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„Das Zeit Magazin ist die emotionale Seite der Zeit“

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Zum ersten Mal muss sich das Zeit Magazin alleine am Kiosk mit der Konkurrenz messen. Die internationale Ausgabe des Heftes, das es ansonsten nur zusammen mit dem großen Mutterblatt zu kaufen gibt, geht in Serie. Im MEEDIA-Interview verrät Chefredakteur Christoph Amend, was das Erfolgsgeheimnis der englischen Ausgabe ist und kündigt einen einem völlig neuen digitalen Auftritt des Zeit Magazins an.

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Ist die internationale Ausgabe des Zeit Magazins eine ernsthafte wirtschaftliche Unternehmung oder nicht doch eher ein PR-Instrument? Also eine tolle Mappe für Verlag, Autoren und Fotografen?
Die Zeit und das Zeit Magazin werden längst auch im Ausland als Erfolgsgeschichte wahrgenommen. Und mit der internationalen Ausgabe des Magazins haben viele, die von uns schon einmal gehört haben, aber kein Deutsch können, erstmals die Gelegenheit, uns zu lesen. Als wir die erste Ausgabe vor einigen Monaten in Mailand vorgestellt haben, sagte eine Italienerin anschließend: „Ich bewundere das Haus der Zeit seit vielen Jahren, jetzt habe ich endlich einen Schlüssel, um das Haus zu betreten.“ Wir haben uns auch gefreut, als sich die Chefredakteurin des New York Times-T-Magazins mit Komplimenten zu unserem Heft gemeldet hat – und fragte, ob wir ihr noch ein paar Exemplare schicken könnten. Sie wollte sie ihrem Management zeigen.

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Hoffentlich nicht als Negativ-Beispiel?
Sie klang nicht so. Wir sprechen mit dieser besonderen Best-of-Ausgabe ja verschiedene Leser an: Fans, die das Heft sammeln und auch Leser, die das Zeit Magazin gerne lesen, wenn auch vielleicht nicht jede Woche. Und eben ein internationales Publikum, das sich für besondere Magazine interessiert. Deshalb achten wir darauf, dass wir jene Themen aus dem wöchentlichen Magazins übernehmen, die für Leser in Paris genauso interessant sind wie für Leser in München. Nehmen Sie die Reportage unserer China-Korrespondentin Angela Köckritz über das unglaubliche Ritual der Geisterhochzeiten, das Porträt von Michael Douglas oder Elisabeth Raethers Interview mit den amerikanischen Olsen-Zwillingen, die erst als Kinderstars berühmt wurden und heute als Modemacherinnen respektiert werden.

Interessiert man sich in New York, Mailand oder Shanghai nicht für deutsche Themen?
Doch, deshalb haben wir beispielsweise Juergen Tellers Fotoessay aus seiner deutschen Lieblingsstadt Frankfurt am Main im Heft und eine Auswahl unserer Deutschlandkarten-Reihe. Besonders groß ist im Ausland das Interesse an Berlin, wie man gerade in diesen Tagen wieder lesen kann, wenn amerikanische Magazine wie der New Yorker ernsthaft darüber reflektieren, wie cool das Berghain heute noch ist. Wenn alles zusammenkommt, das Internationale und Lokale, wie etwa in dem Portfolio von Ai Weiwei, das er für uns im Vorfeld seiner Berliner Ausstellung zusammengestellt hat – umso besser.

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Was ist denn der „Berlin State of Mind“, der so groß auf dem Heft draufsteht?
Diese Lebenseinstellung hat Kurt Tucholsky vor vielen Jahren einmal wunderbar beschrieben: „Berlin wird.“ Die ständige Veränderung findet noch immer statt. Und sie macht den Geist der Stadt aus – auch wenn das Land Berlin dieses Prinzip beim Flughafenbau etwas zu wörtlich genommen hat.

Warum traut sich sonst kein Verlag seine Texte einfach auf Englisch noch einmal zu veröffentlichen?
Das internationale Zeit Magazin hat ein klares Konzept: Wir stellen unsere besten Geschichten und Bilderstrecken, von gesellschaftspolitischen Reportagen bis zu unseren Modeproduktionen der vergangenen Monate, neu zusammen und veröffentlichen sie erstmals auf Englisch in einem eigenständigen Heft. Wir haben dabei das Glück, einen Kollegen mit amerikanischen Pass zu haben: Zeit Magazin-Redakteur Jürgen von Rutenberg, der Executive Editor des Hefts. Wir bewegen uns mit der Ausgabe in dem sehr spannenden Markt von internationalen Magazinen, die ebenfalls zweimal im Jahr erscheinen und sich an die globalen Meinungsmacher in den Metropolen wenden.

Und? Funktioniert das Geschäftsmodell?
Wir haben bereits mit dem ersten Heft den Breakeven erreicht.

Gibt es harte Verkaufszahlen?
Die Auflage ist 10.000, die erste Ausgabe war innerhalb kurzer Zeit ausverkauft. Deshalb haben wir uns dazu entschlossen, das internationale Zeit Magazin zweimal im Jahr zu veröffentlichen.

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Es geht also primär um die Vermarktungserlöse?
Zunächst einmal geht es uns darum, ein spannendes Magazin zu machen, das möglichst viele Leserinnen und Leser erreicht. Umso schöner ist es, wenn dieser Journalismus ökonomisch erfolgreich ist. Als die erste Ausgabe erschien, rief mich ein Kollege aus einer anderen Redaktion an und sagte: „Eigentlich merkwürdig, dass es dieses Konzept nicht schon länger gibt.“ Das hat auch strukturelle Gründe: Es gibt gar nicht so viele aktuelle Magazine, die fast alle ihre Geschichten auch optisch selbst produzieren, also den Aufwand betreiben, Fotografen und Illustratoren zu beauftragen und nur selten etwas nachdrucken. Unser Motto ist: Fotografen und Illustratoren sind Autoren, genauso wie Reporter und Kolumnisten. Durch diese enge Zusammenarbeit mit den Kreativen ist ein Heft wie das internationale Zeit Magazin erst möglich: Sie vertrauen uns und machen mit.

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Passenderweise ist die internationale Ausgabe vor allem fotolastig. Immerhin ist sie ja mehr Coffee Table Book, als ein Nachrichtenmagazin.
Sie finden viele Fotostrecken etwa von Juergen Teller oder von Brigitte Lacombe, aber eben auch Reportagen, Interviews, Porträts. Und übrigens auch besondere Tipps der Redaktion für Berlin-Touristen. Wir haben nichts dagegen, wenn das Heft länger auf den Coffeetables liegt.

Was muss eine Story grundsätzlich haben, um es ins Zeit-Magazin zu schaffen?
Das Zeit Magazin ist die emotionale Seite der Zeit. So erzählen wir all unsere Geschichten: entweder über Menschen, die wir begleiten und porträtieren oder über den besonderen Blickwinkel unserer Autoren, immer persönlich, nie abstrakt.

Dabei wirkt es oftmals wie aus einem Guss?
Die Emotionalität zieht sich bestimmt durch alle Ausgaben, dafür ist unser Themenspektrum breit, von Politik bis Unterhaltung, von Gesellschaft bis Kultur, von Wissenschaft bis Mode und Essen und Trinken.

Wenn Sie eine maximale Menge an internationalen Lesern erreichen wollen, wäre es doch wesentlich effektiver, die übersetzten Stücke in einem schönen Web-Magazin zu veröffentlichen. Die internationale Ausgabe gibt es zwar in London, New York und Dubai, aber trotzdem nur an ausgewählten Zeitungsständen.
Das internationale Zeit Magazin ist ein wunderbar gedrucktes Magazin, zum Blättern und Schwelgen, und falls Sie es an Ihrem Kiosk um die Ecke nicht finden: Sie bekommen es innerhalb Deutschlands an Bahnhofs- und Flughafenverkaufsstellen, und man kann es auch direkt bei uns bestellen, einfach an international@zeit.de schreiben. Da Sie nach Online fragen: Wir arbeiten derzeit intensiv an einem völlig neuen digitalen Auftritt des Zeit Magazins. Damit starten wir schon bald, mehr will ich dazu jetzt noch nicht verraten.

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Geht man anders an so ein Heft ran, wenn man weiß, dass es – anders als das Zeit-Magazin – wirklich verkauft wird?
Wir müssen jede Woche neu um die Aufmerksamkeit der Leser werben, auch unsere Reichweite wird geprüft, und wir steuern regelmäßig Titelgeschichten für unser Mutterblatt bei. Mit diesen Themen sind wir dann auch am Kiosk und bekommen sehr direkt mit, ob sie sich gut verkauft. Das ist für uns immer wieder eine lehrreiche Erfahrung.

Gefühlt ist das Zeit Magazin doch eine Insel der Glückseligkeit. Sie sind doch schon etwas abgekoppelt von den Gesetzen des Marktes. Im Zweifel können sie sich immer für den Titel entscheiden, der mehr Ruhm verspricht, als das populäre Service-Stück.
Ich bin der letzte, der Ihnen das Gefühl nehmen will!

Aber?
Natürlich haben wir eine große Freiheit, aber wir nehmen sie uns eben auch. Und wir können sie uns auch leichter nehmen, weil wir wirtschaftlich erfolgreich sind. Ich stimme Ihnen zu: Das Besondere gehört zu den Aufgaben einer Zeitschrift wie dem Zeit Magazin: Immer wieder neue Wege gehen, neue Erzählformen auszuprobieren, Risiken eingehen, keine Angst davor zu haben, auch mal zu irritieren. Denn das kann schon passieren, wenn Sie neue Wege gehen.

Sollte das nicht immer der Anspruch eines jeden Journalisten sein?
Vielleicht, aber von Titeln wie dem Zeit Magazin wird das zu Recht von allen erwartet, und zuallererst von uns selbst.

Das Zeit Magazin ist also längst mehr, als nur ein kleiner Mosaikstein im Gesamtbild der Zeit. Allerdings dehnt sich die Marke gerade sehr stark mit dem Männer-Magazin „Zeit Mann“, den neuen Hamburg-Seiten. Wie viel Erweiterung hält die Marke aus?
Es gibt natürlich Grenzen, aber das ist das Schöne an der Arbeit im Zeit-Verlag: Wir entwickeln ständig neue Ideen, probieren aus, experimentieren. Naturgemäß kann dabei nicht alles immer klappen. Umso schöner ist es für eine Redaktion, wenn eine verwegene Idee wie die eines englischsprachigen Zeit Magazins, das weltweit erscheint, Wirklichkeit wird.

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