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Satire-Websites Postillon & Co. – Aprilscherze in Dauerschleife

Als Satire-Show hat es der  „Postillon“ sogar ins TV geschafft – die Website ist ein Social Media-Hit
Als Satire-Show hat es der "Postillon" sogar ins TV geschafft – die Website ist ein Social Media-Hit

Satire-Websites, allen voran der Trendsetter Postillon, boomen im Web. Der Postillon und Nachahmer-Seiten, wie die "Neue Rheinpresse" oder "Eine Zeitung", kommen inzwischen auf Millionen Leser, die vor allem via Facebook zu den Gag-Nachrichten finden. Dabei unterscheidet sich die beliebte neue Netz-Satire in ihrer Machart grundsätzlich von Old-School-Satire à la Titanic. Postillon & Co. funktionieren nach der Mechanik von Aprilscherzen in Dauerschleife.

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Der Postillon ist als Parodie auf gängige Nachrichten, vor allem Online-Nachrichten, gestartet. Vorbild ist die US-Satire-Website The Onion. Es werden Fake-Nachrichten produziert, die auf den ersten Blick (fast) wie echt wirken und auf die zahlreiche Leser trotz ihrer Absurdität immer wieder hereinfallen. Eine beliebte Rubrik beim Postillon ist es darum auch, die wütenden und empörten Reaktion von Lesern, die die überdrehten Meldungen für bare Münze genommen haben, zu sammeln und zu veröffentlichen,.

Einer der größten Coups von Postillon-Macher Stefan Sichermann war die Story “Linie übertreten: Rekordsprung aus 39 Kilometern Höhe für ungültig erklärt”, mit dem er den spektakulären Sprung von Felix Baumgartner aus dem Fast-Schon-Weltraum auf die Erde für ungültig erklärte. Der Text war einer der meistgelesenen beim Postillon. Für Aufsehen und Aufregung sorgte Sichermann auch, als er die echte Meldung, dass der CDU-Politiker Ronald Pofalla Bahn-Vorstand werden soll, rückdatierte und als Postillon-Exklusivmeldung bezeichnete, so dass der Eindruck entstand der Spiegel und zig andere Medien seien auf eine Postillon-Satire hereingefallen.

Dieses Spiel mit Realitäten, das Verschwimmen von Fake, Satire und echter News ist die DNA des Postillon-Konzepts. Aufgrund des immensen Erfolgs des Postillons gibt es mittlerweile zahlreiche Nachahmer. Die heißen noch scheinseriöser etwa “Neue Rheinpresse”, “Eine Zeitung”, die “Weltpresse” oder in Österreich “Die Tagespresse”. Alle haben das Postillon-Konzept übernommen und sind damit oft weniger originell als das Original aber trotzdem erfolgreich.

Offenbar gibt es einen Impuls bei Lesern, solche Fake-Nachrichten entweder zu glauben oder zumindest gerne bei Facebook zu teilen. Vielleicht auch, um möglicherweise zu sehen, ob andere “reinfallen”. Die Methodik erinnert an Aprilscherze und ist eine ganz eigene, neuartige Spielart der Satire, wie es sie praktisch nur im Netz gibt.

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Die TV-Sendung “heute Show” praktiziert beispielsweise auch Satire in Form einer Nachrichtensendung, hier ist aber stets erkennbar, dass man keine “echten” Nachrichten serviert bekommt. Dieses Spiel mit Realität und Fake funktioniert nur im Netz wirklich gut, wo die Quellenlage oft unscharf ist. Der alte Spruch „Im Internet weiß niemand, dass Du ein Hund bist“ gilt nach wie vor.

Der enorm hohe Viral-Faktor der Inhalte von Postillon & Co. lässt die Old-School-Satiriker von Titanic im Reichweitenvergleich tatsächlich alt aussehen. Eine MEEDIA-Analyse hat gezeigt, dass Titanic online maximal ein Drittel des Traffics vom Postillon erreicht. Titanic veröffentlicht dabei Inhalte anderer Art. Die Frankfurter spielen zwar auch mit Satire und Realität, allerdings nicht im Netz. Die Titanic-Redaktion schwärmt im wirklichen Leben aus und verkleidet sich etwa auf einem Flohmarkt als Kunstfälscher-Inspektoren auf der Suche nach Nazi-Kunstschätzen. Legendär sind Titanic-Aktionen, als eine CDU-Delegation in die Schweiz reiste, um dort Schwarzgeld zu übernehmen und auf Titanic-Redakteure traf. Oder als die Titanic-Leute das Fifa-Exekutiv-Komitee mit Schinken und Kuckucksuhren bestachen, um die Fußball-WM 2006 nach Deutschland zu holen. Die Aktion sorgte damals für tiefgreifende fußballpolitische Verwerfungen.

Auch die Inhalte des Titanic Magazins wären für die neuen Satire-Stars aus dem Netz wahrscheinlich oft zu hart. Als Beispiel sei das Titelbild einer der jüngsten Titanic-Ausgaben mit dem Foto von Niki Lauda und der Zeile “So schlimm erwischte es Schumi” genannt. Die Titanic-Satire ist oft geschmacklos und geht dahin, wo es wehtut. Die Satire der Postillons ist weniger radikal und grenzgängerisch. Die neue Web-Satire ist massentauglich und kompatibel mit dem Mainstream. Womit nicht gesagt sein soll, dass sie schlechter ist. Sie ist nur eben anders.

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