Zeit Online-Chef Jochen Wegner rechtfertigt Trennung von Autor

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Zeit Online-Chef Jochen Wegner, Autor Moritz Gathmann

Publishing Hat Zeit Online den freien Russland-Korrespondenten Moritz Gathmann vorschnell abserviert? Gathmann berichtete nicht nur für die Nachrichtenseite, sondern auch für das vom Kreml finanzierte Blatt "Russland heute". Per Tweet teilte Chefredakteur Jochen Wegner die Trennung von Gathmann mit. Im Interview begründet Wegner die Entscheidung.

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MEEDIA: Medienblogger Stefan Niggemeier und der Verein Freischreiber haben Zeit Online vorgeworfen, sich von dem Autoren Moritz Gathmann vorschnell getrennt zu haben. Wie stehen Sie zu dem Vorwurf?
Jochen Wegner: Moritz Gathmann hat seit drei Monaten für uns gearbeitet und insgesamt zehn Beiträge verfasst. Wir haben mit dem Kollegen gesprochen und uns dann entschieden, die Zusammenarbeit zu diesem Thema zu beenden. Abwarten hätte an der Sachlage nichts geändert. Wenn wir einen Fehler machen, müssen wir diesen so schnell wie möglich korrigieren.

Werden Zeit Online-Autoren über die ethischen Richtlinien aufgeklärt?
Ich fürchte, wir haben hier Verbesserungsbedarf – Moritz Gathmann wurde darüber offensichtlich nicht aufgeklärt. Solch ein Fehler darf uns nicht mehr unterlaufen. Wir haben diese Zusammenarbeit im Vorfeld nicht ausreichend geprüft, das müssen wir uns nun vorwerfen. Wir kritisieren uns selbst und nicht etwa die Tatsache, dass Moritz Gathmann für „Russland heute“ arbeitet.

Zur Klarstellung: Gegen die Richtlinie verstößt, wer über ein und dasselbe Thema bereits für eine nicht-unabhängige (Unternehmen oder Institution etc.) Publikation gearbeitet hat und nun darüber auch für Zeit, Zeit Online schreibt?
Wir wollen Interessenkonflikte ausschließen. Es widerspricht unseren Grundsätzen, dass Autoren, die in dem Journalismus nahe stehenden, interessengesteuerten Bereichen arbeiten, für uns über dieselben Themenbereiche schreiben.

Wird es eine Überprüfung der Autoren geben, ob sie sich den Richtlinien entsprechend verhalten?
Wir sind bereits dabei, die Kolleginnen und Kollegen noch einmal darauf hinzuweisen.

Diskutiert wurde nun u.a. auch, ob 150 Euro für einen 5.000-Zeichen-Text eines erfahrenen Autoren ein angemessenes Honorar sind, wenn man dem Autoren gleichzeitig verbietet, PR-Aufträge im gleichen Themenumfeld anzunehmen. Passen 150 Euro pro Text zu dem hohen Qualitätsanspruch der Marke Zeit?
Die Bezahlung unserer Autoren ist frei verhandelbar und schwankt je nach Auftrag stark. In diesem Fall ging es nicht um einen Korrespondenten, den wir ins Ausland geschickt haben, sondern um einen freien Autor, der für eine Vielzahl von Medien arbeitet und uns seine Beiträge nicht exklusiv anbietet. Zeit Online ist ein tagesaktuelles Medium und unsere Honorare sind in diesem Feld konkurrenzfähig. Dass ein Chefredakteur Autoren und Redakteure gerne grundsätzlich besser bezahlt sähe, versteht sich von selbst.

Finden Sie es in Ordnung, wenn Medien staatlich finanzierte Beilagen wie „Russland heute“ gegen Geld unter die Leute bringen?
Ich finde eine solche Beilage diskussionswürdig. Ich bin mir sicher, dass dieses Thema in den betroffenen Medienhäusern auch diskutiert wird.

Das Interview mit Jochen Wegner haben wir schriftlich geführt.

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