Abendzeitung & Co.: Die dramatische Auflagenkrise der Boulevardzeitungen

Leiden unter Auflagenrückgängen: Deutschlands Boulevardzeitungen
Leiden unter Auflagenrückgängen: Deutschlands Boulevardzeitungen

Publishing Der Tod der Nürnberger Abendzeitung, die Insolvenz der Münchner Abendzeitung. Sind das nur Momentaufnahmen? Oder Anzeichen für das Sterben der Tageszeitungen? Zumindest für die Krise der Boulevardblätter ist die der Abendzeitung beispielhaft. 40% und mehr büßten die Titel in den vergangenen zehn Jahren bei der Auflage ein.

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Um eins klar vorweg zu sagen: Für die gesamte Entwicklung der deutschen Tageszeitungsverlage ist die Insolvenz der Abendzeitung sicher nicht beispielhaft. Es gibt auch im Jahr 2014 noch genügend Blätter, denen es hervorragend geht. Insbesondere bei den regionalen Abozeitungen – und dort vor allem im Süden der Republik, dort wo die Abendzeitung nun also Insolvenz anmelden musste, verlieren zahlreiche Titel auch in der jüngsten Vergangenheit nur wenige Käufer. Das Schicksal der Abendzeitung wird also nicht so schnell auch alle anderen Verlage ereilen.

Allerdings – Und das ist die schlechte Nachricht für den einen oder anderen Verlag: Ob es in zehn Jahren noch regionale Boulevardzeitungen geben wird, ist angesichts der jüngsten Entwicklungen überaus fraglich. Sieben solcher Blätter gibt es derzeit noch in Deutschland. Neben der Abendzeitung ist das in München noch die tz, in Berlin gibt es die B.Z. und den Berliner Kurier, im Rheinland den Express, in Hamburg die Hamburger Morgenpost und in Dresden und Chemnitz die Morgenpost Sachsen. 1,1 Mio. mal verkauften sich diese sieben Boulevardzeitungen noch vor zehn Jahren pro Tag. Inzwischen sind es nicht einmal mehr 800.000 – ein Minus von 28%.

Schaut man auf die einzelnen Entwicklungen, so ist die Auflagenentwicklung der Abendzeitung nicht einmal die schlimmste. Zwar verlor sie in diesen zehn Jahren 27% ihrer Käufer- von 145.000 auf 106.000, doch bei der B.Z. ging es im gleichen Zeitraum sogar um mehr als 40% nach unten, beim Express um 35% und beim Berliner Kurier um 28%. Kein Wunder also, dass Springer die B.Z. vor einigen Monaten mit der Bild Berlin zusammen geführt hat und dabei auch Stellen gestrichen hat. Allein hätte die B.Z. auf Dauer wohl keine Chance mehr gehabt. Konkurrent Berliner Kurier verlor in zehn Jahren ebenfalls heftige 28% und verkauft sich inzwischen nur noch rund 90.000 mal. Zusammen mit den 125.000 der B.Z. sind das 215.000 Berliner Boulevardzeitungskäufer – so viel verkaufte die B.Z. vor zehn Jahren noch allein.

Bedenklich sieht es auch beim Express aus, der zwischen dem vierten Quartal 2003 und dem vierten 2013 laut IVW um 35% nach unten fiel. Aus 242.000 Verkäufen wurden 157.000. Besonders heftig sieht es hier für die Regionalausgaben in Düsseldorf und Bonn aus, die 41% bzw. 44% einbüßten. Mit nur noch 33.631 und 12.603 verkauften Exemplaren wäre es wohl keine Überraschung, wenn die beiden Lokalausgaben irgendwann zugunsten der Kölner Ausgabe aufgegeben würden.

Drei der sieben regionalen Boulevardzeitungen halten sich unterdessen noch recht stabil. So büßten die Hamburger Morgenpost, die Morgenpost Sachsen und die tz aus München in den vergangenen zehn Jahren nur zwischen 12% und 15% ihrer Verkäufe ein. Im Vergleich zu den 40% und mehr der anderen Blätter ein durchaus beachtliches Ergebnis. Dennoch sind die beiden Morgenposten unter die 100.000er-Marke gerutscht. Die tz hat unterdessen längst die Marktführung in München übernommen – auch das ist ein Grund für die Krise der Abendzeitung.

Wie hoch die Auflagenzahl einer Zeitung sein muss, damit sie noch Geld abwirft, ist von Einzelfall zu Einzelfall natürlich sehr unterschiedlich, dafür sind die Kostenstrukturen eben zu verschieden. Dennoch wird die Abendzeitung sicher nicht die letzte Boulevardzeitung sein, die nach den verheerenden Auflagenrückgängen in ihrer Existenz bedroht ist. Schließlich ist die Auflage für beide großen Umsatzposten entscheidend: Für die Vertriebsumsätze direkt – und für die Anzeigenumsätze indirekt, weil ein Verlag nunmal nicht mehr dieselben Preise verlangen kann, wenn die Zeitungskäufer in Massen wegbleiben.

Auch die Bild verlor in den vergangenen zehn Jahren übrigens dramatische 39% ihrer verkauften Auflage. Aus 3,8 Mio. wurden laut IVW 2,3 Mio. Ein Minus von 1,5 Mio. verkauften Exemplaren ist eine unglaubliche Zahl. Dennoch wird die Bild sicher nicht so schnell vor der Frage stehen, ob sie eingestellt wird. Dafür sind 2,3 Mio. – und wären wohl selbst 1,0 Mio. verkaufte Exemplare – eben noch so viele, dass man durchaus gutes Geld verdienen kann. Was allerdings passieren kann, ist, dass der Verlag sich entscheidet, die einen oder anderen zu sehr schwächelnden Lokal-Ausgaben zu verschmelzen oder aufzugeben.

Eins zeigen all diese Zahlen sehr deutlich: Auch wenn die ganz große Zeitungskrise in Deutschland – trotz Einzelfällen wir FTD oder Frankfurter Rundschau – noch nicht eingesetzt hat, die regionalen Boulevardzeitungen kämpfen längst um ihre Existenz.

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Alle Kommentare

  1. Alexander Frey statt Alexander Hold!
    Dass wenige Herrn Frey kennen, hat damit zu tun, dass er sich für ein Thema einsetzt, das uns alle berührt, aber die wenigsten an sich ranlassen. Im Alter dann Opfer, hat man keine Lobby.
    Neben Derrick war auch Günther Grass in der Waffen SS, der das ja vergessen hatte. Die Menschen in seinem Dunstkreis, seine Entourage spielten dies herunter.
    Im Übrigen hatte von Galen die Menschen gewarnt im Dritten Reich, dass man einmal mit nicht nur mit den Behinderten so übel umgeht, sondern auch mit alten Menschen und „verkrüppelten2 Soldaten.
    So also die weitere Aufarbeitung: Harmlose Derrickfilme werden nicht gezeigt. Eine schonungslose Aufarbeitung der deutschen Vergangenheit fand nicht statt – leider. Und mit dem Hinsehen bei Missständen in der heutigen Zeit, machen es die meisten ja nicht anders. Darf man das schreiben oder gefällt das nicht?

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