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Wer gewinnt die Oscars? Big Data gibt die Antwort

Große Verwirrung bei der Oscar-Verleihung 2017
Große Verwirrung bei der Oscar-Verleihung 2017 Die Academy hat entschieden: Die Oscars gehen an...

Keine Oscar-Verleihung ohne vorgeschaltetes Brimborium und Prognosen, welche Filme die begehrten Preise bekommen. Waren es früher die klassischen Filmkenner, die sich auf ihr Expertenwissen berufen konnten, werden zunehmend Datenanalysten tätig, um sich und ihre Vorhersage-Methoden ins Gespräch zu bringen. Big Data will eine Scheibe Aufmerksamkeit vom Big Entertainment.

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Im vorigen Jahr sagte beispielsweise Nate Silver den Film des Jahres „Argo“ voraus. Silver ist das Statistik-Genie, das bei den letzten US-Wahlen die Ergebnisse in allen Bundesstaaten richtig prognostizierte. Mit seinem Blog FiveThirtyEight zog er vor einiger Zeit zum TV-Sender ESPN um. Vermutlich wird Silver auch in diesem Jahr eine Prognose abgeben. Die Oscars werden in der Nacht von Sonntag auf Montag verliehen.

„Argo“ als besten Film hatte im vergangenen Jahr auch das Unternehmen Exponential Interactive vorhergesagt. In diesem Jahr erwarten die Datenanalysten, dass die Auszeichnung an „12 Years a Slave“ geht. Die US-Firma, die ihre deutsche Dependance in München hat, erklärt auch, wie sie auf diese Prognose kommt. In Kürze: Die etwa 5.800 Menschen aus der Oscar-Jury sind laut Exponential Interactive mehrheitlich über 50 Jahre alt, weiß und männlich. Diese Gruppe von Menschen möge Sportwagen, „hochwertige Kleidung“ und „exotische Reiseziele“, führen die Big Data-Kenner weiter aus.

Wie führt das nun zu „12 Years a Slave“? Die Firma behauptet, durch das Sammeln von zwei Milliarden „User-Events“, also Handlungen, die Menschen im Web vornehmen, Zielgruppen besonders genau beschreiben zu können. Also auch ihre Vorlieben. Die Mitbewerber „Her“ (zu viel Technologie-Gedöns), „Philomena“ und „Nebraska“ (schauen sich vor allem weniger kaufkräftige Zielgruppen an), „Wolf of Wall-Street“ („zu egoistisch“) und „Dallas Buyers Club“ („zu wenig egoistisch“) kämen laut dieser Analyse ohnehin nicht in Frage. „American Hustle“, „Gravity“ und „12 Years“ schließlich sprächen eine breite Zeilgruppe an. Den Ausschlag für „12 Years“ gegenüber „American Hustle“ gäbe die Nähe vieler Jurymitglieder zur Metropole Los Angeles.

Klingt alles etwas dubios und an den Haaren herbeigezogen? Geht von der Prämisse aus, dass die Jury ausschließlich nach ihrem persönlichen Geschmack entscheidet, und nicht nach Fachkriterien? Kategorisiert zwar Zielgruppen, aber bleibt auch eine Erklärung dafür schuldig, nach welchen Kriterien die einzelnen Filme kategorisiert werden? Stimmt alles.

Und dennoch sind richtige Prognosen von Datenanalysten offenbar keine Einzel- oder Zufallstreffer. Zum gleichen Sieger in der Kategorie „Bester Film“ kommt auch die Firma Farsite, eine Datenanalyse-Tochter eines IT-Unternehmens, ebenfalls aus den USA. Auch Farsite legte sich mit „Argo“ im vorigen Jahr fest – und behielt Recht. Laut eigener Aussage greift das statistische Modell auf Informationen aus 40 Jahren Film- und Oscar-Geschichte zurück, darunter Angaben, wie oft Nominierte bereits Preise gewannen. Social-Media-Buzz spiele laut Farsite keine dominante Rolle bei der Wahl. „Unser anspruchsvolles Vorhersagemodell, das wir in Branchen wie dem Handel oder dem Gesundheitswesen verwenden, lässt sich eben auch auf die Oscars anwenden“, sagt der „Chief Science Officer“ der Firma. Kleiner Wink mit dem Zaunpfahl: Das ist Werbung in eigener Sache.

Im aktuellen Kultur-Spiegel beschreibt Daniel Sander, warum eine Einbeziehung von Preisen und Auszeichnungen entscheidend für einen Prognoseerfolg sein könnte. Denn üblicherweise werden im Oscar-Vorfeld sehr viele andere wichtige und weniger wichtige Preise verliehen. Die alle, so Sander, schon längst nicht mehr darauf abzielten, den „besten“ Film oder Hauptdarsteller zu feiern, sondern möglichst genau den künftigen Oscar-Gewinner herauszufiltern. Merke: Ein Filmpreis, der möglichst relevant sein will, unterscheidet sich nicht vom Oscar, sondern gleicht dem Oscar. In diesem Jahr seien die Favoriten für den besten Film indes sehr dicht beieinander, so vergab die Produzentengilde erstmals zwei erste Preise – an „Gravity“ und „12 Years“. Sander tippt auf „Gravity“, auch weil dieser die Möglichkeiten des Kinos voll ausnutze. Doch das ist ja schon wieder so ein „Expertentip“.

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Es geht natürlich auch ganz anders. Google hat einen Blick in seine Trends-Suchlisten geworfen und einfach ausgezählt, nach welchen Filmen und Schauspielern in den vergangenen 90 Tagen am meisten gesucht wurde. Ergebnis: der Preis für den besten Film geht laut der Suchmaschine an „Wolf of Wall Street“, nach dem doppelt so oft gesucht worden sei wie nach „American Hustle“. Natürlich bekäme Leo di Caprio nach dieser Methode der Kategorie „Schwarmintelligenz“, oder besser gesagt: Schwarmneugier, auch den Oscar für den besten Hauptdarsteller.

Geht es nach Social-Media-Kriterien, schreibt Colin Cheng auf der Website von MintTwist, einer Londoner Digitalagentur, dann gewänne ebenfalls der „Wolf“. Zu den Kriterien dieser Auswertung zählen u.a. Twitter-Follower, Facebook-Fans, YouTube-Abrufe und bisherige Preise. Die Social-Media-Marketing-Kampagne sei besonders aufwändig und effektiv gewesen, heißt es in dem Eintrag. Mit knapp 900.000 Fans führe der „Wolf“ auch deutlich auf Facebook. Auch diese Methode macht aus den Oscars freilich nur noch einen Beliebtheitswettbewerb und nicht mehr einen Preis für gutes Kino.

So sind die Oscar-Prognosen am Ende eine nette Spielerei, die mit vergleichsweise geringem Aufwand die Möglichkeiten des Data Minings aufzeigen kann. Freilich kommt es darauf an, die wichtigen Informationen miteinander zu verknüpfen, und die unwichtigen nicht zu berücksichtigen. Die Botschaft ist indes klar: Wer aufgrund von Datenanalysen vorhersagen kann, wie eine mittelgroße Gruppe von Filmschaffenden die besten Filme des Jahres auswählt, der kann auch ermitteln, wie junge Eltern zwischen 30 und 40 Jahren ihren Urlaubsort auswählen, welche Lebensmittel in welcher Jahreszeit besonders bei Singles gefragt sind, und dass Biertrinker auch gerne Dosensuppen kaufen, wenn abends Fußball im TV läuft.

Einen Erfolgs-Parameter, der in dem Datenanalysen vermutlich nicht berücksichtigt wird, ist die eher im Hintergrund ablaufende Lobbyarbeit der Filmfirmen. So stellen diese beispielsweise sicher, dass möglichst viele Wahlberechtigte der Jury den nominierten Film auch wirklich sehen. Auch hierzu berichtet der Kultur-Spiegel. Zur Not, heißt es in dem Stück, lasse Filmboss Harvey Weinstein schon mal Screenings in Aspen oder auf Hawaii durchführen, wenn einzelne Stimmberechtigte dort gerade urlaubten. Auch analoges Tracking kann sich also lohnen.

ProSieben überträgt die Verleihung in der Nacht von Sonntag auf Montag ab 01:00 Uhr, auch im Livestream im Web.

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