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Reagieren oder Ignorieren: So gehen Medien mit dem Anonymous-Spam um

Überfluteten Medien mit Spam-Kommentaren: deutsche „Anonymous-Seite.
Überfluteten Medien mit Spam-Kommentaren: deutsche "Anonymous-Seite.

Die Facebookseiten deutscher Medien werden seit Tagen von Protestkommentaren überflutet. Auslöser war ein Aufruf auf einer Facebookseite, die das Hacker-Kollektiv "Anonymous" als Absender angibt. Für die Redaktionen sind die Attacken eine Herausforderung, die Kommentar-Massen schwer zu bewältigen. MEEDIA hat nachgefragt, wie die Medien damit umgehen.

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Für Christian Stöcker wird der letzte Tag vor den Osterfeiertagen vermutlich einer der nervigsten Arbeitstage, die er seit langem hatte. Unbekannte haben vergangene Nacht die Telefonnummer des Spiegel Online-Redakteurs im Internet veröffentlicht  – weil er sich mit den Hintergründen der Facebook-Kommentarflut beschäftigt hat, die seit Dienstag nicht nur Spiegel Online, sondern auch zahlreiche andere Medien beschäftigt. Nun steht das Telefon offenbar nicht mehr still.

In ihrem Aufruf haben die Betreiber der Seite ihre Follower aufgefordert, auf den Facebookseiten deutscher Medien zu verbreiten, diese würden neue „Montagsdemos“ zu Tode schweigen. In dem Posting heißt es weiter, eine deutsche “Medien-Mafia” berichte zu einseitig-kritisch über die Politik Russlands. Auch dagegen sollte protestiert werden. Mit dem Aufruf wollte man deutschen Medien eine „Falle“ stellen, heißt es in einem weiteren Posting von Mittwochabend.

In seinem Artikel „Russland-Freunde aus der rechten Ecke“ erklärt Stöcker, die „Neuauflage der ‚Montagsdemonstrationen'“ sei ursprünglich eine Aktion von Gegnern der Hartz-Reformen für den Arbeitsmarkt gewesen, die nun aber „offenbar mancherorts von einer seltsamen Mischung aus Esoterikern und rechten Verschwörungstheoretikern vereinnahmt worden“ sei. Ähnliches Gedankengut stehe auch hinter der Facebookseite „Anonymous.kollektiv“, von der aus die Protest-Welle initiiert wurde: „Antiamerikanismus, Antisemitismus, Esoterik“. Stöcker verweist auf Stellungnahmen im Netz, der mutßmaßliche Betreiber der Seite habe keinerlei Verbindung zu Anonymous, sei nur ein „Trittbrettfahrer“. Ähnliches berichtet auch das Magazin Vice.

Reagieren oder ignorieren? Während es angesichts der vielfach kruden Protestmails Gründe geben könnte, die von anonymer Seite gesteuerte Aktion einfach auslaufen zu lassen, um ihr nicht eine Plattform zu bieten, haben sich doch eine Reihe von bekannten Medien dazu entschlossen, die möglichen Hintergründe der Aktion zu thematisieren.

Ähnlich wie Spiegel Online haben auch andere von den Spam-Attacken betroffene Medien reagiert. Sie thematisieren die Massenpostings. So berichtet beispielsweise der Norddeutsche Rundfunk auf seinen Ratgeberseiten über den Fall. Auch die Redaktionen des Deutschlandfunk haben das Thema in ihrer Berichterstattung (nicht nur Online, sondern auch im Radio) aufgegriffen. Zunächst waren die öffentlich-rechtlichen Sender offenbar die einzigen Medien, die versucht haben, Stellung gegenüber den Protest-Kommentaren zu beziehen. Immer noch posten Social-Media-Redakteure die Stellungnahme unter die Kommentare und verweisen auf Beiträge, die die Vorwürfe der Aktivisten relativieren sollen. Dabei beziehen sich die Redakteure medienübergreifend auf einen Beitrag des Medienmagazins „Zapp“.

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Andere Redaktionen beschränkten sich darauf, die aus den Fugen geratenen Kommentarspalten – gepostet wurde wahllos unter Facebook-Einträgen aller Art – zu kontrollieren und zu moderieren. So beispielsweise Süddeutsche.de: „Wir moderieren einiges von dem Spam weg, alles schaffen auch wir nicht. Die Massivität entwertet die Kritik und lässt die Kampagne dahinter offenbar werden; natürlich entbehren die Vorwürfe jeder Grundlage, aber Argumenten sind die Aktionisten nach allgemeiner Erfahrung mit dieser Kampagne eher nicht zugänglich“, schreibt Online-Chefredakteur Stefan Plöchinger auf Nachfrage. Seine Redaktion und er setzen darauf, „dass unsere Leser selbst merken, dass es hier um eine Kampagne geht, da müssen wir nicht noch den Scheinwerfer drauf richten — genau darauf zielt ja eine solche Aktion, auf Publizität für die Spammer.“

Ähnliche Erfahrungen haben auch die Redakteure von Focus Online gesammelt. Dort ist die Kommentarflut so stark, dass „zeitweise jede vernünftige Diskussion unserer Facebook-Community zunichte“ gemacht wurde, erklärt Marketing-Leiter Tim Nocken. FAZ-Digitalchef Mathias Müller von Blumencron sagt, fragwürdige Kommentare auf den Social-Media-Kanälen wie auch in den Kommentarspalten auf FAZ.net würden „zum Teil“ entfernt. FAZ.net lege aber Wert auf den Versuch der Moderation, man habe zudem den Facebook-Spamfilter mit entsprechenden Schlagworten versehen. „Wir versuchen in solchen Fällen zunächst, die Diskutanten zur Mäßigung zu bringen, wenn das nicht hilft, beenden wir die Debatten.“ Am Donnerstag hat der Online-Ableger der Zeitung das Thema ebenfalls aufgreifen.

Für die Redaktionen ist schwer abzuschätzen, von wie vielen Personen die Facebook-Attacken tatsächlich kommen. Wie Stöcker in seinem SpOn-Artikel schreibt, könnten es „ein paar Dutzend, vielleicht auch ein paar Hundert“ Nutzer sein. Die Zahl der Kommentare liege bei einigen Hundert. Seitens FAZ.net heißt es, man habe in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch rund 550 Kommentare durch den Spamfilter aussortieren können.

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