Yellow-Kritiker: „Jeden Tag Verstöße gegen Persönlichkeitsrechte“

Im Kampf gegen die Yellow-Press: Mats Schönauer und Moritz Tschermak vom Watchblog topfvollgold.de
Im Kampf gegen die Yellow-Press: Mats Schönauer und Moritz Tschermak vom Watchblog topfvollgold.de

Publishing Auf ihrem Blog topfvollgold.de nehmen die beiden Journalisten Mats Schönauer und Moritz Tschermak seit fast einem Jahr die Regenbogenpresse ins Visier. Für ihre Hintergründe über die Arbeit der Yellow-Press ernten die Blogger zunehmend Aufmerksamkeit. Im MEEDIA-Interview erklären sie, wie sie auch außerhalb des Internet Leser erreichen wollen.

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Alles begann mit einer Zufallsidee: Beim Einkaufen wurden die beiden Journalistik-Studenten Mats Schönauer und Moritz Tschermak beim Durchstöbern des Zeitschriftenregals auf die so kunterbunte wie mitunter haarsträubende Vielfalt der Regenbogen-Presse aufmerksam. Aus der Idee, sich der Yellow-Press mit einem Watchblog zu widmen, wurde der Stoff für ihre Bachelor-Arbeit. Ihre Seite Topfvollgold.de ist seit fast einem Jahr online. Im Interview mit MEEDIA erzählen die beiden Gründer, welche Probleme sie mit der Regenbogen-Presse haben und wie sie außerhalb des Internet mit Berichten und Hintergründen über dieses so spezielle Pressesegment Leser erreichen wollen.

Wie kommt man mit Mitte 20 auf die Idee, sich mit Berichten über Ehekrisen oder vermeintliche Blitz-Schwangerschaften in Königshäusern zu beschäftigen?
Die Idee entstand zufällig. Wir haben gemeinsam in Dortmund studiert und auch nah beieinander gewohnt, sodass wir des Öfteren auch gemeinsam einkaufen gegangen sind. Beim Zeitschriftenregal ist uns die Masse an Klatschpresse aufgefallen und wir haben festgestellt, dass sich die Titel und auch die Titelgeschichten kaum unterscheiden lassen. Das erkennt man schon daran, dass jedes zweite Heft den Begriff „Freizeit“ im Namen hat. Beim nächsten Einkauf haben wir uns eine Ladung Blätter geschnappt und sie zuhause durchgeblättert. Auch inhaltlich gab es keine großen Unterschiede und wir haben schnell gemerkt, dass die Hefte es mit der Wahrheit nicht allzu genau nehmen. Bei der weiteren Recherche ist uns aufgefallen, dass Regenbogenpresse im Medienjournalismus als auch in der Wissenschaft sehr limitiert thematisiert wurde – spätestens da war uns klar, dass wir darüber etwas machen wollen.

Die Regenbogen-Presse ist im Medienjournalismus also unterrepräsentiert?
Definitiv. Bis auf wenige Ausnahmen wie Stefan Niggemeier oder Jörg Thomann von der FAS hat sich unseres Wissens nach niemand längerfristig oder systematisch mit den Heften auseinandergesetzt. Es gab mal das Blog „Klatschkritik“, auf dem seit einer Weile aber nichts mehr erschienen ist. Die Betreiber haben sich aber eher mit People-Journalismus wie Gala oder Bunte befasst. Wir wühlen noch mal eine Kategorie darunter, im richtig billigen Segment.

Dabei ist das Interesse an Yellow-Press nicht unbedingt ein Geringes…
Richtig. Es gibt natürlich Meinungen, die das Gegenteil behaupten, weil die Themen nicht wirklich von gesellschaftlicher Relevanz sind. Man muss auch zu dem Ergebnis kommen, dass viel Schutt und seichte Themen publiziert werden. Schaut man sich aber mal die Auflagen an, wird deutlich, dass diese Blätter eine sehr große Meinungsmacht haben. Die Regenbogenpresse ist nicht nur ein riesiger Markt hinsichtlich der verschiedenen Titel – wir zählen zwischen 70 und 80 verschiedene Hefte -, sondern auch ein Markt mit horrenden Auflagenzahlen. Beispielsweise können Freizeit Revue, Das Neue Blatt oder auch die Neue Post problemlos mit dem Spiegel, stern oder Focus mithalten. Würden diese etablierten Nachrichtenmagazine auch nur ansatzweise publizieren, was die Freizeit-Blätter veröffentlichen, würde es einen ziemlich großen Aufschrei geben. Dass das nicht beachtet wird, ist schon sehr merkwürdig.

Wie erklärt ihr Euch, dass Medienjournalisten die Regenbogenblätter oft links liegen lassen?
Ein generelles Problem ist sicher, dass sich diese Akzeptanz der Blätter eingebürgert hat. Jeder weiß, dass in der Regenbogenpresse Mist steht, aber darüber aufgeregt hat sich niemand so wirklich. Gerade im Journalismus oder für die Journalisten ist das Problem, dass das Empörungspotential sehr schnell abnimmt. Wenn man sich vielleicht fünf Hefte zu Gemüte geführt hat, kann man sich zum einen als Journalist nicht mehr wirklich darüber aufregen und zum anderen nervt es sicher auch die Leser, wenn sie zum fünften Mal wieder etwas über die Regenbogenpresse lesen. Deshalb ist es auch wichtig, einen unterhaltsamen Ansatz in der Berichterstattung zu finden, wie die Herzblattgeschichten von Thomann oder wie wir es teilweise auch versuchen. Immer nur mit dem erhobenen Zeigefinger zu kommen, wirkt langfristig nicht.

Was leisten sich Regenbogen-Blätter denn, was sich die anderen nicht leisten?
Wir stoßen jeden Tag auf Verstöße gegen Persönlichkeitsrechte, aber auch Verstöße gegen ein gewisses moralisch-journalistisches Verständnis. Gerade deshalb können wir diese Gleichgültigkeit der Leute, diese „Lasst sie doch machen“-Einstellung nicht nachvollziehen.  

Ihr habt das Thema auch zu Eurer Bachelor-Arbeit an der Uni in Dortmund gemacht. Was war zuerst da – die Idee für die Arbeit oder die Idee des Watchblogs?
Das Blog war die erste Idee. Wir haben uns auch bewusst für das Blog entschieden, weil wir darüber eine Menge Leute erreichen können. Und zufällig mussten wir uns zu der Zeit auch Gedanken darüber machen, welches Thema wir in unserer Bachelor-Arbeit angehen wollen.

Das Medium ist aber doch ein Kernproblem. Mit einem Blog erreicht ihr vermutlich nicht die Kernzielgruppe der Yellow-Press. 
Das ist richtig. Ein Blog ist nicht nur ein anderes Medium als die Zeitschrift, sondern sie unterscheiden sich natürlich auch in der Leser-Demografie. Die Zielgruppenüberschneidung ist wohl wirklich sehr gering. Was allerdings klappt ist, dass wir Leser, die sich für die Persönlichkeiten in der Berichterstattung interessieren, über Foren oder auch Suchmaschinen erreichen. Bei äußerst populären Künstlern wie Helene Fischer ist das unter anderem der Fall. In Fan-Foren oder -Blogs tauchen unsere Links öfter mal auf, sodass wir Aufmerksamkeit bekommen. Und auch wenn es nicht die typischen Freizeit Revue-Leser sind, bewegen wir uns schon in einer Gruppe, die zumindest die Berichterstattung über diese Prominenten verfolgt. Viele suchen im Netz auch nach der Schlagzeile, die sie im Supermarkt im Zeitschriftenregal gelesen haben. Und da kommen wir schon sehr nah an diejenigen heran, die wir tatsächlich erreichen wollen.

(Noch) ist es aber so, dass die Omi mit ihrer Freizeit/Blitz/Gold/Glück-Illu zuhause in ihrem Sessel sitzt, anstatt die Schlagzeile im Netz auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen.
Der Effekt, den wir in erster Linie erzielen wollen ist, dem Thema Öffentlichkeit zu geben. Das erreichen wir nicht nur durch das Blog, sondern auch mithilfe von Interviews wie diesem oder selbstgeschriebenen Beiträgen oder Kolumnen auf anderen Seiten oder in größeren Zeitungen. Das gelingt uns zur Zeit ganz gut. Auch in den Massenmedien oder gezielt auf Medienseiten wird das Thema wieder öfter aufgegriffen. Und wir haben auch das Gefühl, dass die Prominenten, also die direkt Betroffenen, die Berichterstattung nicht mehr einfach ignorieren, sondern offen darüber reden. Das machen Helene Fischer oder Florian Silbereisen genauso wie auch Markus Lanz, der sogar bei „Wetten, dass..?“ darüber gesprochen hat. Und das ist natürlich eine Möglichkeit, die Zielgruppe zu erreichen, die Regenbogen-Presse tatsächlich liest. 

Welche Überlegungen gibt es noch, um die tatsächlichen Yellow-Leser zu erreichen?
Die Überlegung, nicht nur mit dem Blog zu arbeiten, haben wir tatsächlich schon seit Längerem. Eine Möglichkeit wäre dort hinzugehen, wo die Leser sich wirklich aufhalten. Das funktioniert auf ganz heruntergebrochener Ebene am Zeitschriftenregal im Supermarkt, wo wir immer wieder ältere Damen treffen, die gerade nach einem der Hefte langen. In solchen Situationen suchen wir das Gespräch und betreiben vielleicht auch so eine Art kleine Leserforschung. Uns interessiert, weshalb sie nach einem bestimmten Heft greifen, wie aufmerksam sie sie lesen und was sie darin vor allem lesen. Uns interessiert auch deren Meinung über die Geschichten und ob ihnen bewusst ist, dass dort Lügen verbreitet werden. Um Massen zu erreichen, muss man sich überlegen, wo eine Menge der Leser zusammenkommen. Beispielsweise ist das bei Schlagerkonzerten der Fall. Für Berlin, wo wir mittlerweile wohnen, haben wir uns Konzerttermine herausgesucht, wo wir unsere Inhalte in Form von Flyern mit Verweis auf unsere Seite verteilen wollen.

Auch noch vor die Tür zu gehen, ist natürlich viel Engagement, das mit viel Aufwand und auch mit Kosten verbunden ist. 
Ein kleiner Vorteil ist sicherlich, dass die Hefte, die wir kaufen, keine 4,20 Euro kosten, sondern im Niedrigpreis-Segment liegen. Wir sprechen von 49 bis 90 Cent, ab und zu legen wir mal 1,60 Euro auf den Tisch. Das ist überschaubar, nichtsdestotrotz summiert sich das. Die Zeit ist das kostbarste und auch das meiste, das wir in dieses Projekt investieren. Zumal wir sie auch dafür verwenden könnten, um wirklich Geld zu verdienen.

Seid ihr auf dem Weg, topfvollgold zu professionalisieren?
Wir haben nie wirklich darüber nachgedacht, damit vielleicht mal Geld einnehmen beziehungsweise daran verdienen zu wollen. Jetzt merken wir, dass sich Leute für das, was wir tun, interessieren, und wir auch in einem gewissen Rahmen bekannt damit geworden sind. Also machen wir uns sicher Gedanken. Wir haben nicht die Idee, das Blog monetarisieren zu wollen. Wir wollen unabhängig von Werbung arbeiten. Dies würde auch wieder sehr viel mehr Aufwand bedeuten, was Vermarktung angeht. Wenn es darum geht, Geld zu verdienen, wollen wir eher auf unsere Leser setzen. Wir finden es selbst sehr nervig, immer wieder aktiv um Spenden betteln zu müssen. Wir würden uns freuen, wenn unsere Leser, die das Blog wertschätzen, regelmäßig und freiwillig kleine Beträge spenden würden, die das Projekt finanziell etwas absichern.

Was kostet Euch das Blog denn monatlich?
Wenn wir die Arbeitszeit mal herausrechnen, bleiben Kosten für den Serverbetrieb und für die Zeitschriften. Im Schnitt kaufen wir 15-20 Hefte in der Woche. Wir landen dann bei etwas mehr als 100 Euro im Monat. Wir bekommen schon regelmäßig Spenden, weil wir einen Flattr-Button auf der Seite eingebunden haben. Im Schnitt kommen dabei etwa 25 bis 30 Euro im Monat zusammen. Darüber sind wir sehr glücklich. Dennoch fehlt natürlich noch etwas. Wir refinanzieren das Blog mit den Einnahmen aus anderen journalistischen Tätigkeiten.

Was für eine Reichweite erreicht ihr mit Eurer Seite?
Das hängt natürlich auch von Verlinkungen ab. Von 1400 bis 2400 Visits pro Tag kann man aber schon sprechen.

Wir haben schon darüber gesprochen, dass die Verwerflichkeiten der Regenbogen-Presse langsam auch öffentlich diskutiert werden. Ihr konfrontiert mit Euren Enthüllungen aber auch die prominenten Betroffenen direkt. Wie sind die Reaktionen?
Das machen wir unter bestimmen Voraussetzungen: Zum Einen müssen wir einen triftigen Grund haben, beispielsweise einen groben Verstoß gegen Persönlichkeitsrechte oder eindeutig falsche Tatsachenbehauptungen. Dann konfrontieren wir vornehmlich Leute aus dem Ausland. Jemand wie Günther Jauch hat hier in Deutschland eine Rechtsvertretung, die diese Verfehlungen mitbekommt. Das sieht natürlich bei Leuten, wie jüngst bei Charlène von Monaco, anders aus. Sie bekommt vermutlich gar nicht mit, was die Freizeitwoche schreibt. Umgekehrt merkt man auch, dass ausländische Prominente von den Medien anders angefasst werden, als Deutsche. Dieses Kalkül finden wir widerlich. Generell haben wir bisher fast ausschließlich positive Rückmeldungen von Prominenten oder deren Anwälten bekommen. Viele sind offensichtlich froh, dass sich endlich mal jemand regelmäßig und ernsthaft mit den Heften auseinandersetzt. Wir kämpfen sozusagen auf der gleichen Seite, und das merken die Promis.

Welche Rolle hat das Blog für Eure Abschlussarbeit an der Universität gespielt?
Für die Arbeit haben wir untersucht, inwiefern Blogs zur Medienkritik beitragen können. Ein großer Punkt in der Arbeit waren natürlich auch die Methoden der Regenbogenpresse, immer unter dem Aspekt, wie wir mit der Bloggerei dazu beitragen können, dass sich in diesem Bereich etwas bessert.

Zu welchem Ergebnis seid ihr gekommen?
Im Fazit hat sich bestätigt, was wir nach der Vorrecherche schon festgestellt hatten: Dass die Beleuchtung der Regenbogenpresse unterrepräsentiert ist in der Medienberichterstattung. Und natürlich, dass der Dreck, den die Hefte Woche für Woche produzieren, in vielen Fällen mit Journalismus nicht mehr viel zu tun hat. Oder besser gesagt: überhaupt nichts. Die Redaktionen blasen völlig harmlose Banalitäten zu riesigen Dramen auf, sie verletzen Persönlichkeitsrechte, sie verzerren die Wahrheit, sie verbreiten unfassbar viel Schleichwerbung, sie lügen, sie erfinden Geschichten und führen ihre Leser mit voller Absicht in die Irre. Und das passiert schon seit Jahrzehnten, ohne dass die Hefte großartig mit Gegenwind rechnen mussten. Aber dafür gibt’s ja jetzt uns.

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