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Der Digital-Darwinismus und die Ohnmacht des Kartellamts

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Dem Bundeskartellamt kommt als Wettbewerbshüter in Deutschland eine wichtige öffentliche Aufgabe zu. In der immer globaleren und immer digitaleren Medienbranche ist die Behörde jedoch weitgehend machtlos. Und da, wo das Kartellamt noch Einfluss besitzt, wie aktuell beim Springer/Funke Deal bleibt das Eingreifen des Kartellamts nutzlos für den Verbraucher.

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Für rund 920 Mio. Euro will Axel Springer Regionalzeitungen, Frauen- und Fernsehzeitschriften an die Essener Funke Mediengruppe verkaufen. Es ist der Megadeal schlechthin in der deutschen Verlagslandschaft, bei dem Funke das so genannte Kartellrisiko trägt. Will heißen: Sollten das Kartellamt den Deal oder Teile davon ablehnen, ist es an Funke, für einen Weiterverkauf zu sorgen, bzw. zu regeln, dass die Bedingungen des Kartellamts erfüllt werden. Nun sieht alles danach aus, als ob auf die Funke Mediengruppe genau dieses Problem zukommen könnte.

Offenbar haben die Wettbewerbshüter ein Problem mit dem Verkauf der Springer-Programmzeitschriften (u.a. Hörzu, TV Digital) an Funke. Von vier Marktteilnehmern, nämlich Springer, Funke, Bauer und Burda, würden nach dem Deal nur noch drei im Markt der Programmzeitschriften übrig bleiben. Auf dem Papier ist das eine Verschlechterung der Wettbewerbs-Situation – aber über welchen Markt reden wir hier überhaupt?

Ehrlicherweise muss man festhalten, dass der Markt der Programmzeitschriften ein sterbender ist. Fast alle Programmzeitschriften verlieren Auflage – teils massiv. Hochauflagige Titel wie Bauers tv 14 werden für einen Euro unters Volks gebracht. Springers TV Digital lebt auch davon, dass viele Abos in Verbindung mit Pay-TV-Paketen extrem verbilligt angeboten werden. Eigenständige Redaktionen muss man in dem Segment mit der Lupe suchen. In der Regel werden aus Kostengründen mehrere TV-Zeitschriften von einer Redaktion produziert. Der Markt der TV-Zeitschriften befindet sich schon lange unter extremem Spardruck. Eine weitere Konsolidierung wäre die logische Konsequenz.

Funke hat nun offenbar vor, Programmzeitschriften aus dem Deal an die Verlagsgruppe Klambt weiterzureichen. Die wäre dann der vierte Marktteilnehmer und dem Wettbewerb wäre genüge getan. Theoretisch. Denn wie Newsroom.de berichtet, ist der Weiterverkauf von Programmzeitschriften an Klambt offenbar an so viele Bedingungen geknüpft, dass das Kartellamt berechtigte Zweifel hat, dass Klambt als eigenständiger Marktteilnehmer im Segment der TV-Zeitschriften unterwegs wäre.

Aber welches Medienunternehmen würde sich mitten im “digitalen Tsunami”, wie ein populäres Sachbuch heißt, in das Harakiri-Abenteuer gedruckte TV-Zeitschriften stürzen? Wenn das Kartellamt hier den Daumen senkt, bedeutet das nichts anderes, als dass man dem Patienten Print-Programmzeitschrift letzte lebensverlängernde Maßnahmen verweigert. Ist das wirklich die Aufgabe von Wettbewerbshütern? Oder glaubt tatsächlich jemand, nur weil statt vier bald drei Verlage gedruckte Programmzeitschriften herausgeben, könnte es zu Preisabsprachen kommen und die Verbraucher müssten überhöhte Preise am Kiosk für die bunten, dünnen Blättchen ausgeben?

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In Wahrheit hat der Verbraucher längst mannigfaltige Alternativen zu gedruckten TV-Zeitschriften und nutzt diese auch. Man dürfte nicht den Markt der gedruckten Programmzeitschriften betrachten, sondern den Blick aufs Digitale erweitern. Jeder Fernseher, jeder Receiver ist heutzutage mit digitalen Programmführern ausgestattet. Das Internet ist voll mit komfortabel nutzbaren TV-Programm-Datenbanken. Kostenlose Apps erstellen automatisch attraktive Programm-Guides auf Smartphones und Tablets. Das TV-Programm ist kein rares Gut, es ist überall im Überfluss verfügbar, meist sogar völlig umsonst. Denn in Wahrheit geht es um Programm-Infos und nicht um Zeitschriften. Genauso wie es bei Nachrichten nicht um Zeitungen geht, sondern um Informationen. Und Informationen sind ein überaus flüchtiger Rohstoff. Dies scheint das Kartellamt aber nicht zu sehen.

Informationen egal ob TV-Programme oder Texte oder Bewegtbilder, sind etwas ganz anderes, als zum Beispiel fossile Fahrzeug-Kraftstoffe, Öl, Gas oder Strom. Dort drohen echte Preis-Kartelle, denn es geht um knappe Güter. Dort sollte das Kartellamt alle Kraft aufbringen, zum Wohle des Verbrauchers zu agieren. Die paar Euro Fuffzich kostende TV-Zeitschrift kann ich ohne Probleme abbestellen, wenn es mir nicht passt. Auf Öl, Gas oder Strom bin ich angewiesen.

Es ist nicht das erste mal, dass das Kartellamt in der Medienbranche erschreckend realitätsfern agiert. Der Kauf der Berliner Zeitung durch die Verlagsgruppe Holtzbrinck scheiterte seinerzeit am Widerstand des Kartellamts. Damals sprang der angelsächsische Investor David Montgomery ein, was die Sache nicht besser machte. Dem Verlagshaus Springer wurde 2006 von den Kartellbehörden untersagt, den TV-Konzern ProSiebenSat.1 zu übernehmen. Auch wegen der Medienmacht der Bild-Zeitung. Die RTL Group und ProSiebenSat.1 (P7S1) haben wegen kartellrechtlicher Probleme ihr Vorhaben abgeblasen, eine gemeinsame Online Videothek zu starten. Dabei ist das TV-Duopol RTL und P7S1 im Digitalen gar keines.

Im Digitalen tummeln sich längst Amazon, Apple und die Vivendi-Tochter Watchever auf dem neuen deutschen TV-Markt. Der US-Streamingpionier Netflix dürfte bald dazustoßen. Google hat als Internet-Suchmaschine einen Marktanteil von über 90 Prozent in Deutschland. Der weltweite Community-Monopolist Facebook übernimmt mal eben den beliebtesten Messaging-Dienst WhatsApp. Beide Angebote sind auch hierzulande äußerst präsent. Der Wettbewerb im Digitalen ist da, er ist global und er ist beinhart. Aber gegen diese neue Art des Digital-Darwinismus scheint die deutsche Kartellbehörde machtlos.

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