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„Trauerspiel“, „kriminelle Energie“: Stimmen zum Hoeneß-Urteil

Foto: dpa
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Am Donnerstag verurteilte das Landesgericht München Uli Hoeneß zu drei Jahren und sechs Monaten Haft. Der Untergang des stolzen Bayern-Präsidenten sei ein "Trauerspiel", findet SZ-Mann Heribert Prantl. Doch der einheitliche Tenor der deutschen Presse: "Er hat es sich selber zuzuschreiben", wie Bild.de zusammenfasst. Die Pressestimmen:

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Florian Güßgen für stern.de: „Ob das Urteil gerecht ist, ob die Strafe zu hart, zu milde, genau richtig ist, das werden wir nun rauf und runter diskutieren. Fest steht, dass Richter Heindl mit seinem Urteil auch den vorläufigen Schlusspunkt in einem Fall setzt, der weit mehr ist als ein juristischer Prozess – der Fall Hoeneß ist ein Drama, das viele berührt, das alle angeht. Nicht zuletzt deshalb gingen die Websites mit Verkündung des Urteils in die Knie.“

Albert Schäffer für faz.net: „Eine Freiheitsstrafe ist eine einschneidende Sanktion gegen einen Angeklagten, der nicht vorbestraft ist und sich in einem Alter befindet, in dem die Endlichkeit des Lebens spürbar wird. Jeder Tag, in dem er in seiner Freiheit beschnitten wird, trifft einen solchen Angeklagten ins Mark; das berücksichtigen die Gerichte auch in Verfahren, an denen die Öffentlichkeit keinen Anteil nimmt. Der Staat ist kein Rächer, auch nicht der Steuerstaat.“

Bld-HHMoPo

Ludwig Greven für Zeit Online: „Dem Gericht blieb gar nichts anderes übrig, als Hoeneß nach den Vorgaben des Bundesgerichtshofs zu einer Haftstrafe ohne Bewährung zu verurteilen. Alles andere wäre als ungerechtfertigte Bevorteilung eines überaus Prominenten, mit der Wirtschaft und der Politik eng Verbandelten ausgelegt worden. Man kann sogar sagen: Gemessen an der möglichen Höchststrafe von zehn Jahren und dem Antrag der Staatsanwaltschaft, die zwei Jahre mehr gefordert hatte, gemessen aber auch an der Höhe der hinterzogenen Summe sowie anderen Urteilen für dieses Delikt ist er noch ganz gut weggekommen.“

Post von Franz Josef Wagner in der Bild-Zeitung: „Als Sie das Urteil hörten, waren Sie nicht mehr Uli Hoeneß. All Ihr Leben zersprang. Sie guckten in einen Abgrund, wo alles hinunterfiel. Möbel, Haus, Ihr lieber Hund. Alles fiel in den Abgrund. Wie können wir Ihnen da raushelfen? Wir müssen diesem armen Hoeneß unsere Hand geben. Wenn wir es nicht machen, sind wir herzlos.“

Matthias Brügelmann für bild.de:  „Ein Urteil, das sich nach dem Prozessverlauf und den neuen Enthüllungen gerecht anfühlt. So bitter es für Hoeneß und besonders seine Familie ist… Immer noch ein unvorstellbarer Gedanke, dass Hoeneß die Spiele seines FC Bayern schon bald nicht mehr auf der VIP-Tribüne, sondern am Fernseher im Gemeinschaftsraum einer JVA verfolgen wird. Ein Gedanke, an den Uli Hoeneß sich spätestens jetzt gewöhnen muss. Und man muss sagen: Er hat es sich selber zuzuschreiben.“

Heribert Prantl für Süddeutsche.de: „Es gibt schon eine Komödie und einen Roman dieses Titels. Nun gibt es auch noch ein Trauerspiel, das „Der Spieler“ heißt. Es wurde soeben im Gerichtssaal aufgeführt. Es folgte den Regeln des Strafgesetzbuchs, der Strafprozessordnung und der Abgabenordnung. Traurig war und ist es deswegen, weil es den selbst verschuldeten Nieder- und Untergang eines Fußballhelden zeigt, der zu lange geglaubt hatte, die Regeln des Strafgesetzbuchs, der Strafprozess- und der Abgabenordnung seien nicht für ihn gemacht. Die Summen, mit denen der Spieler Hoeneß spielte, waren so abenteuerlich hoch, dass er sein Spiel für ein realitätsfernes Abenteuer gehalten haben mag. Der Schuldspruch holt ihn nun in eine vergitterte Realität. Das Urteil ist maßvoll hart, aber gerecht.“

Markus Völker für taz.de: „Nach Meinung der Münchner Schickeria besteht die größte Verfehlung von Uli Hoeneß nicht darin, Steuern hinterzogen zu haben, sondern Button-Down-Hemden mit Schlips zu tragen. Wie geschmacklos! (…) Selbst wenn ihn die geleckten Herren der Deutschland AG, die der FC Bayern ja mittlerweile ist mit den Beteiligungen von Audi, Adidas und Allianz in der Aktiengesellschaft und VW, Unicredit sowie der Telekom im Aufsichtsrat, vom Posten des Aufsichtsratsvorsitzenden abberufen sollten, bleibt Hoeneß die Verkörperung des roten Münchner Fußballs. Ein überdimensionales Maskottchen, das weiter von den Fans vergöttert wird. Er hat da gute Vorbilder. Auch ein Franz Beckenbauer hat Steuern hinterzogen. Das hat seiner Strahlkraft als Lichtgestalt kaum geschadet. Bei Uli Hoeneß wird es ähnlich sein. Einer wie Hoeneß hört nicht unten auf, wie er einmal gesagt hat. So einer macht nur oben Schluss. Auch wenn es mal ein bisschen länger dauert.

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19Berliner-Kurier

Wolfgang Krach für die Süddeutsche Zeitung: „Hoeneß hat mit der Wahrheit von Anfang an taktiert. (…) Die Maßlosigkeit der kriminellen Energie, mit der Hoeneß jahrelang den Staat hinterging, haben sich viele nicht vorstellen können. (…) Die dreieinhalb Jahre Haft, zu denen das Gericht Hoeneß wegen der Hinterziehung von 28,5 Millionen Euro Steuern nun verurteilt hat, sind deshalb eine fast milde Strafe. Die Richter hielten dem Angeklagten alles zugute, was man ihm zugutehalten kann – sein soziales Engagement, sein Lebenswerk und sein (spätes) Geständnis. (…) Für Bayern wird damit alles anders. Der größte und wirtschaftlich erfolgreichste Fußballklub der Welt verliert seinen Antreiber, sein Bindeglied, seine Mitte. Es wäre falsch zu glauben, dass das nicht auch sportlich Folgen haben kann. Das käme zu all dem Schaden, den Hoeneß angerichtet hat, dann noch hinzu.“

Hans-Jürgen Jakobs für das Handelsblatt: „Verurteilt wurde Hoeneß III: der Mann, der mit wirren Währungsspekulationen ein bisschen der ‚Wolf der Säbener Straße’ sein wollte. Aber die anderen Personen, Hoeneß I und Hoeneß II, leben weiter: der wertkonservative Fußballfunktionär und Wurstunternehmer, auch der seriöse Aktieninvestor, der stets Warren Buffett als Vorbild nennt. Nachzahlungen von fast 30 Millionen werden den Vermögensstatus von Uli Hoeneß erheblich treffen. (…) Es wird vermutlich nach diesem Urteil einen weiteren „Hoeneß-Effekt“ geben, den der Selbstanzeige. Zur wirklichen Steuerehrlichkeit aber gehört auf Dauer Vertrauen in einen Staat, der die Steuern insgesamt einfacher und besser nachvollziehbar macht. Dieses System fehlt noch. Da muss die Politik in die Nachspielzeit.“

taz-Abendblatt

Thomas Schmid für die Welt: „Das Münchner Gericht hat der Versuchung widerstanden, ihm seine Verdienste gutzuschreiben. Es hat ihn aber auch nicht – was mancherorts auf freudige Zustimmung gestoßen wäre – seiner Prominenz wegen bluten lassen. Es wurde kein Exempel statuiert, sondern zügig ein Urteil gefällt. Wäre der Angeklagte mit einer Bewährungsstrafe davongekommen, hätte das den alten Volksverdacht genährt, dass man die Kleinen henkt und die Großen laufen lässt. Das Urteil wird auf den FC Bayern München ausstrahlen, den herausragenden Erfolgsverein, dessen Präsident Uli Hoeneß noch ist. Denn man kann das, was der Steuerhinterzieher Hoeneß getan hat, nicht von dem messerscharf trennen, was der begnadete Manager Hoeneß getan hat. Vor allem dies: Er hat als Vorbild ausgedient, und das ist – leider – gut so.“

Update, 10.29 Uhr: Uli Hoeneß hat am Freitagvormittag mitgeteilt von einer Revision gegen das Urteil des Landesgerichts abzusehen und vom Präsidialamt des FC Bayern zurückzutreten – er wird seine Haft demnächst antreten. 

(ms/cw)

 

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