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Gruner + Jahr: der mühsame Weg zu neuem Wachstum

G+J-Topmanager Oliver Radtke, Julia Jäkel, Stephan Schäfer (vl.): Konzentration auf Kernmärkte Deutschland und Frankreich
G+J-Topmanager Oliver Radtke, Julia Jäkel, Stephan Schäfer (vl.): Konzentration auf Kernmärkte Deutschland und Frankreich

Gruner + Jahrs Bilanz dürfte in der Branche polarisieren und für Diskussionen sorgen: Gemessen an den jetzt veröffentlichten Zahlen befindet sich der Medienkonzern im stetigen Sinkflug. Der seit einem Jahr amtierende neue Vorstand sieht sich dennoch auf dem richtigen Weg. Wo liegt die Wahrheit?

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Etwas ist neu an dem Tag nach der alljährlichen Bertelsmann-Jahrespressekonferenz in Berlin: Wo sich sonst Journalisten und G+J-Führungskräfte im Foyer des Verlags-Hauptquartiers drängten, blieb die Fläche an diesem Donnerstag leer. Die übliche Vorstands-Präsentation des Zahlenwerks fiel aus. Stattdessen verbreitete das Zeitschriftenhaus eine Pressemitteilung mit den Eckpunkten der finanziellen Bestandsaufnahme. Wer die Bilanz auch nur überfliegt, weiß, dass es für eine euphorische Vorstandsshow auch kaum Anlass gegeben hätte.

In einer Wirtschaftswelt, die auf Wachstum und zählbare Erfolge getrimmt ist, sind Zahlen manchmal grausam. Umsatz? Zum zweiten Mal in Folge unter Vorjahr. Operativer Gewinn? Rückläufig. Da hilft es auch wenig, wenn man – nach einem buchhalterischen „Katastrophenjahr“ – in die Gewinnzone zurückgekehrt ist. Man darf sich nichts vormachen: Zumindest auf den ersten Blick kann die Bilanz von Gruner + Jahr die Gesellschafter in Gütersloh und Hamburg nicht zufrieden stellen; sie wäre allenfalls erträglich, wenn sie als Zeit des Umbruchs und der Neuausrichtung abgehakt wird und die Strategie des Managements sicheren Rückhalt bei den Gesellschaftern hat. Der wurde der neuen Führungs-Crew im vergangenen Jahr sowohl von der Familie Jahr als auch auf Seiten des Mutterkonzerns Bertelsmann stets versichert. Allzu sehr, vor allem aber allzu lange sollte darauf aber niemand vertrauen.

Vorstandschefin Julia Jäkel spricht von „einem langen Weg“ und dem Ziel einer „langfristigen Wertsteigerung“. Anders formuliert: Sie stimmt ihr Haus und die Gesellschafter auf einen mühsamen Prozess ein, und sie mahnt Geduld an. Die Phase des Umbruchs (und damit die der vergleichsweise übersichtlichen Ergebnisse) kann noch ein oder zwei Jahre dauern. Was aber soll die Hoffnung nähren, dass danach alles besser, digitaler und ertragreicher sein wird? Das „frühere Druck- und Verlagshaus“ soll sich nach Jäkels Vision in ein blühendes „Haus der kreativen Inhalte“ wandeln. Die Frage bleibt:  Ist dieser optimistische Zukunftsentwurf realistisch?

Wer in diesen Monaten mit Führungskräften und Mitarbeitern bei Gruner + Jahr spricht, muss konstatieren, dass sich in vielen Fachbereichen am Baumwall die Stimmung aufgehellt hat. Selbst jene, die das Wirken jedes G+J-Topmanagements der vergangenen Jahrzehnte mit kritischer Distanz zu begleiten pflegten, loben den zugewandten Führungsstil des neuen Vorstands und ein neu erwachtes Interesse für journalistische Themen und Konzepte. Es wird im Gegensatz zu früher viel diskutiert, Barrieren zwischen einzelnen Abteilungen sind deutlich niedriger als zuvor. Und auch wenn nicht jeder das vor Monaten umgesetzte neue Organigramm so richtig versteht, ist das gefühlte Innovationstempo hoch: Der Verlag will und muss sich ändern, um zukunftsfähig zu sein.

In der noch jungen Ära Jäkel sind eine ganze Reihe von Personalentscheidungen getroffen und umgesetzt worden. In den Verlagsabteilungen sitzt kaum noch einer der vom früheren Vorstandschef Bernd Buchholz eingesetzten Führungs-Player. Mit der Einstellung der dauerdefizitären Financial Times Deutschland, vor der die vorherigen CEOs jahrelang gegen besseres Wissen zurückschreckten, hat sich der Verlag unter Jäkel einen Klotz vom Bein geschafft. Die Chefredaktionen von Gala, stern und Geo wurden oder werden neu besetzt. Das erfordert Mut und Durchsetzungswillen.

Gruner + Jahr hat zudem in seine publizistischen Flaggschiffe Millionen investiert, um sie wieder flott zu machen. Am Anzeigenmarkt hat das offenbar gezündet; im Vertrieb stehen die Titel weiter unter Druck. Gerade erst wurde beim stern im Kioskverkauf ein historischer Tiefstwert IVW-aktenkundig. Es ist aber unverkennbar, dass das von Dominik Wichmann geführte Nachrichtenmagazin zuletzt an journalistischer Relevanz gewinnen und etwa im Fall Hoeneß gegenüber der Konkurrenz klar punkten konnte. Und die Gala, wenn auch aktuell wegen einer übergroßen Nähe zu einem Anzeigenkunden in der Kritik, hat unter ihrem seit eineinhalb Jahren agierenden Chefredakteur Christian Krug gezeigt, dass sie in ihrem Markt das Zeug zum Agendasetter hat. Mit Chefkoch und Flow hat Gruner zudem zwei neue Titel an den Kiosk gebracht, wobei vor allem Flow offenbar großes Potenzial hat. Auch Geo steht unter dem demnächst scheidenden Langzeitchef Peter-Matthias Gaede als vielfach diversifizierte Marke insgesamt gut da, bei Brigitte wird sich zeigen, ob das „Vitalisierungs“-Programm des Verlags nachhaltige Erfolge bringt.

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Doch im Printgeschäft allein sind bei G+J wie in der ganzen Branche trotz aller Bemühungen keine Wachstumsschübe zu erwarten – die scheinen höchstens im Bereich der Digitalisierung möglich, doch gerade dieses Potenzial ist am Baumwall nach jahrzehntelanger Vernachlässigung besonders schwer zu heben. Gruner + Jahr forciert Aktivitäten auf diesem Feld später als die Wettbewerber und konzentriert sich zudem allein auf Umsetzung journalistischer Geschäftsmodelle. Hier wird es darauf ankommen, ohne große zusätzliche Kosten aus dem Inhalte-Portfolio eine Vielzahl neuer Produkte zu formen, die nicht nur beim Leser, sondern auch beim digitalen Käufer ankommen. Eine zentrale Rolle könnte den Investionen zukommen, die G+J in Technologie und Fachpersonal getätigt hat und die den Wettbewerbsnachteil wettmachen sollen. Auch hier trifft wohl Jäkels Gleichnis vom „langen Weg“. Mini-Beteiligungen wie an Delinero oder Kinderzimmer sind ein Anfang, aber für große Sprünge braucht es deutliche höhere Summen von den Gesellschaftern, so wie sie bei Jäkels Amtsantritt in Aussicht gestellt wurden.

Ein weiterhin schwieriges Thema bleibt zudem das internationale Business. Auch die jetzt vorgestellte Bilanz zeigt, dass man sich von der einstmals angestrebten weltweiten Präsenz längst verabschiedet hat. Es geht im Ausland zumeist um Bereinigung, Rückzug oder Konsolidierung. Frankreich und Österreich sind künftig die wichtigsten und steigerungsfähigen Märkte. China und Indien haben aufgrund der jeweiligen Marktkonstellationen eigene Schwierigkeiten, das Osteuropa- und Südosteuropa-Geschäft ist (so gut wie ganz) verkauft, in Südeuropa herrscht konjunkturelle Dauerflaute. Wo man hinblickt, braucht es jede Menge Management-Attention, aber eine echte Wachstumsphantasie will sich mit Blick auf die internationalen Besitzungen nicht einstellen.

Das Konzept, das der Vorstand von Gruner + Jahr um Julia Jäkel verfolgt, ist gewiss nicht falsch, sondern umkehrt wohl sogar das bei Lage der Dinge einzig Erfolg versprechende. Ob die Umsetzung gelingt, wird sich erst im Lauf der Zeit zeigen; Zeit, die Jäkel für sich und ihren Kurs offen einfordert. Auch wenn die Gesellschafter den mittragen, ist davon auszugehen, dass angesichts der Perspektiven in den nächsten Monaten und Jahren weiter an der Kostenschraube gedreht wird. Mehr Output bei geringeren Aufwendungen – das dürfte die Zukunftsdevise am Baumwall sein.

Anmerkung in eigener Sache: Der Autor war von März bis Oktober 2013 bei der G+J-Tochter Corporate Editors u.a. als Chefredakteur der Lufthansa-Magazine tätig.

 

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