GEO-Chef Gaede über 36 Jahre als Journalist: „Nicht Edelfisch, nicht Grottenolm“

Zieht nach fast vier Jahrzehnten die (vorläufige) Bilanz eines Journalistenlebens: Peter-Matthias Gaede
Zieht nach fast vier Jahrzehnten die (vorläufige) Bilanz eines Journalistenlebens: Peter-Matthias Gaede

Publishing Im Juni verlässt Peter-Matthias Gaede, 62, seine Rolle als GEO-Chef. Er blickt im 2-teiligen Meedia–Gespräch mit Christopher Lesko zurück: Im 1. Teil erzählt Lehrersohn und Wolf Schneider-Schüler Gaede von seinem Weg, der ihn aus einem Dorf im Westerwald in die Magazin-Hauptstadt Hamburg führte.

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Nach 31 Jahren GEO wird Peter-Matthias Gaede mit dem 20-jährigen Dienstjubiläum als Chefredakteur seine zentrale Steuerungsrolle verlassen. Gaede, einer der ersten Schüler der Henri-Nannen-Schule und langjähriges Mitglied der Hauptjury des Henri-Nannen-Preises, kann zurückblicken auf die Blütezeit des Magazin -Journalismus, den Bau der GEO-Familie und die Gestaltung nötiger Veränderungen. Grund genug für eine ausführliche Begegnung innerhalb eines zweiteiligen Gespräches. Grund genug auch, um sich etwas zu nehmen, dass rar geworden ist: Zeit.

Herr Gaede, nun haben wir etwa zwei Stunden Zeit für ein Gespräch. Fantasieren Sie sich ein wenig nach vorne und erzählen mir von Ihrer Stimmung nach Abschluss unseres Gespräches.

Ich gehe davon aus, dass ich dann immer noch entspannt sein werde. Es gibt ja nichts, was ich vor Ihnen verstecken müsste, keine Dark Spots in meiner und der GEO-Geschichte. Und wenn doch, dann habe ich sie derart verdrängt, dass auch Sie sie nicht finden werden.

Sie haben 2009 in GEO eine Geschichte mit dem Titel „Wer bin ich?“ produziert: „Lebenslauf-Forschung: Was die Persönlichkeit prägt“. Beschreiben Sie mir doch, wer genau hier vor mir sitzt.

Mmmh, anspruchsvolle Frage. Nehme ich mich im Beruf, so hatte ich nie die Neigung, über den Dingen zu schweben. Ich empfinde mich eher als jemanden, der als Chefredakteur Dreierlei zu sein hat: Mit-, Vor- und auch Mehrarbeiter. Also als Dirigent, der im Zweifel auch eine Nachtschicht als vierter Cellist einlegt. Wie kann man für eine privilegierte Position zurückzahlen? Indem man sich besonders ins Zeug legt, und sei es beim Formulieren des Vorspanns einer Geschichte. Mich am Freitag nach Sylt zu verabschieden statt Manuskripte zu lesen, war jedenfalls nie mein Begehr. Schon weil ich Sylt und seine Hamburger Edelfische nicht besonders verlockend finde.

Darüber hinaus: Sind Sie humorvoll, sensibel, aggressiv, verzweifelt, rational?

Oh Herr, was soll ich dazu sagen? Weshalb sollte ich verzweifelt sein? Und was die positiven Eigenschaften betrifft, die Sie mir hier anbieten: Ich werde doch jetzt nicht in eigener Sache ins Weihrauchfässchen greifen.

Ich wäre für Negatives offen.

Okay, bezeichnen Sie mich als manchmal schwer genervt. Wenn ich vermeidbare Wiederholungsfehler entdecke, dann zum Beispiel. Und ist es negativ, noch Resten eines romantischen Berufsbilds anzuhängen? In den Augen vieler vielleicht. Aber Sie haben nach meinen Aggressionsreserven gefragt: Damit kann ich nicht angeben, tauge auch nicht zum Stalinisten. Ich mag Entscheidungen, die am Ende möglichst überzeugend und einvernehmlich sind. Zumindest ist es mein Ideal, dass eine ganze Redaktion hinter unseren Kunststücken steht, nicht nur der Hochseilartist.

Das war jetzt präziser ausgedrückt.

Das andere nicht?

Die Welt ist ja gebaut aus vielen Situationen beiderseits des Zauns – den integrativen und den unfreundlichen. In der Tat frage ich mich, wie ein Mensch ohne aggressives Potential mit der unfreundlicheren Abteilung zurechtkommt.

Aber es ist doch klar, dass es Situationen gibt, in denen man jemandem Schmerz zufügen muss. Wenn man ein Auslandsbüro schließt, wenn man sich von jemandem trennt, dessen Qualifikation sich als Missverständnis herausgestellt hat. Dann kann man wütend sein auf die Verhältnisse oder auf eine vorausgegangene eigene Fehlentscheidung, aber was hat das mit Aggressivität zu tun? Es ist mir nie leichtgefallen, jemandem die Tür zu weisen; das macht Kopfschmerzen, macht mich schlaflos. Aber wir stehen nun einmal vor der Notwendigkeit in unserer Branche, mit Veränderungen umzugehen. Wir siedeln nicht in einem Paralleluniversum. Und manchmal bedeutet Veränderung leider Abbau statt Ausbau.

Und innerlich, ganz praktisch: Werden Sie rational und distanziert in sehr ernsten Situationen? 

Ich kann mich an Cheftypen erinnern, die mit sehr breitem Filzstift in Manuskripten ganze Seiten durchgestrichen und ‚Scheiße’ an den Rand geschrieben haben – und den Urheber auf seinen Exkrementen ratlos zurückgelassen haben. Da ich so etwas pädagogisch nicht sonderlich wertvoll fand, versuche ich, meine Eingriffe in Manuskripte oder auch Fotostrecken oder auch das große Ganze nachvollziehbar zu begründen. Rational also ja, distanziert eher selten.

Ich will mit Ihnen auf Ihren Weg schauen. Erzählen Sie über Ihren Start ins Leben. In welche Atmosphäre sind Sie hineingeboren worden? Wer hatte Bedeutung für Sie? Ihr Vater war Lehrer.

Ich bin in einem winzigen Örtchen im Westerwald auf die Welt gekommen. Habe mit meinen Eltern und zeitweise mit meinem Großvater in einer kleinen Wohnung über der Dorfschule gewohnt. Roter Backsteinbau, zwei Klassenzimmer im Erdgeschoss. Darüber die zwei Lehrer-Wohnungen mit Blick auf die Gastwirtschaft, in der Nähe der Schlachter. Eine hohe Eisenbahnbrücke, ein Freibad im Wald: Das war der Kosmos meiner ersten Jahre. Ich fand es schön, war überaus gewollt von meinen Eltern, sehr geliebt und sehr behütet.

Dann zogen wir in einen kleinen Ort in der Nähe von Kassel; er war in Unter- und Oberdorf geteilt. Im Unterdorf die Kinder von Bauern, Gastwirten, Bäckern, Arbeitern, Hilfsarbeitern, im Oberdorf die Flüchtlinge und andere Zugezogene. Wir haben in beiden Teilen eine Zeit lang gewohnt. Als Einzelkind war ich sehr darauf bedacht, viele Freunde zu haben, und als Lehrerskind darauf, keinesfalls als zu etepetete zu gelten. Also suchte ich mir viele Kumpel und keinen davon aus einem intellektuellen Milieu, das es da ohnehin nicht groß gab.

Was für ein Mensch war Ihr Vater, als sie klein waren?

Er war ein fröhlicher, großzügiger und kontaktfreudiger Mensch, der zu Weihnachten gerne Postboten, Kohlenhändler und Stationsvorsteher mit kleinen Geschenken versorgte. Und er hatte ein großes Interesse an Geschichte. Er kam aus einer klassisch humanistischen und zugleich sozialdemokratischen Familie, die in Berlin mit Ernst Reuter zu tun gehabt hatte. Geschichte, das Faschismus-Trauma, wurde eine Art Lebensthema für meinen Vater. Vor allem diese bösartige Genese des Antisemitismus hat ihn fast schon wie ein zweiter Hauptberuf beschäftigt. Er las und schrieb viel dazu, freute sich über jeden Briefkontakt mit Ralph Giordano, Gräfin Dönhoff oder Arno Lustiger, der über jüdischen Widerstand geforscht hatte. Und er galt als „der rote Lehrer“ nicht nur bei den Alt-Nazis im Dorf.

Lehrerkindern geht es ja manchmal wie der Scheibe Wurst zwischen zwei Brotscheiben: Oben der Vater mit einer beruflich und privat vermischten Doppelrolle und Ansprüchen. Und unten misstrauische Mitschüler. 

Mein Vater war absolut nicht autoritär und vollkommen ohne Dünkel, und der Welt griechischer Büsten, der Welt seines Vaters in Berlin, hatte er sich mit einer Landwirtschaftslehre entzogen, bevor er zum Lehrer wurde. Soviel zur oberen Brotscheibe. Und dennoch: Weil der Lehrer auf dem Dorf noch als etwas Besonders galt, musste man aufpassen, dass einem nicht der Verdacht begegnete, schon als Knirps hochnäsig durch die Welt zu stiefeln. Jedenfalls hatte ich wohl unbewusst den Ehrgeiz, den stämmigen Jungs des Dorfes zu zeigen, dass ich nicht der verhätschelte Stubenhocker war. Ich war gerne mit ihnen zusammen, wenn sie eine Wurstkammer aufbrachen, ich war gern mit ihnen in den Kirschbäumen oder habe bei der Kartoffelernte geholfen. Und das hat mich vielleicht für immer ein bisschen geerdet. Jedenfalls denke ich nur mit guten Gefühlen an diese Zeit zurück.

Haben Sie von Ihren Eltern irgendetwas lernen können, das Ihnen für Ihr Leben geholfen hat?

Es sind eher Dinge, die schlecht in eine Hitliste passen, aber ich bin meinen Eltern ungemein dankbar dafür, wie sie mich Kind und dann Suchender sein ließen, mit unconditional love. Später haben sie mir Geduld mein wahrlich nicht immer stringent vorangetriebenes Studium finanziert, und als ich nach dessen Ende kurzfristig etwas orientierungslos war, wollten sie mir auch die Zeit für eine Doktorarbeit bezahlen. Mit einer einzigen Vorgabe war all das verbunden: Mein Vater bat mich, bitte nicht auch noch Lehrer werden zu wollen. Danke, Vater!

Sie sind 1951 geboren. Als Rahn sein Berner Tor schoss, waren Sie drei, als die 68er loslegten, waren Sie 17. In welcher Art hat diese Zeit aggressiver Auseinandersetzung mit tradierter, gesellschaftlicher Autorität den 17-jährigen Peter-Matthias berührt?

Ich war Gymnasiast an einer sehr fortschrittlich konzipierten Schule im proletarischen Osten von Kassel. Ganztagsbetreuung am Anfang, Koedukation war selbstverständlich, musische Fächer wurden betont, Hauptfächer konnten ab einer bestimmten Stufe gewählt werden. Ich hatte zum Beispiel Politik als Hauptfach und konnte Unangenehmes wie Biologie und besonders Chemie und Physik zu einem Fach und damit zu einer einzigen schlechten Note zusammenlegen. Natürlich schwappte aus Frankfurt die Studentenbewegung zu uns. Wir übernahmen die Schülerzeitung, die bis dahin allenfalls für Raucherecken auf dem Schulhof gekämpft hatte, und konfrontierten unsere allerdings nicht durchgängig enthusiasmierten Mitschüler mit Theorie und Praxis zur Expropriation der Expropriateure. So gelang es uns, die verkaufte Auflage von 500 auf 50 zu reduzieren. Und bald auch den einzigen Anzeigenkunden loszuwerden, ein vom Vater eines Mitschülers geführtes Bettenhaus, als wir das Foto eines Napalm-Opfers aus dem Vietnam-Krieg gegen das bequeme Liegen stellten. Tja, Leser-Blatt-Bindung, Anzeigenmarkt waren noch nicht unsere Spezialität. Und unbeirrt nötigten wir unsere eigentlich geliebte Klassenlehrerin, in Marburg Vorlesungen bei Professor Abendroth zu belegen, um mit uns über die Geschichte des Klassenkampfes debattieren zu können. Ich glaube, wir waren a pain in the neck, weil wir viel mehr Gewissheiten als Wissen mit uns herumtrugen. Und besser ist es ja umgekehrt.

Würden Sie denn einer kleineren Korrektur Ihrer ursprünglichen Einschätzung eigener Aggressivität zustimmen?

Puh… Mag sein in jener Zeit des inneren Aufruhrs und der jugendlichen Chuzpe. Es war eine sehr vitale Zeit, und in unserem Abnabelungsprozess von diesem Deutschland vor und dann mit Adenauer waren wir nicht zimperlich.

Wie genau wuchs denn Ihr initialer Bezug zum Journalismus? Irgendwie legt irgendjemand ja eine Spur, der gefolgt und die ausgebaut wird.

Am Anfang stand die große Lust am Lesen. Meine Eltern waren lange Jahre TV-abstinent und besaßen auch nie ein Auto. Das hat umso mehr zu allen möglichen Reisen im Kopf angeregt, mithin zum Schmökern. Daraus wuchs der Spaß am Umgang mit Sprache: Aufsätze, auch die allseits gefürchteten „Bildbetrachtungen“ im Deutschunterricht habe ich immer gerne verfasst.  Dann das Studium der Publizistik in Göttingen, was zunächst allerdings „Stilkunde“ und eher akademische Sprachzerlegung war, ein bisschen säuerlich. Als dann unser Professor emeritierte, tat sich eine Chance auf. Zusammen mit zwei Assistenten wandelten wir Studenten den Studiengang zur Kommunikationswissenschaft. Da begann für mich die Auseinandersetzung mit der deutschen Presselandschaft, mit Wirkungsforschung, mit qualitativer Inhaltsanalyse. Und also die Beschäftigung mit Medien, obwohl ich in den Semesterferien lieber in Möbelpackereien oder als Hilfspfleger im Krankenhaus arbeitete statt mich in der Heimatzeitung an Sportberichten über die Bezirksliga zu versuchen. Und immer noch war das Studium sehr theoretisch, wir begegneten erst ganz am Schluss einem real existierenden Journalisten: Kurt Morneweg, Studioleiter des Hessischen Rundfunks, TV und Hörfunk. Bei ihm hospitierte ich dann und konnte relativ schnell die klassischen 30- bis 90-Sekünder über Staus auf nordhessischen Autobahnen trainieren.

1979 sind Sie bei Wolf Schneider und der Henri-Nannen-Journalistenschule gelandet: Erzählen Sie über Schneider, die Zeit damals und Ihr damaliges Lebensgefühl.

Um mit dem Ende zu beginnen: Es war wunderbar, auf diese Schule gehen zu können. Gerade, weil sie in Teilen eher Konfrontations- als Komfortzone war. 68er und andere trafen da auf einen Peitschenschwinger, der keineswegs ausstrahlte, sein Handwerk in basisdemokratischer Grundhaltung vermitteln zu wollen. Ich möchte aber nicht in Endlosschleife all die Legenden um Wolf Schneider recyceln, die ja nun wahrlich zu einer Art Kulturgut unserer Branche gehören. Das Wichtigste war einfach das Handwerk, und Handwerk lehrte Schneider so gnadenlos wie meist hervorragend. Er hatte wohl das Gefühl, uns Kommunikations- und sonstigen Studenten zeigen zu müssen: „Leute, was Ihr bisher gemacht habt, gleicht eher einer Disqualifikation für Journalismus denn einer Qualifikation. Ihr könnt vielleicht die Pressekonzentration nach 1945 herbeten, aber Ihr bekommt noch keinen geraden Satz heraus.“ War ein bisschen übertrieben, hat aber nicht geschadet.

Also wo ist die Nachricht, was gehört in den Vorspann, was in den ersten Absatz. Wer ist „man“? Was ist „schlechtes“ Wetter? Wo hat ein Satz unschöne Blähungen? Weshalb sollte man Bandwürmer lieben, wenn sie sich doch auch zerhacken lassen? Präzision statt Labbrigkeit! Keine zu Tode gerittenen Wortklischees. Schneider kannte da keine Verwandten, auch nicht bei Blättern, für die er selbst gearbeitet hatte.

Aus meiner Distanz betrachtet, fehlte mir bei Schneider stets die liebevolle Benutzeroberfläche. Ich fand ihn arrogant, in einer spröden Art mechanisch und unfreundlich. Er galt Journalisten als Autorität. Wahre Autorität ohne Liebe ist für mich undenkbar. Schneider muss sich sehr von dem unterschieden haben, was sie von Ihrem Vater kannten.

Ist doch schön, wenn’s keine Konkurrenz um die liebste Vaterfigur gibt. Ja, Schneider hatte etwas Herrisches. Für Empathie schien er nicht gemacht zu sein. Er konnte schwache Leute schwächer machen, aber Starke im Widerstandsmodus immerhin stärker. Noch lange nach Ende der Schule okkupierte er viele von uns aus der Ferne, und auf Altersmilde warteten wir da vergeblich. Aber bitte: Ich habe inzwischen sogar eine Laudatio auf sein Lebenswerk gehalten. Denn ich glaube, dass er uns auf seine spezielle Weise gutgetan hat. Und je mehr ich über ihn nachgedacht habe, umso mehr habe ich ihn als tapferen, in seiner Einsamkeit rührenden Wertkonservativen in Erinnerung: Er ist kein Mensch, der sich von Marketinggesäusel oder Sprechblasen hat beeindrucken lassen. Und er hat uns Misstrauen gegenüber jeglicher Art von Verlautbarungsjournalismus gelehrt. Und außerdem täte er dem allgemeinen, mittlerweile miserablen Rechtschreibniveau gut, würde man ihn bloß mehr beherzigen! Rar, so etwas.

1980 gingen Sie als Lokalreporter zur Frankfurter Rundschau: Wie sehr oder wie wenig passte, was Ihnen atmosphärisch dort begegnete, zu Ihren Vorstellungen von Beruf und Arbeit?

Ich konnte eine fremde Stadt privat erobern und dies mit journalistischen Aufgaben verbinden. Das war schön, gewissermaßen ganzheitlich. Die Redaktion war engagiert und uneitel: Es ging allen dort sehr um die Inhalte, nicht um Titel, Bezahlung oder Hierarchie. Und spannende Inhalte gab es viele: Die Startbahn West–Diskussion, die Stilllegung großer Frankfurter Traditionsbetriebe, das Ausbluten an den Rändern der Stadtkultur auf der einen und 100-Mio-Projekte wie die Alte Oper auf der anderen Seite. Interessante Felder, auf denen ich nebenbei systematisch Formen und Genres ausprobieren konnte. Vom poetischen Vierzeiler unter dem „Schmuckbild“ vom verliebten Pärchen auf Parkbank zum Frühlingsanfang bis zu drei Wochen lang recherchierten großen Reportagen. Und ich fand heraus: Die Welt zu kommentieren, mochte ich nicht.

Warum nicht?

Ach, in einer Stadt voller solcher Stoffe fand ich es immer interessanter, die Meinung und die Geschichten anderer kennenzulernen, als meinen eigenen Senf kommentarhaft dazuzugeben. Es war eine aufschlussreiche Zeit bei der Rundschau. Vielleicht auch deshalb, weil damals schon in ersten Ansätzen zu spüren war, was später wohl auch ein Bestandteil der Krise der Frankfurter Rundschau werden sollte: Schon damals war die konservative FAZ mitunter viel entspannter als die linksliberale Rundschau. Die schien von diesem sozialdemokratischen Trauma beschädigt zu sein, Sozis seien keine ordentlichen Staatsbürger, was sie mitunter spießiger erscheinen ließ als die FAZ mit ihrer bourgeoisen Grandezza. Ein Daniel Cohn-Bendit, so sah es aus, konnte eher im Feuilleton der FAZ vorkommen als bei uns. Aber etwas ganz anderes: Ich habe in jener Zeit auch erfahren, dass es nicht immer die großen Themen sind, von denen die Menschen berührt sind. Ich schrieb einmal über eine Rentnerin, der ihr Hund weggenommen werden sollte. Dieser Hund war ihr Draht zur Welt und zu anderem Menschen, ohne ihn hätte sie ihre Haus nie verlassen. Der Artikel löste derart gewaltige Reaktionen aus, dass die FR zeitweise eine zusätzliche Kraft am Lesertelefon einstellen musste. Und eine Großdemonstration, die per Sonderzug ins süddeutsche Domizil der bösen hundeverbietenden Hausbesitzerin fuhr.

Irgendwie sind Sie dann bei GEO gelandet und tauschten Hessen mit Hamburg.

Nicht ganz irgendwie. Ich hatte während meines Praktikums als Journalistenschüler eine Reportage bei GEO geschrieben, hatte zwei Wochen lang in einem Tunnel in der Schweiz gesteckt, um zu beschreiben, wie man sehr tiefe Löcher in sehr harte Berge bohrt. War feucht, kalt und laut. Und dunkel. Dann, während ich schon bei der Rundschau war, hatten wohl zwei namhaftere Journalisten nach Meinung des damaligen GEO-Chefredakteurs ihren Auftrag, über die Eingeweide des Frankfurter Flughafens zu schreiben, nicht bewältigt. Und bevor er das Thema beerdigte, erinnerte er sich an mich. Ich war günstig in den Recherchekosten, weil vor Ort, nahm mir ein paar Tage Urlaub und einige Nächte, schrieb über alles für Reisende Unsichtbare – und bekam wenig später die Einladung, zu GEO zu wechseln. Ich tat mich damit zunächst schwer, weil ich eine Tageszeitung für relevanter hielt. Dann packte mich die Panik, und ich rief ein aufgeregtes Ja nach Hamburg, während der fußballverrückte damalige Chefredakteur lieber die Sportschau sehen wollte. Aber seine Frau hat’s ihm wohl gesagt.

Solide Panik-Attacken brauchen ja Planungszeit. Wie lange haben Sie denn mit Ihrer Zusage gewartet? 

Es waren ein paar Wochen. Ich hatte mich unter anderem in einer Hängematte zwischen griechischen Olivenbäumen besonnen.

Lesko _Gaede_1.Teil
G+J-Urgestein Peter-Matthias Gaede (l.)
im Interview mit Christopher Lesko

 

Der von Ihnen erwähnte Aspekt der Relevanz gilt ja nicht nur für Medien und Produkte, sondern gleichzeitig für die Personen, die Themen und Medien repräsentieren. Wie wichtig ist Ihnen persönlich Relevanz?

Als Journalist möchte man etwas bewirken, alte Kamelle. Und ich war im Zweifel, ob mir das mit meiner Ausstattung bei GEO gelingen würde. Ich habe Ihnen vorhin meine Schwäche in Naturwissenschaften gestanden. GEO aber war ganz stark auch Naturwissenschaft. Überdies war ich noch nicht allzu weltgewandt. Eher überhaupt nicht, verglichen mit der Sozialisation etwa heutiger Bewerber für Journalistenschulen, die mit drei Fremdsprachen antreten, zwei Auslands-Semestern, Assistenz bei einem Europa–Abgeordneten, ehrenamtlich für Amnesty International unterwegs und dann noch Hockey– Trainer plus Chorleiter-Erfahrung in Argentinien. Das unterscheidet sich von den einfachen Bahnen, auf denen sich unsereins in die große weite Welt von GEO bewegte.

Ich möchte Sie gerne noch einmal mit meiner Frage nach der Bedeutung persönlicher Relevanz für Sie belästigen. 

Ich bin ja kein Grottenolm. Natürlich wollte ich als Journalist spürbar werden, nennen Sie’s relevant. Deshalb war es für mich die Frage, ob ich eine Tageszeitung mit Politik-Einfluss verlassen sollte, um zu einem Magazin für Plattentektonik und Kaiserpinguine zu gehen. Aber die Frage war erstens ziemlich doof, wie sich herausstellen sollte. Denn GEO behandelte schon damals eine Menge Themen von Relevanz. Und zweitens konnte ich dort tun, was ich wollte: Also über Militärdiktaturen, Bauern und Minenarbeiter in Lateinamerika schreiben, über frühe Demokraten in der Sowjetunion, über Khomeinis Kindersoldaten, den internationalen Bluthandel oder Grenada nach der US-Invasion. Und ja, das empfand ich als wichtig – ohne zu wissen, ob es auch die Leser taten.

Teil 2 des großen Gaede-Interviews finden Sie hier

 

Mehr über den Autor: www.leadership-academy.de

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