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„Als soziales Wesen versagt“ – die Pressestimmen zum Hoeneß-Prozess

Sozialschmarotzer oder Promi-Bonus?
Sozialschmarotzer oder Promi-Bonus?

Die Steuerschuld von Uli Hoeneß beläuft sich mittlerweile auf mindestens 27,2 Millionen, das ergaben die ersten beiden Prozesstage. Dass es tatsächlich um noch mehr Geld geht, ist nicht auszuschließen. Ein Urteil wird schon am Donnerstag erwartet. Auch in der Presse wird mit Hoeneß hart ins Gericht gegangen. Das moralische Urteil steht schon fest. Hier die Pressestimmen im Überblick.

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Holger Steltzner, FAZ:

„Offenbar zockte Hoeneß tagsüber mit dreistelligen Millionenbeträgen auf Teufel komm raus. Und abends ging er in die Talk Shows des Staatsfernsehens, um als Publikumsliebling voller Entrüstung zu fordern: „Das Zocken gehört verboten! Verglichen mit seiner Hinterziehung sieht die Kaution von 5 Millionen Euro geradezu mickrig aus. Peinlich ist es, wie sich die Bayern-Aufsichtsräte wegducken. Die Chefs von Adidas, Telekom und VW predigen in ihren Firmen Enthaltsamkeit, trinken aber selbst als Ehrengäste in der Allianz-Arena Champagner und glauben, der Applaus über das Triple mache alles vergessen.“

Heribert Prantl, Süddeutsche Zeitung:

„Kein Hefeteig geht so schnell auf wie dieser Prozess. Wenn das so weitergeht, dann läuft er für Uli Hoeneß womöglich nicht nur auf einen persönlichen, sondern auch auf einen wirtschaftlichen Totalschaden hinaus. Binnen zweier Verhandlungstage ist die Summe der hinterzogenen Steuern um 23,7 Millionen Euro gewachsen. Es fragt sich daher, ob das laufende Strafverfahren noch das richtige Gefäß ist für die immer weiter aufquellende Steuerschuld. Angeklagt ist Hoeneß wegen einer hinterzogenen Summe von „nur“ 3,5 Millionen Euro. Der Prozessstoff explodiert. (…) Hoeneß und seine Bank haben ein Jahr gebraucht, um die Unterlagen (sind sie nun wirklich komplett?) vorzulegen. Sollen die husch, husch und Pi mal Daumen geprüft werden? Es empfiehlt sich daher, das Verfahren ein paar Monate auszusetzen, die Konten penibel auszuwerten – und dann die Verhandlung neu anzusetzen.

Stefan Kuzmany, Spiegel Online:

Uli Hoeneß ist nicht zu fassen. (…) Wenn es in diesem Tempo weitergeht, werden es morgen etwa 42 Millionen und am Donnerstag 98 Millionen Euro sein, bis wir dann übers Wochenende in der Verlängerung die Hundert-Millionen-Grenze durchbrechen. Möglicherweise muss bald eine ganz neue Zahlensprache erfunden werden, eine noch zu schaffende Begrifflichkeit für das Ausmaß der Hoeneßschen Steuerunehrlichkeit. Trotzdem wird es auch nach einer Verurteilung von Uli Hoeneß noch viele Menschen geben, die ihm in unverbrüchlicher „Sulidarität“ zur Seite stehen. Die selbst in seiner enthemmten Zockerei noch einen Grund zur Bewunderung sehen: Um so viel Steuern hinterziehen zu können, muss man ja erst einmal noch viel, viel mehr Geld angehäuft haben. Gerne wäre man selbst so ein toller Hecht, der viel riskiert und dabei wenig auf Regeln gibt. Der macht, was geht, solange es geht. Und wenn er gegen die Wand fährt, egal – er hat es versucht. In diesem Sinne wird Uli Hoeneß ein Vorbild bleiben. Es ist nicht zu fassen.“

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Jost Müller-Neuhof, Der Tagesspiegel:

„Ob der mutmaßliche Steuerhinterzieher Hoeneß in strafbarer Weise die Gemeinschaft geschädigt hat, steht nicht fest; Anzeichen gibt es jedoch, dass er jedenfalls die Gesetze der öffentlichen Beichte verletzt hat, denen zufolge ein gutes Sündengeständnis gesellschaftliche Ächtung ersparen oder mildern kann. Wenn dem so ist, sollte nicht nur er selbst sich prüfen, sondern auch jene, die ihm die Beichte abgenommen haben. Es kann sein, dass er auch bei dem medialen Spiel um sich selbst ein Falschspieler war. Sympathischer macht ihn das nicht.“

Ulf Poschardt, Die Welt:

„Der erste Verhandlungstag zeigte einen Machtmenschen, der in die verdienstvollen Mühlen des Rechtsstaates geriet und viel von seiner Aura der Unbesiegbarkeit eingebüßt hat. In München nun steht der Beschuldigte Hoeneß, verwirrt und kleinlaut. Steuersünden sind kein Kavaliersdelikt, aber die Hysterie um prominente Steuersünder hat etwas von einer Hetzjagd. Einem Mächtigen und Reichen wie Hoeneß muss trotz des erschütternden Sündenausmaßes ein fairer Prozess gemacht werden, auch wenn ein Showverfahren gegen „die da oben“ populärer wäre. Einen Promi-Bonus aber darf es auch nicht geben. Wie weit ihm die Selbstanzeige noch helfen kann, eine Haftstrafe zu vermeiden, darüber wird der Fortgang des Prozesses entscheiden.“

Andreas Rüttenauer, Taz:

„Wir wollen das jetzt nicht mehr hören, Herr Hoeneß! 18,5 Millionen Euro, die dem Gemeinwesen zustanden, haben Sie einfach behalten, und dann behaupten Sie noch, Sie seien kein Schmarotzer, rechnen uns vor, wie viel Sie gespendet haben. Ja, wir wissen, dass Sie wahnsinnig viel Geld an wahnsinnig viele gemeinnützige Organisationen überwiesen haben. Aber bitte verschonen Sie uns mit der Aufzählung Ihrer Wohltaten! (…) Als Mensch mögen Sie, wenn Sie wollten, ab und zu mal ganz okay gewesen sein. Als soziales Wesen haben Sie versagt.“

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