Zeit Hamburg: Wenn Edelfedern auf Baustellen blicken

Ein Lokalteil für die eigene Stadt: Seit Donnerstag erscheint die Zeit mit acht Hamburg-Seiten
Ein Lokalteil für die eigene Stadt: Seit Donnerstag erscheint die Zeit mit acht Hamburg-Seiten

Publishing Die Zeit entdeckt ein neues Revier – vor der eigenen Haustür: In 200.000 Briefkästen der Hansestadt steckten am Donnerstagmorgen Wurfsendungen der achtseitigen Zeit Hamburg. Die Aktion gehört zur Marketingkampagne für den ersten Lokalteil in der 68-jährigen Geschichte der renommierten Wochenzeitung.

Werbeanzeige

Konzipiert wurde der Regionalteil als zusätzliches Buch für die Metropolregion, das von der Branche wie der Konkurrenz mit Spannung erwartet wurde. Die erste Ausgabe ist auch als Statement zu sehen, wie sich die Redaktion den Themen nähern wird. Chefredakteur Giovanni di Lorenzo übertitelt sein Editorial deshalb mit einem vieldeutigen „Da geht doch noch mehr!“, was sowohl als Ansage an die Selbstzufriedenheit der Stadt-Verantwortlichen wie auch als leise Kritik am Zustand der Berichterstattung lokaler Medien verstanden werden kann. Dabei hat di Lorenzo, der sich – immerhin seit zehn Jahren in Hamburg – als „zugelaufener Chefredakteur“ bezeichnet, nicht einmal die Leser der Tageszeitungen im Visier: „Wir wollen ein Angebot schaffen für all jene, die das Wesentliche über ihre Stadt erfahren möchten, auch wenn sie sich nicht täglich damit beschäftigen wollen.“ In anderen Verlagen wird das offenbar nicht so entspannt gesehen; Axelspringer kündigte vorsorglich den Vertriebs-Vertrag mit dem Holtzbrinck-Titel.

„Ereignisse und Debatten“, die das Leben in Hamburg prägen, sollen im Mittelpunkt der Berichterstattung der sechsköpfigen Redaktion stehen. Charlotte Parnack, 31, und Peer Teuwsen, 46, leiten das Team, daneben sind Kollegen von Impulse, dem hanseatischen Stützpunkt der Süddeutschen Zeitung, Spiegel Online sowie der FAZ in den Regional-Flur am Speersort in der Hamburger City eingerückt, wo die Zeitung seit 1946 ihren Sitz hat. Patrik Schwarz verantwortet das Projekt als Geschäftsführender Redakteur. Der 43-Jährige begründet den Vorstoß so: „Lokalberichterstattung im Wochenrhythmus ist in Deutschland Neuland, aber weil viele Leser im Alltag sparsam mit ihrer Zeit umgehen müssen, gibt es unserem Eindruck nach ein echtes Bedürfnis, sich einmal die Woche bei den Debatten in der eigenen Stadt auf Stand zu bringen. Daher kam die Idee zu einer Art Pflichtblatt, das Vergnügen macht.“ Bei der Zeit ist man sicher, dass hier das Potenzial für eine neue lokale Zielgruppe liegt. „Wer jeden Tag seine zehn Seiten Lokalnachrichten braucht“, sagt Schwarz, „wird auf dem lokalen Hamburger Pressemarkt bereits breit versorgt. Wer uns liest, will einmal die Woche auf anspruchsvolle, aber unterhaltsame Weise am Gespräch der Stadt über sich selbst teilnehmen.“

Wie kommt so ein Blatt daher? MEEDIA hat Ausgabe eins der lokalen Zeit-Rechnung geblättert. Der erste Eindruck: Der Zugang ist elegisch und ästhetisch – und passt damit perfekt in die Zeit. Zwar haben Hamburger das Motiv mit dem im Morgenlicht vor der Kulisse der Alsterarkaden gleitenden Schwan sicher schon gesehen, es verkörpert aber die „bestechende Schönheit“, die Giovanni di Lorenzo der Stadt im Editorial attestiert. Das Aufmacher-Bild ist von einer geradezu cineastischen Schwerelosigkeit und schafft damit eine Ruhe, die den Hamburg-Teil des Blattes auf den ersten Blick von handelsüblichen täglichen Lokalteilen absetzt. Der Innenteil bietet große Themen und kleine Elemente. Ein Moritz-von-Uslar-Portrait des Rappers Jan Delay, die Kritik der Ex-Bürgermeister Klaus von Dohnanyi und Ole von Beust an ihrer Stadt, die Gefahr laufe, ein „besserer Luftkurort“ zu werden  („Wir sind ein großes Baden-Baden des Nordens“), die Abrechnung einer Hebamme mit Helikopter-Eltern in der Hansestadt („Ottensen wird immer schlimmer“) sowie ein Essay über die Hamburgs Brücken („Mach rüber!“) sind die Schwerpunkte der ersten Hamburg-Nummer: (Pop-)Kultur, Politik, Gesellschaft, Städtebau – das ist nicht die Neuerfindung des Regionalen, aber lesenswert bis spannend.

Daneben hat die Redaktion neue Rubriken erdacht: „Hamburg in einem Satz“ etwa, wo Nachrichten nach der Devise „Warum lang, wenn es auch kurz geht?“ im Headline-Stil aneinander gereiht werden. Oder die Doppelseite „Kalender“, die neben einem kunstvoll getexteten und mit Illustrationen versehenen Wochen-Planer Kultur- und Gastro-Tipps bietet, die Lifestyle-Ecke als Kontrast zu schweren Stoffen. Interessant ist der Abstecher in die Niederungen des städtischen Alltags: Im Format „Warum funktioniert das nicht?“ geht es zum Einstieg um das Baustellen-Chaos entlang der Buslinie 5.

Bürgermeister, Brücken und Baustellen – das sind zunächst ziemlich erwartbare Zugänge zum Thema, aber auch nur der Anfang. Es wird darauf ankommen, ob der Lokalteil auf Sicht mit Relevanz punkten und den Nerv der Bewohnerinteressen präzise treffen wird. Chefredakteur di Lorenzo formuliert das im Editorial so: „Es soll ein Blatt werden für Hamburger, die wissen, was sie an ihrer Stadt haben, aber die nicht ständig vorgetrötet bekommen müssen, dass sie in der schönsten Stadt der Welt leben.“ Angesichts der Konkurrenz zu einer großen Abo-Zeitung, die inzwischen über weite Strecken wirkt, als sei ihr Herausgeber die örtliche Tourismuszentrale, liegt darin eine journalistische Marktlücke für den Hamburg-Teil der Zeit. Mit Blick auf den ersten Aufschlag lautet das Fazit wie die Botschaft des Chefredakteurs: schön und gut, aber da geht noch mehr.

Den Start der Zeit Hamburg begleitet eine Einführungskampagne mit einem sechsstelligen Bruttowerbevolumen. So kooperiert der Verlag mit ausgewählten Unternehmen und Kultureinrichtungen, die die ersten Hamburger Zeit-Ausgaben an ihre Mitarbeiter und Kunden verteilen. Die weiteren Werbemaßnahmen umfassen Plakatierungen im Großraum Hamburg, eine ganzjährige Radiokampagne  und eine sechswöchige Kampagne am Point of Sale.

Werbeanzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Werbeanzeige

Werbeanzeige