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SpOn vs. Bild: Der Fall Hoeneß im digitalen Storytelling-Vergleich

Geschichte mit extremer Fallhöhe: Bild.de und SpOn haben den Fall Hoeneß multimedial aufbereitet. Foto: dpa
Geschichte mit extremer Fallhöhe: Bild.de und SpOn haben den Fall Hoeneß multimedial aufbereitet. Foto: dpa

Es ist "der Prozess des Jahres", meint Spiegel Online. Kommende Woche beginnt die Verhandlung im Fall Uli Hoeneß. SpOn und Bild.de haben den Fall in digitalen Dossiers aufbereitet. MEEDIA hat sich die Ergebnisse angeschaut und verglichen: Während SpOn vor allem erzählt, will Bild.de Hintergründe beleuchten.

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Kommende Woche beginnt der wohl meist beachtete Prozess wegen Steuerbetrug der jüngeren Geschichte. Bayern-Oberhäuptling und Wurstwarenfabrikant Uli Hoeneß muss sich vor dem Oberlandesgericht in München verantworten. Seit Wochen laufen sich die Journalisten, ohne die der Fall nicht an die Öffentlichkeit gelangt wäre, warm. Vier Tage lang werden sie das Geschehen im Gerichtsaal genauestens beobachten und analysieren. Das neue Storytelling-Ressort der Bild.de-Redaktion hat sich mit einem besonderen Online-Dossier dem Fall Hoeneß gewidmet. Die Bild-Zeitung hat den Aufreger mehrfach in Titelgeschichten thematisiert. Auch Spiegel Online – als zweitgrößte deutsche Newssite im Web – hat ein Multimedia-Projekt umgesetzt, um die bisherigen Geschehnisse noch einmal aufzuarbeiten. Während die Reporter aus Hamburg es aber lediglich geschafft haben, den Lebenslauf des ehemaligen Profi-Fußballers wiederzugeben und die Ereignisse rund um den Steuerfall zu protokollieren, haben die Bild-Reporter am größeren Rad gedreht. Bild.de übernimmt die Rolle des Erklärers.

Spiegel Online erzählt, Bild.de erklärt

Es ist eine Mischung aus Porträt und Lebenslauf, die die Macher von Spiegel Online aus ihrem Multimedia-Projekt zum Fall Hoeneß gestrickt haben. Die Autoren Christian Teevs, Heike Janssen und Guido Grigat bleiben in ihrer Berichterstattung vor allem auf einer Ebene: der offensichtlichen. Zu Beginn ihres Artikels beschreiben sie Uli Hoeneß als gierigen, vom Erfolgsgedanken besessenen Menschen. Als Menschen, der sich durch seine zielstrebige Art an die Spitze des deutschen Fußballs arbeitete, in Gesellschaft und Politik als moralische Instanz ja vielleicht sogar als Koryphähe gilt – oder gegolten hatte. Die Steueraffäre um den Präsidenten des FC Bayern bietet eine Fallhöhe, von der jeder Geschichtenerzähler nur träumen kann. Umso enttäuschender ist es, dass die SpOn-Autoren an der Oberfläche des Falls bleiben. Weshalb haben sie sich nicht getraut, wenigstens an ihr zu kratzen? Von einem Auftritt beim Champions-League-Finale im vergangenen Jahr ist die Rede, bei dem Hoeneß sich sichtlich unwohl gefühlt habe. Von seinem Streit mit Christoph Daum ist zu lesen, von seinem Engagement nach dem tragischen Tod des Gewaltopfers Dominik Brunner. Das macht die Charakter-Widersprüche deutlich, die Uli Hoeneß nun ein mal hat. Es sind aber alles Fakten und Geschehnisse, die jeder Leser, dem Uli Hoeneß bekannt ist, bereits kennt. Es ist die Wiedergabe der medialen Ereignisse, mit denen der 60-Jährige in Erscheinung getreten ist. In die Tiefe gehen die SpOn-Autoren auch bei der Wiedergabe der Steuergeschichte nicht. Seine angebliche Spielsucht sei der Grund gewesen, weshalb das Konto in der Schweiz überhaupt eröffnet wurde. Adidas-Chef Robert Louis Dreyfus habe ihm im Jahr 2000 fünf Millionen Mark geliehen. Alles was mit dem Geld geschehen ist, ging am Fiskus vorbei. Anstatt zu rekonstruieren, was abseits der Öffentlichkeit zu der Zeit passiert ist, berichten Teevs, Janssen und Grigat Unwichtigkeiten, wie die Beobachtung, dass Hoeneß immer einen Börsenpager bei sich getragen habe, um aktuelle Börsenkurse zu verfolgen. Letztlich reißt SpOn noch mal Hoeneß‘ persönliches Engagement auf: dass er Gerd Müller bei seinem Alkoholproblem geholfen habe und wie er sich um andere ehemalige Bayern-Spieler kümmerte. Vom Steuerfall aber keine Spur.

Nicht nur Protokoll, sondern auch Hintergründe und Erklärungen liefert Bild. Das Dossier des Storytelling-Ressorts, das Bild als Bezahlinhalt anbietet, übertrifft die Konkurrenz um Längen, und das nicht nur um Textlängen. Auch Bild.de porträtiert den ehemaligen Bayern-Manager, berichtet ausführlich – vielleicht etwas zu ausführlich – von seiner Fußballkarriere und achtet dabei auch auf entscheidende Schicksalsbrüche. So wird nicht nur von Hoeneß‘ Aufstieg vom Fußballfeld in die Präsidenten-Loge berichtet, sondern auch von seiner Leihgabe nach Nürnberg, als er den Bayern nicht mehr genügend Leistung brachte, und von einem Flugzeugabsturz, den er damals als einziger Insasse überlebte. Bild.de schafft es in seinem Dossier den Menschen Hoeneß näher zu bringen, ihn zu erklären und nicht nur zu beschreiben. Das Dossier stellt die derzeit noch ungeklärten Fragen, zu denen die Staatsanwaltschaft ermittelt. Die Reporter rekonstruieren, teils mithilfe anderer Medienquellen, teils mit eigener Recherche, wie es zur Selbstanzeige von Uli Hoeneß kam und welche Gründe es wohl hatte, dass diese nicht als Selbstanzeige anerkannt wurde. In ihrer Rekonstruktion verarbeiten sie auch Hoeneß‘ enges Verhältnis zur Politik.

Bild: Eigenlob und Medienkritik
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Im Kapitel „Medienkrimi“ beleuchten die Bild-Reporter die Rolle der Medien. Jörg Quoos, ein ehemaliger Bild-Mann, wurde gerade erst Chefredakteur des Nachrichtenamagazins Focus, als seine Reporter mit ersten Recherchen zu ihm kamen. Einerseits ein „Lottogewinn“, wie Bild schreibt. Aber auch eine Zwickmühle: denn
Focus-Herausgeber Helmut Markwort gilt als enger Freund des Bayern-Chefs und sitzt im Aufsichtsrat des Unternehmens. Der Focus brachte die Story, Bild am Sonntag sprang auf den Zug auf, schaltete ihre Geschichte einen Tag früher, also bevor der Focus am Kiosk lag. Dass Bild.de den stellvertretenden Chefredakteur der Bild, Alfred Draxler, „im Sportjournalismus eine Legende“ nennt, klingt eher nach Eigenlob als nach wesentlicher Information. Noch im selben Absatz dann durchaus berechtigte Medienkritik: Auf dem Focus-Titel ist nicht etwa Hoeneß, sondern Bernd Lucke von der AfD. Hatte Focus-Chef Quoos in letzter Minute kalte Füße bekommen?, fragt Bild.de. Unten auf dem „Focus”-Titel ein schwarzer Streifen – mit 2.bildder juristisch unangreifbaren Zeile „Verdacht auf Steuer-Hinterziehung – Staatsanwalt ermittelt gegen Hoeneß“. Mit Titelseiten aller relevanten Zeitungen und Zeitschriften, die diesen Fall recherchiert haben, protokollieren die Bild-Redakteure die Berichterstattung. Das Storytelling wandelt sich zu einem Protokoll, die Reporter geben Hoeneß‘ öffentliche Auftritte genauso wieder, wie die Reaktionen von Politikern, Bekannten und anderen Prominenten – es ist der Absturz des Uli Hoeneß in Bildern. Ende offen.

Spiegel Online: wirkliches Interesse am Multimedia-Spezial?

25 Mitarbeiter listet Bild.de am Ende des Dossiers auf, die an Text, Video, Bild, Layout und Dramaturgie gearbeitet haben. SpOn hat neben der drei Autoren acht weitere Mitarbeiter aus Foto-Redaktion, Dokumentation und für die Koordination aufgelistet. Fazit: Die beiden größten deutschen Nachrichtenseiten zeigen, wie Multimedia-Redaktionen ein so brisantes und viel diskutiertes Thema umsetzen können. Im Vergleich siegt allerdings Bild.de – um Längen. So gesehen ist auch gerechtfertigt, dass das Spiegel Online-Dossier kostenlos zu haben und die Hoeneß‘-Aufarbeitung von Bild.de aber als Bezahlinhalt deklariert ist.

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