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Nach Mt. Gox-Desaster: Die Bitcoin-Saga geht weiter

ulifunke.com / bitcoin.de

Die wichtigste Bitcoin-Börse Mt. Gox hat vorläufig den Betrieb eingestellt. Kundenguthaben sind eingefroren. Ob Mt. Gox noch mal öffnet: unklar. Die virtuelle Webwährung befindet sich wenig überraschend unter Druck: Seit Januar hat sich der Wert eines Bitcoins mehr als halbiert. Marc Andreessen sagt: "Mt. Gox musste sterben, damit der Bitcoin leben kann."

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Man kann nicht sagen, dass es keine Vorwarnungen gab. „Die Bundesbank weist ausdrücklich auf diese Risiken hin“, hatte Bundesbank-Vorstand Carl-Ludwig Thiele zu Jahresbeginn gegenüber dem Handelsblatt noch zur Vorsicht bei der boomenden Webwährung Bitcoin gemahnt. Der Bitcoin ist hochspekulativ, verfügt über keinerlei staatliche Garantien und könnte auch plötzlich gar nichts mehr wert sein.

Genauso in dieselbe Kerbe hatte wenigen Wochen zuvor auch der US-Vermögensverwalter Bill Fleckenstein geschlagen. „Jeder, der investiert ist, wird sein Geld verlieren. Der Bitcoin ist ein moderner Kettenbrief. Selbst die schlechteste Währung hat ein steuerliches Stützungssystem einer Regierung dahinter“, erklärte Fleckenstein Anfang Dezember. Das war bei Kursen um 1000 Dollar.

Enorme Wertvernichtung seit Jahresbeginn 

Was für einen Unterschied drei Monate machen können. Bei Mt. Gox, dem einst wichtigsten und größten Handelsplatz der Webwährung, ging der Bitcoin zuletzt vollkommen in den Sturzflug über – von über 1200 Dollar Ende letzten Jahres ging es in der vergangenen Woche auf unter 100 Dollar.   

Aufgrund von technischen Problemen seien Order nicht ausgeführt worden, hieß es zunächst. Dann die nächste Hiobsbotschaft: Mt. Gox musste einen Softwarefehler  („Malleability Bug“) eingestehen, durch den Transaktionen manipuliert werden konnten – Hacker attackierten den Handelsplatz.

Bitcoins im Wert von 400 Millionen Dollar gestohlen?

In den vergangenen Tagen dann die totale Implosion: Mt. Gox  stellte über Nacht zum Mittwoch die Handelsaktivität ein – und nahm die Seite vom Netz! Nutzer fanden nur noch den kruden Hinweis von CEO Mark Karpeles, dass Mt. Gox „angesichts der jüngsten Ereignisse bis auf weiteres geschlossen bleibt“. Er halte sich noch immer in Japan auf, bekräftigte Karpeles, wo sich das Bitcoin-Büro befindet. 

Mit den „jüngsten Ereignissen“ spielt  der 27-jährige französische Entwickler auf die Ausmaße der Hackerangriffe an. 744.000 Bitcoins im Wert von 400 Millionen Dollar – etwa 6 Prozent der gesamten Währung – gingen verloren, wie ein internes Dokument namens „Entwurf für eine Krisenstrategie“ beweist, das im Web kursiert.

„Lehman-Moment der Bitcoins“

Nachdem mehr als berechtigte Zweifel bestehen,  dass Mt. Gox jemals wieder öffnen wird, kursieren brutale Absturz-Geschichten von Anlegern, die beim Social News Aggregator Reddit ihre Wunden lecken und ihre Verluste beichten. Es gibt Bitcoin-Käufer, die mehrere Hunderttausende verloren haben sollen. 

Der Bitcoin erlebt damit fraglos seine schwersten Tage seit dem Debüt vor fünf Jahren. „Den Lehman-Moment der Bitcoins“, nennt faz.net den Vertrauensverlust der Webwährung. Wenn der einst wichtigste Handelsplatz binnen weniger Wochen implodiert, kann es im Grunde jeden treffen, so der Tenor.

Vertrauenskrise: „Eine Kakerlake kommt selten allein“

„Mt. Gox’ Scheitern sind die Windpocken des gesamten Zahlungsmodells“, wird der Finanzexperte Dennis Gartmann zitiert: „Eine Kakerlake kommt selten allein.“ Während das FBI umgehend eine Untersuchung einleitete, machte Senator Joe Manchen sich unterdessen für ein Verbot der Webwährung stark – eine 180-Gradwende zum Obama-Berater und früheren Weltbank Chefökonom Larry Summers, der Bitcoin weiter das Potenzial zuspricht, „sehr, sehr wichtig“ zu werden. 

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In diese Kerbe schlägt auch der frühere Netscape-Gründer und Großinvestor des Silicon Valley, Marc Andreessen. Er twitterte: „Mt. Gox musste sterben, damit der Bitcoin leben kann.“ In anderen Worten: Mt. Gox wurde als weniger zuverlässige Handelsplattform zum schwarzen Schaf der Branche und muss sterben, damit andere, hoffentlich sicherere Handelsplätze, überleben.

Bitcoin-Kurs noch relativ robust

Tatsächlich scheint das Vertrauen der Anleger in die Webwährung, in die Silicon Valley-Gründer im großen Stil investiert haben – die Winklevoss-Brüder sollen etwa 1 Prozent aller handelbaren Bitcoins besitzen – nicht komplett erschüttert. Die Notierungen an anderen Bitcoin-Börsen wie etwa  Coinbase und Bitstamp lagen in der Nacht immer noch bei etwa 550 Dollar. Das ist zwar nur noch die Hälfte im Vergleich zum Jahresbeginn, aber auch noch weitaus mehr als vor einem Jahr, als der Bitcoin im Zuge der Zypern-Krise zu haussieren begann, als würde morgen das Hartgeld ausgehen. 

Seinerzeit befeuerte das Comeback der Eurokrise verbunden mit einer mehrwöchigen Bankenschließung in Zypern maßgeblich die Explosion des Bitcoin-Kurses, der binnen weniger Tag von 50 Dollar auf 150 Dollar in die Höhe schoss. Noch skurriler: Vor zwei Jahren bezahlten Anleger für einen Bitcoin noch weniger als 5 Dollar – das entspricht einer Wertsteigerung von 1000 bzw. 10.000 Prozent, die mit keiner Internetaktie zu erzielen gewesen wäre.

Bitcoin erst fünf Jahre alt

Wer in Bitcoins bezahlen will, muss dafür einen Client installieren, der eine virtuelle Geldbörse und einen geheimen Nutzerschlüssel erzeugt. Im Januar 2009 vom Hacker Satoshi Nakamoto (dessen Identität nie verifiziert werden konnte) gestartet, sind Bitcoins seit 2010 als Zahlungsmittel im Einsatz. Zunächst waren sie nur wenige Cent wert. Als erste überlieferte Transaktion gilt die Bestellung  von zwei Pizzen für 10.000 Bitcoins.

Wenig später brach mit der öffentlichen Wahrnehmung und der schnellen Verbreitung als Zahlungsmittel für E-Commerce-Käufe von Kleidung, Büchern, Musik, digitalen Medien u.a. ein neues Zeitalter an. Danach brach ein regelrechter Goldrausch aus: Von Notierungen von weniger als einem Dollar Anfang 2011 zog der Bitcoin-Kurs binnen weniger Handelstage auf 30 Dollar an, um dann wieder zu implodieren. Der Höchstkurs wurde im vergangenen November bei 1242 Dollar taxiert.

Suche nach dem fairen Wert: 10.000 Dollar oder 10 Cent?

So spekulativ und herdentriebartig die Kursexplosion war, wird der Anstieg immer wieder mit einer künstlichen Verknappung des Angebots begründet. Knapp elf Millionen Bitcoins werden aktuell gehandelt – maximal 21 Millionen Bitcoins sollen bis zum Jahr 2140 virtuell im Umlauf sein. Renommierte Wirtschaftsmedien befeuerten den Run auf das digitale Geld zusätzlich: „Bitcoin könnte der letzte sichere Hafen der Weltwirtschaft sein“, titelte etwa die BusinessWeek im vergangenen Jahr. 

Die Suche nach dem fairen Wert nimmt unterdessen immer groteskere Züge an. Die Bank of America gab als Kursziel etwa zu Jahresbeginn schon 1300 Dollar an, während Henry Blodget vom Business Insider dagegen hielt: „Das angemessene Kursziel sind 400 Dollar“, witzelte der frühere Internetaktienanalyst in Anspielung auf sein früheres Kursziel für Amazon. „Und genauso sind es 1000 Dollar. Oder 10.000. Oder 10 Cent.“

Moderne Tulpenmanie: Es geht gut, bis es schief geht 

Ergo: Am Ende ist der Bitcoin eine Glaubensfrage. Wie auch bei der Tulpenmanie im 17. Jahrhundert, um einen historischen Vergleich zu nennen, gibt es schlicht keine rationale Grenze. Jeder Kauf wird in der Absicht getätigt, dass es einen Käufer gibt, der einen noch höheren Preis bezahlt. Der Bitcoin ist damit die größte virtuelle Wette der Welt ohne Fundamentaldaten und Sicherheiten. 

Denn anders als bei Hartwährungen wird keine Notenbank der Welt den Kurs stützen können oder wollen – Bitcoins bleiben ein Spekulationsobjekt. Oder wie die Börse mit ihrer 500-jährigen Historie lehrt: Es geht gut, bis es schief geht…

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