Pleite der Abendzeitung: der Niedergang einer stolzen Institution

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Publishing Die deutsche Zeitungslandschaft erleidet nach der Pleite der Frankfurter Rundschau und der Einstellung der FTD mit der Pleite der Münchner Abendzeitung den nächsten Schlag. 105.751 Exemplare verkaufte die Abendzeitung im vierten Quartal 2014. 1998 waren es noch knapp 160.000 Exemplare. Zum Auflagenverfall kommt, dass der Zeitungsmarkt in München mit SZ, Merkur, tz, Bild und Abendzeitung schon seit jeher extrem hart umkämpft ist. Die Abendzeitung war das schwächste Glied in der Kette.

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Die Geschichte der einst großen Münchner Abendzeitung war in den vergangenen Jahren leider eine des permanenten Niedergangs. Früher standen bekannte Namen für die Abendzeitung. U.a. Erich Böhme, Peter Glotz, Michael Jürgs, Frank Plasberg, Andreas Petzold, Arno Luik, Hans-Jürgen Jakobs und Claus Strunz verdienten sich dort ihre journalistischen Sporen. „Ponkie“ war eine Ikone der TV-Kritik. Die Abendzeitung war in den 80er Jahren das Vorbild der Fernseh-Serie „Kir Royal“, in der Franz-Xaver Kroetz als Michael-Graeter-Inkarnation Baby Schimmerlos unter der Regie von Helmut Dietl einen TV-Klassiker schuf. Die Abendzeitung stand für eine intelligente Spielart der Boulevardpresse. Mit der AZ unterm Arm konnte man sich sehen lassen. Heute sieht man in der Münchner U-Bahn nur noch leuchtende Smartphones.

Nach unzähligen Sparrunden, Personalkürzungen und einer nicht aufzuhaltenden Auflagen-Talfahrt, war die Abendzeitung schon länger nur noch ein Schatten ihres früheren, stolzen Selbst. Im Oktober 2009 gab Abendzeitungs-Verleger Johannes Friedmann eine enge Kooperation mit der Süddeutschen Zeitung bekannt. Die Abendzeitung sollte nach Bedarf Dienstleistungen der großen Schwester in Anspruch nehmen können. Geholfen hat alles nichts.

Bleibt die vage Hoffnung auf einen Investor.  Auf den weißen Ritter in schimmernden Rüstung und einem Sack voll Geld. Aber wer würde in Zeiten des digitalen Wandels Geld in eine gedruckte Boulevardzeitung stecken? 70 Mio. Euro Miese sind bei der Münchner Abendzeitung seit 2001 aufgelaufen, allein 10 Mio. Verlust in 2013. Für einen Investoren muss das Papier Abendzeitung toxisch wirken. Bleibt als letzter Ausweg die Möglichkeit einer Sanierungsfusion nach dem Vorbild der ebenfalls pleite gegangenen Frankfurter Rundschau, die unter die Fittichen der FAZ geschlüpft ist.

Aber welche Möglichkeiten gäbe es da schon? Die Süddeutsche Zeitung steht selbst gehörig unter Druck. Der offensichtlichste potenzielle „Retter“ der Abendzeitung wäre wohl der Münchner Verleger Dirk Ippen, der bereits den Merkur und die tz in der bayerischen Landeshauptstadt herausgibt. Über ein Zusammengehen von tz und Abendzeitung war in vergangenen Jahren immer mal wieder spekuliert worden. Gut möglich, dass sich der Hinweis auf die „kartellrechtlich restriktive“ Situation in der Mitteilung zur AZ-Pleite auf ein solches Szenario bezieht.

Das Kartellamt hätte einer Fusion von Abendzeitung und tz wahrscheinlich niemals zugestimmt. Nun aber ist die AZ pleite und es gäbe – theoretisch zumindest – die Möglichkeit einer Sanierungsfusion. Doch diese Hoffnung ist sehr vage. Nein, Illusionen braucht man sich nicht hinzugeben. Selbst im günstigsten Fall bliebe von der einst so stolzen Abendzeitung höchstwahrscheinlich nur noch die Hülle.

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