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US-Startup Spritz will das digitale Lesen „neu erfinden“

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Schnell, schneller, Spritz: Website des US-Startups

Das Papier ist nicht tot, selbst nicht im Web. Texte werden im lateinischen Alphabet nach wie vor von links nach rechts und von oben nach unten gelesen. Ein Startup aus Boston unternimmt nun den Versuch, das Lese-Paradigma zu brechen. Spritz lässt Wörter hintereinander aufblitzen, erhöht die Lesegeschwindigkeit – und schafft Platz auf mobilen Screens. Beispielsweise für Werbung.

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Was uns im Lesefluss bremst, sind unsere Augen, die dem Text auf einer Seite, ob gedruckt oder auf einer Website, folgen. Mit der Spritz-Methode erscheinen die Wörter in einem Feld, dem sogenannten Redicle, jeweils mit einem rot markierten Buchstaben an einem „optimalen Erkennungspunkt“. Während dieser Punkt beim normalen Lesen immer neu gefunden werden muss, legt Spritz diesen Punkt fest, indem sich die Positionierung des jeweiligen Wortes im Redicle verändert. Bei manchen Wörtern kann das der zweite Buchstabe sein, bei anderen der vierte, je nach Wortlänge. Das Auge muss sich nicht bewegen, sondern kann sich auf einen festen Lesepunkt konzentrieren. Längere Wörter werden in mehrere Einheiten unterteilt.

Die Firma hinter Spritz arbeitet seit drei Jahren an der Technologie. Just stellten die Gründer ihre Methode auf dem Mobile World Congress in Barcelona vor (die Süddeutsche Zeitung berichtete hier darüber). Einer der ersten Kooperationspartner war Samsung, der Spritz auf seinem neuen Galaxy S5 vorstellte. Mitgründer des Startups ist Maik Maurer, ein Ingenieur mit Wurzeln an der TU München. Die Gründer betonen, dass das „Spritzen“ im Unterschied zu anderen Schnelllese-Methoden nur rund fünf Minuten Eingewöhnungszeit benötige. Andere Methoden müssten zunächst richtig erlernt werden. Die durchschnittliche Lesegeschwindigkeit liege bei rund 220 Wörtern pro Minute, mit Spritz schaffe man leicht 500 Wörter und mehr.

Wo sich diese Lesemethode vielleicht nicht für Gedichte, Shakespeare oder fiktionale Literatur im Allgemeinen anbietet, ist sie für das „Gebrauchslesen“ im Alltag, von schnellen News-Stories beispielsweise, möglicherweise viel adäquater als die traditionelle Lesart. Was fehlt, ist freilich eine Verankerung für den Leser, wo er sich gerade im Text befindet. Und man kann nicht einfach mal einen Satz zurückspringen und erneut lesen. Laut den Spritz-Gründern vergisst man Inhalte, die man mit Spritz gelesen hat, nicht schneller.

Der große Vorteil, der Spritz auch für Inhalteproduzenten interessant macht: Die Methode braucht wahnsinnig wenig Platz auf einer Website. Es reicht das kleine Redicle-Kästchen. Für Smartphones ist diese platzsparende Alternative doppelt reizvoll, weil die Screens verhältnismäßig klein sind. Was nun die werbungtreibende Industrie ihrerseits aufhorchen lassen könnte. Denn das Problem vor allem von mobiler Werbung ist der fehlende Platz, um aufmerksamkeitsstarke Botschaften zu verbreiten. Mini-Banner auf mobilen Websites wirken zudem oft einfach nur billig.

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Laut eigenen Angaben arbeitet das Startup bereits mit einer Reihe von Publishern, Lernsoftware-Anbietern, E-Book-Herstellern und Anbietern von „Wearables“ zusammen. Sollten beispielsweise die smarten Uhren mit neuen Entwicklungen von Apple und Co. ein Erfolg werden – hätte auch Spritz eine weitere Abspielfläche. Gleiches gilt für die smarten Brillen. Auch E-Mails, SMS und Social Media-Inhalte lassen sich beispielsweise „spritzen“. Das Team arbeitet offenbar bereits an einer chinesischen Spritz-Version.

Ist Spritz nun die „Neu-Erfindung des Lesens“, wie die Gründer selber behaupten? Eine ähnliche Technik, die sogenannte RSVP-Methode, gab es bereits in den 70ern. Mit dem Unterschied, dass es hier keinen festen Ruhepunkt für das Auge gab – dem nach Spritz-Angaben alles entscheidendem „Feature“ dieser Anwendung. Im digitalen Kontext bekommt der Ansatz, Wörter hintereinander auf einem Display zu „streamen“, möglicherweise eine völlig neue Bedeutung. Erst die mobile Revolution könnte also das Papier-Paradigma endgültig brechen. Und unsere Lesegewohnheiten von Grund auf verändern.

Ein Test-Spritz ist auf der Website des Unternehmens zu finden.  

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