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Sarrazin, der selbstmitleidige Verschwörungstheoretiker

Thilo Sarrazin und sein Buch „Der neue Tugendterror“ (c) dpa
Thilo Sarrazin und sein Buch "Der neue Tugendterror" (c) dpa

Thilo Sarrazin und die Medien - das ist eine zwiespältige Beziehung. Während die Bild-Zeitung in Treue fest zu Sarrazin steht und Tag für Tag Auszüge aus seinem neuen Buch "Der Neue Tugendterror" abdruckt, haben andere offenbar keine Lust mehr auf ihn. Ein ursprünglich geplanter Auftritt bei "Menschen bei Maischberger" wurde ebenso abgesagt wie ein Interview mit dem RBB. Mit seiner heutigen ARD-Abrechnung in der Bild vollzieht Sarrazin den Wandel vom Provokateur zum selbstmitleidigen Verschwörungstheoretiker

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„Hat die ARD etwa Angst vor Thilo Sarrazin?“, fragte Bild.de  vorgestern schon ganz aufgeregt. Grund war, dass der RBB ein Interview mit dem ehemaligen SPD-Politiker abgesagt hat und er auch bei „Menschen bei Maischberger“ ausgeladen wurde. Die Ausladung bei der Talkshow von Sandra Maischberger begründete der Sender WDR jedoch plausibel damit, dass die Redaktion das Thema der Sendung geändert hat. Statt über das Thema „Sind alle Menschen gleich?“ wird heute Abend bei Maischberger über „Hartz IV für alle: Sind wir das Sozialamt Europas?“ diskutiert. Laut WDR wurde nicht nur Sarrazin ausgeladen, sondern alle Gäste des ursprünglich geplanten Themas. Dies sei ein normaler Vorgang.

Da passt es ganz gut, dass Sarrazin in seiner Vorabdruck-Serie in der Bild-Zeitung am heutigen Dienstag eine Pseudo-Abrechnung mit der ARD als Medienschelte verpackt präsentiert. „Das falsche Spiel der ARD …“ steht vielsagend raunend über dem Artikel. Im Vorspann heiße es dann allgemeiner: „Das falsche Spiel der Medien …“. Was wohl klingen soll wie eine fiese Anti-Sarrazin-Verschwörung der ARD, entpuppt sich beim Lesen als überaus laues Lüftchen. Sarrazin schildert, wie ihn Demonstranten behelligten und „Sarrazin halt’s Maul“-Schilder hochhielten, als die Aufregung um seinen ersten Bestseller „Deutschland schafft sich ab“ am Kochen war. Eigentlich sollte er sich über soviel praktizierte Meinungsfreiheit freuen.

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„Die Medien“ hätten damals aber lieber über 20 oder 200 – die Zahl schwankte offenbar stark – Demonstranten berichtet, statt über Sarrazins „erstaunlich sachliche“ Diskussionen. Und was hat diese Larmoyanz-Attacke mit der ARD zu tun? Nicht viel. Die Journalistin Güner Balci habe für WDR und RBB – so ein Zufall! – einen Film über ihn drehen wollen. Dann habe für das ZDF vorher einen „kurzen, sehr neutralen Filmbericht“ fürs ZDF gedreht. Und obwohl WDR und RBB dies vorab gebilligt hätten, sei Balci von dem ursprünglichen Filmprojekt abgezogen worden. Für Sarrazin, den alten Argwöhner, kann es nur eine Erklärung geben: Verschwörung! Zitat: „Die beauftragenden Sender hatten offenbar von der ausgebooteten Güner Balci zu viel Objektivität befürchtet. Das hätte dem Zweck des Filmberichts widersprochen. So beschäftigten sie für den Filmbericht lieber drei bewährte Ideologen des Meinungskartells im öffentlich-rechtlichen Rundfunk und kamen so zu einem Produkt, das in der DDR dem Schwarzen Kanal von Eduard von Schnitzler alle Ehre gemacht hätte.“

Das war es also, das „falsche Spiel der ARD“ – jedenfalls in der Lesart Thilo Sarrazins. Wenn der Mann so weitermacht, kann er bald auf eine schöne Karriere als Autor beim Verschwörungstheorie-Fachverlag Kopp hoffen. Dort finden sich schon heute neben dem üblichen Schmonzes über die Briten, die den Dritten Weltkrieg vorbereiten, Krebs-Wundermittel aus Orangensaft und Enthüllungsberichten über Katy Perry als Illuminati-Priesterin prominent platzierte Lobgesänge auf das neue Sarrazin-Buch. „Der ’streitbare Thilo‘ schreckt wieder einmal die politisch korrekten Gutmenschen gegen sich auf und betreibt gleichzeitig gnadenlose, aber notwendige Medienschelte“, heißt es beim Kopp-Verlag. Der wirre, irre Kopp Verlag wäre wohl eine würdige publizistische Heimat für Thilo Sarrazin. Traurig.

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