drehen sich im Kreis, bis sie auf den Esoterik-Lehrer der Toten stoßen: Pablo Guggisberg (Grégoire Gros) behauptet, mit Verstorbenen in Kontakt treten zu können und bietet seine Hilfe an. Die Ermittler sind uneins: Haben Sie es bei dem Medium mit einem geschäftstüchtigen Scharlatan oder einem wertvollen Tippgeber zu tun?

Die Story hinter der Story

„Zwischen zwei Welten“ handelt nur vordergründig von der Alltagsrealität und dem spirituellen Paralleluniversum, denn beides ist vor allem die Kulisse für die Tragik kaputter Beziehungen. Die Hauptpersonen sind darin allesamt gescheitert und nun auf sich gestellt. Am meisten aber leiden die Kinder, stumm oder mit jähzorniger Aggressivität auch gegen die, die ihnen helfen wollen. So wirken auch mit Kuscheltieren überfrachtete Kinderzimmer in diesem Krimi steril und leblos.

Sind die Ermittler in Form?

Es ist nicht leicht, mit dem von Konstanz nach Luzern versetzten Kommissar Reto Flückiger und seiner Kollegin Liz Ritschard warm zu werden. Zu verkopft, zu reduziert wird das Duo in seiner Arbeit und dem bisschen Privaten inszeniert. Schauspielerisch mag das eine starke Leistung sein, aber die geht auf Kosten von Zuschauerbindung und Empathie. Die Ermittler scheinen ständig mit sich selbst beschäftigt und getrieben, mit ihrem Job gegen eine große innere Leere anzukämpfen. Irgendwie erinnert die Krimi-Konstellation, auch optisch, an den vom TV-Publikum wenig geliebten Cenk Batu alias Mehmet Kurtulus, der in Hamburg über einige Jahre den Undercover Cop gab.

Der Satz zum Mitreden bzw. Mitstreiten

Statt eines Satzes hier drei Zitate, die zugleich Temperatur wie Lerneffekt des Luzern-Krimis ausdrücken:

„Okay, ich habe Kontakt.“ (das Medium, mit geschlossenen Augen)

„Überall nur noch Männer hassende Feministinnen – keine Chance haben wir gegen diese Frauen!“ (Mitglied der radikalen Organisation „Väter-Rechte“)

„Midlife-Crisis? Dafür bist Du doch schon zu alt.“ (Kollegin Liz zu Kommissar Flückiger)

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Was taugt das Drehbuch?

Dass der Zuschauer lange keinen Schimmer hat, wer von den vielen Verdächtigen am Ende als Täter überführt und in den Streifenwagen verfrachtet wird, macht den Fall nicht besser. Alles wirkt arg konstruiert und auf ein gesellschaftliches Dilemma hingetrimmt. Die Dialoge sind ebenso spaß- wie überraschungsfrei, das Dramatische lastet bleischwer auf einer Story, die nur mühsam in Gang kommt. Großartiges Detail: die Auftritte des juvenilen spirituellen Coaches Pablo Guggisberg, der den Rest des Ensembles mit esoterischer Entrücktheit an die Wand spielt. Am Ende ist alles vorbei, aber nichts besser. In der Schlussszene krault der Kommissar nach einem Kopfsprung von seiner Yacht durchs Hafenbecken, zumindest einen Augenblick lang glücklich, der Tristesse eines Falls entronnen zu sein, der kein Einzelfall ist, sondern sich – wenn auch ohne tödlichen Ausgang – hinter hunderten von Luzerner Hausfassaden verbirgt.

Gossip-Schnipsel: Mit dieser Hintergrund-Info können Sie punkten

In Deutschland gehen (dem Thema gegenüber wohlwollend angelegte) Umfragen davon aus, dass 10 bis 15 Prozent der Bevölkerung der „spirituellen Sinnsuche“ gegenüber aufgeschlossen sind; amerikanische Erhebungen sollen sogar ergeben haben, dass in den USA rund 20 der Befragten überzeugt sei, man könne mit Toten in Kontakt treten.

Eher peinlich

Ermittler mit Ego-Problemen, der auf einem Boot wohnt – das hatten wir doch schon mal, von Sonny Crockett über Schimanski bis hin zu Reto Flückiger. Originell ist das nicht, vor allem, wenn der Kommissar eine solche Spaßbremse ist wie der Luzerner, der selbst im Salon seiner eigenen Segelyacht wie ein ungebetener Gast wirkt.

Offene Fragen

Seit wann spielt man die Rückhand beim Squash beidhändig? Und wäre der Fall ohne den Fachmann fürs Spirituelle je gelöst worden?

Fazit

Krimi-Existenzialisten kommen beim „Tatort“ aus Luzern auf ihre Kosten, wer’s lieber menschelnd mag, wird sich dagegen mit den Ermittlern und ihrem Fall schwer tun. Mehr als solide Einschaltquoten wären eine Überraschung, zumal auch die Story arg konstruiert erscheint.

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