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Wie aus Giovanni di Lorenzo einmal Hans Lorenz von der AZ wurde

Hans Lorenz, freier Feuilleton-Mitarbeiter der Abendzeitung
Hans Lorenz, freier Feuilleton-Mitarbeiter der Abendzeitung

Günter Wallraff ist der Mann, der bei Bild Hans Esser war. Und Zeit-Chef Giovanni di Lorenzo ist der Mann, der bei der Abendzeitung der Feuilleton-Autor Hans Lorenz war. Die aktuelle spielt auf niederträchtige Art mit Emotionen, Springer-Chef Döpfner äußert sich zur Causa Hoodiejournalismus und dann war da noch diese haarige Geschichte ...

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Die Münchner Abendzeitung hat eine kleine Rubrik, in der Leser über ihr besonderes Verhältnis zur AZ erzählen. Diese Woche gab mit Zeit-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo ein hochkarätiger Medienpromi seine AZ-Schote zum Besten. Unser Don Giovanni verdiente sich bei der AZ nämlich erste journalistische Sporen. Er hatte der Putzfrau des italienischen Regisseurs Franco Zeffirelli (“Tee mit Mussolini”, “Hamlet”) ein Interview mit dem Meister abgeschwatzt und erfolgreich an die Abendzeitung verkauft. Aber lassen wir ihn selbst erzählen, was dann geschah: “Als ich in der Früh die Autorenzeile las, traf mich der Schlag: Statt Giovanni di Lorenzo stand da ‘Hans Lorenz’. Es dauerte, bis ich eine Auskunft bekam, wie man meinen Name derart hatte entstellen können: Der Chef vom Dienst habe die Namenszeile bemerkt und beschlossen,’wenn schon Pseudonym, dann ein glaubwürdiges’. So erfuhr ich eine kleine, saugemeine Eindeutschung.” Was für eine wunderbare Medien-Anekdote. Man liest sie immer wieder gerne. (gefunden bei @breisacher)

Ex-Rennfahrer Michael Schumacher scheint es wieder ein bisschen besser zu gehen. Er zeige „Momente des Bewusstseins und des Erwachens”, teilte seine Managerin am Freitag mit und die Medienschar war erwartungsgemäß ganz aus dem Häuschen. Das Blättchen die aktuelle titelte bereits am vergangenen Samstag zu einem Foto von Schumi und seiner Frau: “Das Schumi Schicksal! Aufgewacht!” In bewährter aktuelle-Manier war dies eine Schlagzeile, die jeder Wahrhaftigkeit entbehrt und offenbar einzig und allein darauf abzielt, Käufer(innen) am Kiosk zu besch… Das “Aufgewacht!” bezieht sich  – natürlich – nicht auf Schumacher, sondern auf irgendwelche anderen Leute, die berichten, wie es ihnen ging, als sie aus dem Koma erwachten. Man kennt diese Mätzchen von der aktuellen. Dieses perfide Spiel mit Emotionen, bei dem es um einen Menschen geht, der im Koma liegt und mit dem Tode ringt, das ist wirklich verabscheuungswürdig und hat mit Journalismus nichts mehr zu tun.

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Nun zur Abwechslung mal gute Mediennachrichten. Das Pinneberger Tageblatt hat am Mittwoch verkündet, künftig seine Mantelseiten wieder selbst zu produzieren. Hurra! Damit schwimmt die Lokalzeitung erfreulich gegen den allgegenwärtigen Schrumpf-Trend. Chefredakteur Holger Hartwig sagt: “Wir werden so in allen Produkten eine bessere Ausrichtung der Inhalte auf die Lebenswelt der Menschen im Muskelgürtel von Hamburg erreichen und zudem tagesaktuell die lokalen und regionalen Inhalte optimal verzahnen.” Ergibt doch Sinn! Bis auf den irritierenden Begriff vom “Muskelgürtel” vielleicht. Die Freude über die gute Nachricht hat die Pinneberger offenbar derart in Feierlaune versetzt, dass sie die Pressemitteilung zuerst als Word-Dokument inklusive aller Korrekturanmerkungen verschickt haben. Kurze Zeit später wurde die PM dann nochmal versendet und Chefredakteur Hartwig erklärte und entschuldigte sich sympathisch offen: “Manchmal spielt einem die Technik einen Streich – oder man selbst ist nicht bei der Sache… (…) Ich bitte den Fehler, der mir durchaus peinlich ist, und den damit für Sie verbundenen zusätzlichen Aufwand zu entschuldigen.” Muss Ihnen gar nicht peinlich sein, Herr Hartwig, bei so feinen Nachrichten.

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Aus dem beschaulichen Pinneberg zurück in die große, weite Welt des Hoodiejournalismus. Zum Thema hat sich nun der große Vorsitzende (2,02 Meter) des Verbands der Kapuzenpulliträger i.Gr., Axel Springer CEO Mathias Döpfner, zu Wort gemeldet, und zwar im Wall Street Journal Deutschland. Grandmaster “D” sayz: “Natürlich hat die Möglichkeit der Interaktivität und der damit verbundenen User-Generated-Elemente auch dazu geführt, dass hier und da sprachliche oder erzählerische Finessen in den Hintergrund gerückt worden sind, weil man begeistert war, dass man so etwas überhaupt zur Verfügung hat. Natürlich ist die technische Messbarkeit, das Messen von Klicks und damit das Messen von Leserinteresse hier und da auch eine Verführung gewesen, nur noch das zu bieten, was auch die höchsten Klickraten erzeugt – und das ist dann oft eher das Gossip-Element als kritische Hintergrundbetrachtung.” Aber dass der digitale Vertriebsweg dazu führe, dass Inhalte flacher, dümmer und oberflächlicher würden, hält Döpfner, der selbst gerne mal einen Hoodie überstreift für “den größten Humbug, den es gibt.”

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Grandmaster „D“ sayz: „At over 2 m tall I’d really be stuck if it weren’t for the emergency exit.“ Yo, man!

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Das bedeutet also, dass Bild.de, das journalistische Top-Produkt aus dem Hause Axel Springer, auch ohne die allgegenwärtige Verführung potenziell hoher Klickraten genauso einen Gaga-Sermon über Promis und Schamhaare abgelassen hätte, wie es in dieser Woche mit allen sprachlichen und erzählerischen Finessen (“Die große Schamhaar-Debatte in Bild: Kahlschlag, Landebahn oder gepflegter Garten”) durchexerziert wurde. Na dann.

Schönes Wochenende!

PS: Falls Sie sich gefragt haben, warum diesmal nichts über Bild-Chefredakteur Kai Diekmann und seinen Bart im Wochenrückblick steht –  eigentlich wollten wir das Thema wenigstens eine Woche lang ruhen lassen. Eigentlich. Dann aber erblickten wir am Freitagmorgen diesen Tweet des geschätzten Kollegen und Buch-Autoren (u.a. “Der Kai”) Bulo:

Na, dann muss es ja wohl sein. Hier bittesehr, der Beitrag von Dschungelcamp-Autor Micky Beisenherz zur großen Schamhaar-Debatte. Starring “der Kai”:

Und, lieber Bulo, kriegen wir jetzt den Kai-der-Woche-Button!?

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