Von DuMont zu Döpfner: über das Verlegertum

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Publishing Als vor wenigen Tagen offiziell bestätigt wurde, dass die Frankfurter Rundschau im vergangenen Jahr schwarze Zahlen schrieb, war die Aufmerksamkeit in der Branche groß. Und tatsächlich ist es eine gute Nachricht, dass das viele Jahre defizitäre Blatt endlich mal Geld verdient. Die Sache ist nur: wenn nicht jetzt, wann dann? Gedanken über Verlegertum in Deutschland.

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Also, die Rundschau in Frankfurt hat Geld verdient. Donnerwetter. Eine Zäsur. Wirklich? Nein. Die Wahrheit ist: Das Blatt verlor jahrelang sehr viel Geld, aus einer ganzen Reihe von Gründen, von denen der aufgeblähte Apparat und die schwindende Relevanz als überregionale Zeitung und entprechend bei Werbekunden nur einige wenige sind. Wenn nun etwa zweieinhalb Dutzend Redakteure das Blatt unter dem Dach der FAZ/Frankfurter Societät produzieren, trägt das zur Pressevielfalt bei. Ansonsten wäre die Übernahme durch die FAZ gar nicht vom Kartellamt erlaubt worden.

Aber es ist, was es ist: Bei einem so geringen Personalstand, bei wegfallenden Kosten für den Verlagsapparat, bei keiner Druckerei mehr als Klotz am Bein, bei einem Quasi-Print-Werbemonopol in Frankfurt – was soll denn da eigentlich an schwarzen Zahlen noch vorbeiführen? War die FR die erste überregionale Zeitung, die in Deutschland in die Insolvenz geschickt werden musste, weil es einfach nicht mehr ging – MUSS sie jetzt, unter den neuen Umständen, profitabel sein. Das konnten sich die FAZ-Strategen, die auch genug mit ihrem eigenen (defizitären) Blatt haben, vorher gut ausrechnen. Sind sie darum „gute“ Verleger? Oder Profiteure des Missmanagements ihrer Vorgänger?

Der „Turnaround“ der FR wurde nun fast ein wenig bejubelt, bzw. zumindest als bemerkenswert herausgestellt. Er ist es nicht.

Ein anderes Beispiel aus den vergangenen Tagen. Da wurde der massive Verlust, den der Verlag M. DuMont Schauberg u.a. wegen der FR im Jahr 2012 schrieb, bekannt. Nicht nur die FR riss die Kölner herunter, auch Verluste in vermutlich zweistelliger Millionenhöhe im Berliner Verlag. Als Reaktion darauf hatte die Verlagsführung im vergangenen Jahr Arbeitsplätze abgebaut. Was man halt so macht. Die Lage auf dem Berliner Markt ist trotz des anhaltenden Hauptstadt-Hypes nicht leicht für Tageszeitungen, soviel steht fest, das weiß auch jeder. Es ist eine Binse, diente vielleicht auch lange als Entschuldigung für schlechte Zahlen.

Aber: Während es richtig ist, dass Berlin als Zeitungsmarkt ganz hartes Pflaster ist, wurden trotzdem jahrelang Gratis-Exemplare verschleudert und die alten Fehler immer wieder aufs Neue gemacht. Die Positionierungen wechselten, die Ideen blieben aber reichlich blass. Aber obwohl der Markt bekanntermaßen eine Katastrophe ist, wurden wirklich gute Konzepte trotzdem nur selten realisiert, wenn überhaupt entwickelt. Erst seit kurzem gibt es Ansätze, die jeweiligen Positionierungen zu schärfen, etwa bei Berliner Zeitung und Tagesspiegel.

Erinnert sich noch jemand an David Montgomery? Die vermeintliche Heuschrecke, das Ende der Zeitungskultur in England, Holland, Deutschland, überall? Nun, zumindest in Berlin hat Montgomery nicht viel zuwege gebracht. Stattdessen sorgte er nach seiner Übernahme des Berliner Verlags Ende 2005 für sehr viele aufgeregte Artikel. „No Sir! Sie kriegen unsere Zeitung nicht!“, titelte damals der Berliner Kurier. Das Netzwerk Recherche geißelte Montgomerys vermeintliches Geschäftsgebaren als „Zockerei“ und „Raffgier“. Für eine Weile schien es das wichtigste Ziel des deutschen Medienjournalismus zu sein, Montgomery wegzuschreiben. „Kein Verleger in Deutschland wird angefeindet wie Sie? Was ist da schiefgelaufen?„, fragte die FAZ in einem Interview 2007. Montgomery ging dann tatsächlich. Nicht, weil der Druck seiner Gegner in Berlin zu groß wurde. Sondern, weil seinem Unternehmen Mecom das Geld knapp wurde. Er brauchte Geld, und Verleger Alfred Neven DuMont gab ihm welches. Für diese Tat wurde DuMont als „Retter“ bezeichnet. War er wegen des Kaufes ein „guter“ Verleger? Oder ein Profiteur des schlechten Rufes seines Vorgängers?

Den eigentlichen Um- und Stellenabbau trieb dann DuMont voran. Nicht Sir Alfred freilich, aber seine jeweiligen Manager. Die Netzeitung wurde als eine der ersten Handlungen abgestellt. Erst 2014 könnte es gelingen, den Berliner Verlag aus einer Schieflage zu befreien. Wenn der Plan sich erfüllt: hat DuMont das dann „gut“ hinbekommen?

Noch ein Beispiel.

Die Welt war viele Jahre das Millionengrab von Axel Springer. Seit einigen Jahren gibt es um die klassische Zeitung herum Beiboote (Welt kompakt) und natürlich die Digitalformate. Vor einigen Jahren schrieb dieser neue Verbund offiziell einen Gewinn. Wie es heute aussieht – unklar. In der Springer-Bilanz wird das Gesamtergebnis für die Zeitungssparte aufgeschlüsselt, also auch mit der nach wie vor extrem profitablen Bild-Zeitung. Die Welt hat den Wettbewerb um die beste Print-Zeitung mit der FAZ und der Süddeutschen Zeitung aufgegeben. Aber – es gibt sie noch immer, es gibt dort sehr gute Redakteure und Autoren (auch wenn Matthias Matussek mehr ein Show-Einkauf für wen auch immer war) und gerade investierte Springer in einen neuen Newsroom, der nicht gerade als Potemkinsches Dorf angelegt ist. Die bevorstehende Integration von N24 wird ein spannendes Projekt. Das Prinzip „Online to Print“ mag Edelfedern verschrecken, es ist aber ein radikaler Bruch mit dem Blattmachen alter Schule – und einen Versuch wert.

Hat Mathias Döpfner die Rendite im Sinn? Er muss. Betreibt er die Welt nur noch, weil er nicht „nur“ der Bild-Verleger sein will? Bestimmt auch. Lehnt er sich mit seinen rosigen Prognosen für die Zukunft des Journalismus ein wenig sehr aus dem Fenster, ohne entsprechende Belegexemplare aus dem eigeenn Haus vorweisen zu können? Auch das. Ist er aber ein schlechter Verleger? Wer das behauptet, wie just der Spiegel, der springt ein wenig kurz. Döpfner mag einst an seinen Verprechungen scheitern, aber noch ist es zu früh, lapidar zu beschließen, das er ein „Kassierer“ ist. So richtig in den Kram passt Döpfner weder den DuMonts dieser Zeitungsrepublik, noch den habituellen Springer-Bashern. Die einen mögen ihn nicht, weil er Print für ein Auslaufmodell hält, was den Marktwert der eigenen Blätter senkt. Die anderen hassen ihn wegen Bild. Ist er darum ein „schlechter“ Verleger?

Was sagen die Beispiele? Den „typischen“ Verleger gibt es gar nicht mehr. Und doch gibt es eine anhaltende Sehnsucht nach diesen klassischen Figuren. Ah, die FAZ hat die FR gerettet. Ah, der DuMont hat die Berliner Zeitung gerettet. Ah, der Döpfner hat die Zeitungen „verraten“. Diese tiefgehende Sehnsucht nach dem „richtigen“ Eigentümer.

Schizophren wird es allerdings dort, wo auch diese Muster auch nicht mehr so ganz passen. Die Funke Mediengruppe bekam für ihre Übernahme der Springer-Titel keinen Lorbeerkranz geflochten. Der Schock über den Verkauf der Titel wirkte stärker. Dazu kam, dass Funke beispielsweise mit der Entleibung der Westfälischen Rundschau ein ziemlich krummes Ding gedreht hat. Eine gesamte Redaktion entlassen und mit Inhalten anderer Verlage vollstopfen? Keine gute Idee, auf keiner Ebene. Dafür sich dann anderweitig für viel Geld zwei große Regionalzeitungen dazukaufen? Gut, weil der Kauf Stellung zur Zeitung bezieht? Oder schlecht, weil die Blätter lieber mal jemand anderes hätte kaufen sollen?

Gleichzeitig wird Amazon-Gründer Jeff Bezos teilweise enthusiastisch als der Neuerfinder der Zeitung in spe gelobt. Der Mann ist ja so reich und klug, da wird er schon eine Idee für die Zeitung haben. Warum schreit da keiner „Buh“, wo Bezos doch auch nicht gerade als arbeitnehmerfreundlichster Unternehmer der Welt gilt? Darf  Bezos alles umkrempeln, weil er ein „Rulebreaker“ ist? Einer, der ganz anders denkt als die etablierten Medienunternemen? Bittesehr. Wir sind gespannt. Darf Mathias Döpfner N24 kaufen, um seine Welt mit Bewegtbildern zu versorgen? Klar darf er. Viel Zuspruch hat er dafür aber nicht zu erwarten. Im Spiegel wurde Döpfner geschreddert.

Verleger und solche, die es werden wollen, werden in Deutschland mit zweierlei Maß gemessen, manchmal auch mit mehr als zwei. Wer darf und soll Zeitungen verlegen? Gerne ein klassischer, unbestechlicher Verleger. Der nicht sein Geschäft auspresst, bis seine Lokalredakteure auf dem Zahlfleisch gehen. Der keine Leute rausschmeißt. Der aber den digitalen Wandel nicht verpasst und mit neuen Formaten experimentiert. Der auf keinen Fall seinen Laden an der Börse notieren lässt, der mit Finanzinvestoren nichts am Hut hat. Der sich mit niedrigen einstelligen Renditen zufrieden gibt, denn: er ist ja schon reich. Oder aber: ein Visionär, der sich dem vermeintlichen Auslaufmodell Zeitung annimmt. Einer, der wie einst Johannes Gutenberg eine Revolution der Inhalte herbeiführt, dieses Mal digital. Einer, dem Worte heilig sind und bei dem auch die Kasse stimmt.

Die Hoffnung auf den „guten“ Verleger stirbt zuletzt.

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