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Postillon & Co.: die großen Erfolge der Satire-Blogs

Der Postillon, Die Tagespresse und Mutti, der Libero – drei der erfolgreichen Satire-Blogs.
Der Postillon, Die Tagespresse und Mutti, der Libero - drei der erfolgreichen Satire-Blogs.

Neue Zahlen von IVW und AGOF zeigen, zu welchem Massenphänomen das Satire-Blog Der Postillon geworden ist. Mehr als 10 Mio. Seitenabrufe erreicht es inzwischen pro Monat, laut AGOF besuchten es im Dezember unglaubliche 2,39 Mio. Unique User. Im Windschatten entstehen weitere Satire-Seiten, die ebenfalls erste Erfolge vorzuweisen haben.

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Zur Einordnung, was für ein grandioser Erfolg die 2,39 Mio. Leser für den Postillon sind: Eine große Nachrichten-Website wie DerWesten erreichte im Dezember 2,51 Mio. Unique User, das Hamburger Abendblatt liegt mit 2,14 Mio. hinter dem Postillon, ebenso wie die Frankfurter Rundschau (1,93 Mio.)  und der Express (1,40 Mio.). Wenn man nun noch bedenkt, dass Der Postillon im Normalfall einen, maximal zwei Artikel pro Tag veröffentlicht, sind die Zahlen noch unglaublicher.

Die 49 Postillon-Beiträge, die im Dezember online gestellt wurden, erreichten laut IVW 12,27 Mio. Page Impressions – also im Durchschnitt mehr als 250.000 pro Artikel. Rechnet man dann noch die „Newsticker“-Link-Zusammenstellungen heraus, erreichen die Postillon-Artikel im Durchschnitt ein noch größeres Publikum. Der entscheidende Faktor des Postillon-Erfolgs ist dabei Facebook. Dort verbreiten sich die Artikel zigtausend- zum Teil hunderttausendfach. Laut SimilarWeb stammt mehr als 55% des Postillon-Traffics aus Facebook – ein einzigartiger Wert.

Kein Wunder also, dass das Satire-Blog auch im Like-Medien-Ranking von 10000 Flies regelmäßig in der Top Ten zu finden ist. Im Rekordmonat Dezember sogar auf Platz 2. Mehr als 550.000 mal wurden die Postillon-Artikel im Dezember geteilt, geliket, getwittert, etc. Postillon-Macher Stefan Sichermann gelingt es auf unvergleichliche Weise, das aktuelle Nachrichtengeschehen extrem zeitnah zu persiflieren. Zu den in den sozialen Medien erfolgreichsten Artikel gehören so z.B. „Neuer Verspätungsrekord: Seit 2007 vermisster Zug fährt überraschend im Mainzer Hauptbahnhof ein„, „Wegen Orkan ‚Xaver‘: Elbphilharmonie-Bauleitung schickt beide Arbeiter nach Hause“ und aktuell im Februar „Herzlos! Bauer will muhende Kurzhals-Giraffe töten und an Menschen verfüttern„.

Von den Zahlen des Postillons können selbst große Satire-Marken wie die Titanic oder Martin Sonneborns Spiegel-Online-Ressort Spam nur träumen. Ein Vergleich bei SimilarWeb zeigt, dass die Titanic maximal ein Drittel des Postillon-Traffics erreicht, Spam liegt noch dahinter. Noch deutlicher sind die Verhältnisse in den sozialen Netzwerken. Titanic und Spam kommen hier mit ihren Inhalten in einem gesamten Monat auf Like- und Tweet-Zahlen, die Der Postillon alle paar Tage mit einem einzigen Artikel übertrifft.

Kein Wunder also, dass Der Postillon immer mehr Nachahmer findet. Satire-Blogs sprießen aus dem Boden – mit logischerweise sehr unterschiedlicher Qualität. An den Postillon reichen sie zwar alle nicht heran, doch Erfolge in den sozialen Netzwerken feiern auch sie immer öfter. Die Nummer 2 nach Traffic heißt hier Die Tagespresse. Sie ist so etwas wie das österreichische Pendant zum Postillon. Einige Beiträge versteht man daher ohne Kenntnis des politischen Geschehens in Österreich nicht wirklich, andere wie „Facebook-Designer machen sich an die Arbeit, WhatsApp ebenfalls zu ruinieren“ natürlich auch diesseits der Alpen.

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Der größte Erfolg der Tagespresse war bisher laut 10000 Flies der Artikel „Kirche: Känguru Keuschi soll Jugendliche von vorehelichem Sex abhalten„, der von vielen Lesern als wahr missverstanden worden war. Er erzielte im vergangenen Sommer fast 60.000 Reaktionen bei Facebook, Twitter & Co. Mit der bissigen Headline „Erste Ladung Facebook-Likes erreicht die Philippinen“ als Reaktion auf die vielen Mitleids-Bekundungen nach dem Taifun erreichte Die Tagespresse im November ähnliche Zahlen.

Auch andere Satire-Blogs haben sich Zeitungs-ähnliche Namen gegeben. Die Neue Rheinpresse, Eine Zeitung oder Die Weltpresse heißen sie. Auch die Neue Rheinpresse erreicht mittlerweile regelmäßig mehr als 10.000 Likes, Tweets, etc. mit einzelnen Artikeln, größter Erfolg des Blogs aus Düsseldorf war im vergangenen Sommer der Text „EU-Wahnsinn: Schnürsenkel ab 2016 verboten“ mit mehr als 50.000 Reaktionen bei Facebook & Co. Die Weltpresse aus Koblenz erreichte erst kürzlich im Januar mit „NSA beklagt mangelhafte Rechtschreibung in deutschem E-Mail-Verkehr“ ebenfalls rund 50.000 Likes, Tweets, etc. Selbst monothematische Satire-Blogs gibt es inzwischen: Mutti, der Libero kümmert sich nur um den Sport und erzielte damit auch schon fünfstellige Social-Network-Reaktionen – zum Beispiel mit dem Beitrag „Böse Transfer-Panne: FC Bayern verkauft aus Versehen kompletten Kader an Erzgebirge Aue„.

Die Erfolgszahlen, insbesondere in den sozialen Netzwerken, zeigen auch, dass die großen Massenmedien in Sachen Satire und Humor jahrelang ziemlich geschlafen haben. Der Boom von Postillon, Tagespresse & Co. dürfte mittelfristig dafür sorgen, dass so manche große Nachrichtenwebsite ein Satire-Ressort einführen wird und dafür vielleicht ja sogar den einen oder anderen erfolgreichen Blogger abwirbt. Der – etwas unsinnige – Versuch von stern.de, mit kurzen Teasern auf die dann beim Postillon weiter zu lesenden Artikel, von der Bekanntheit des Blogs zu profitieren, ist dabei sicher erst der Anfang.

[Offenlegung: Ich, MEEDIA-Autor Jens Schröder, bin Mitbetreiber von 10000 Flies.)

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