Die Mühe der Medien mit der Kommentar-Kultur

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In Leserkommentaren und Internetartikeln wird nicht selten verleumdet, diffamiert, beleidigt. Deshalb will der Deutsche Presserat nun Regeln für Leserbeiträge in deutschen Internetmedien einführen. Leserkommentare und Forenbeiträge sollen danach so behandelt werden wie Leserbriefe. Immer wieder waren Kommentare auf Nachrichtenseiten in der Vergangenheit ein Thema. Ein Knackpunkt ist die Anonymität von Krawallmachern.

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Nun will der Presserat erstmals Regeln für Leserbeiträge in Online-Foren von Zeitungen und Zeitschriften festlegen. Im Pressekodex ist dazu bislang nichts geregelt. „Beleidigungen und Schmähungen sollten entweder vorab oder zumindest zeitnah nachträglich gelöscht werden“, sagte die Sprecherin des Presserats, Ursula Ernst, der dpa. Kommentare müssten grundsätzlich wie Leserbriefe behandelt werden. Der Presserat entwickelt zurzeit in einer Arbeitsgruppe die dazu notwendigen Änderungen seines Regelwerks.

Seit 2009 ist der Presserat auch für Online-Auftritte von Verlagen zuständig. Der Kodex, der ursprünglich für Print entwickelt wurde, wurde zunächst eins zu eins auch auf Online-Veröffentlichungen angewandt. „Inzwischen zeigt sich aber, dass es digitale Veröffentlichungsformen wie Leser-Kommentare, Online-Archive von Zeitungen, Werbeformen in der Online-Ausgabe gibt, für die der Kodex keine expliziten Regelungen enthält. Daher wird er zurzeit grundsätzlich mit Blick auf Online überarbeitet“, so Edda Kremer vom Presserat gegenüber MEEDIA.

Der Presserat stellte diese Woche seine Jahresbilanz vor. Darin geht es um Beschwerden über journalistisch-redaktionelle Beiträge aus dem Jahr 2013. Mittlerweile beziehen sich nach Angaben des Presserats 60 Prozent der Eingaben auf Online-Texte. Im Jahr 2013 gingen beim Presserat zehn Beschwerden zu Kommentaren ein. Dabei sei es um Beleidigungen gegangen, aber auch darum, dass Redaktionen mit Bezug auf ihr Moderationsrecht Beiträge aus den Foren entfernt hatten, berichtete der Tagesspiegel. Wie der Presserat auf Anfrage mitteilte, gab es im Jahr 2012 insgesamt 26 Beschwerden und im Jahr 2011 13 Beschwerden im Zusammenhang mit Kommentaren.

Ein Knackpunkt einer Neuregelung werden anonyme Kommentare sein, also solche bei denen der jeweilige Kommentator nicht seinen Klarnamen oder nur einen Fake-Namen angibt. „Eine vollständige Gleichbehandlung wird es aber vermutlich nicht geben, da User-Beiträge im Internet mit Nicknames veröffentlicht werden und diese Praxis vertretbar erscheint. Darüber hinaus wäre die ethische Forderung einer Vorabkontrolle von User-Kommentaren nur schwer für die Redaktionen umzusetzen“, so Kremer vom Presserat gegenüber MEEDIA.

Die Huffington Post, bei der 40 Personen dafür verantwortlich sind, Kommentare auf unangemessene Inhalte zu überprüfen und gegebenenfalls zu entfernen, lässt seit einiger Zeit keine anonymen Kommentare mehr zu. HuffPost-Gründerin Arianna Huffington sagte vor einigen Monaten: „Ich finde, dass die Äußerungsfreiheit Menschen gebührt, die für das geradestehen, was sie sagen und sich nicht hinter einer Anonymität verstecken“.

Auch die ARD-Sendung „Hart aber fair“ hat angekündigt, anonyme Kommentare in der Sendung nicht mehr zuzulassen. Ebenfalls hat der Politikberater Michael Spreng Ende Januar verkündet, von vergangenem Montag an anonyme Kommentare nicht mehr in seinem Blog Sprengsatz zuzulassen. Spreng sprach von einem „Vermummungsverbot im Internet“ und schrieb: „Mir kann keiner erzählen, dass seriöse Meinungsäußerungen und Diskussionsbeiträge in meinem Blog zu beruflichen oder gesellschaftlichen Nachteilen führen.“

Besonders Welt.de stach in der Vergangenheit hervor, was problematische Kommentare betrifft. Vor einem Jahr schrieb „Welt“-Chefredakteur Jan-Eric Peters an seine Leser, man habe „die Kommentarfunktion unter den Artikeln übrigens auf eine ‚Prämoderation‘ umgeschaltet. Das heißt, bevor ein Leser-Kommentar online geht, wird er schnell gelesen.“ Anders als andere große Nachrichtenportale habe man das zuvor nicht getan, weil dem Springer-Portal „die Freiheit im Internet wichtig“ gewesen sei. „Leider gab es dauerhaft zu viele User, die diese Freiheit missbraucht und sich nicht an die Regeln des fairen Umgangs miteinander gehalten haben“, so Peters weiter.

Ende Januar berichtete Welt.de zum Beispiel, dass etwa „120 Männer aus den Niederlanden … sich den Rebellen in Syrien angeschlossen“ hätten. „Im Video-Interview erklärt einer von ihnen, wieso er in den Krieg gezogen ist. Er ist gekommen, um zu sterben“, so der Vorspann des Artikels. Unter diesem schaltete die Redaktion von Welt.de trotz der nun schon länger existierenden „Prämoderation“ mehrere Kommentare frei, die den Rebellen gutes Gelingen bei Ihrem Todeskommando wünschten, darunter auch folgenden: „Dann sollten (sic!) man ihnen doch den GEFALLEN ganz schnell tun! Wie wär’s mit einer DROHNE…KAASKÖPP??“.

Besonders bei Islam- und Islamismus-Themen werden auf Welt.de oft aggressive und diffamierende Kommentare hinterlassen. Im September 2012 schrieb der Blogger Stefan Niggemeier anlässlich der Übernahme einer Meldung der Satire-Webseite „Der Postillon“ durch Welt.de, unter den Artikeln der Seite tobe sich „der Mob“ aus. Dieser höre, so der Journalist, „bei jedem Thema den Muezzin trapsen“.

Eine Sprecherin von Springer sagte zur Regelung der Kommentare bei welt.de: „Die Moderation der Kommentare liegt allein bei DIE WELT. Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in den Nutzungsbedingungen. “

Eine Seite, die durch eher differenzierte Leserkommentare auffällt, ist Zeit Online. Dort heißt es: „Was uns von anderen Medien unterscheidet, sind unsere Kommentarrichtlinien und die Art der Moderation. Wir begreifen Kommentare als Teil einer Debatte, die das jeweilige Artikelthema um weitere Informationen und Aspekte bereichern soll. Deshalb löschen wir zum Beispiel auch themenferne Kommentare.“ Das Moderationsteam sei „in Form von Anmerkungen im Kommentarbereich präsent“ und greife „lenkend ein, wenn eine Debatte abzuschweifen droht oder sich zwei Kommentatoren in einen privaten Schlagabtausch verstricken“, erklärt Annika Taube von Zeit Online. Seit 2009 moderiere man „grundsätzlich“ die Kommentare, für die die Angabe von E-Mail-Adresse und eines Nicknames genügt. „Sobald redaktionsseitig Präsenz gezeigt wird, sinkt die verbale Gewaltbereitschaft der Kommentatoren“, so Taube weiter.

Die Medienkolumne „Altpapier“ zitiert allerdings ein Beispiel auf Zeit Online, das verdeutlicht, dass die Bestrebungen des Presserates, Leitplanken für Kommentare einzuführen, nicht ganz abwegig sind. Danach entfernte die Nachrichtenseite Anfang Februar einen Leserkommentar mit folgendem Hinweis: „Entfernt. Auch wenn Ihr Kommentar ironisch gemeint war, mussten wir diesen entfernen. Ironie lässt sich sich (sic!) in schriftlicher Form in Kommentaren kaum transportieren. Bitte beteiligen Sie sich mit sachlichen, konstruktiven Beiträgen an der Debatte. Danke, die Redaktion/au“.

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