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Wie Google sich seine Regeln selber schreibt

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Handelsblatt-Chefredakteur Hans-Jürgen Jakobs

Google ist und bleibt ein Fall für die Wettbewerbsbehörden, findet Handelsblatt-Chefredakteur Hans-Jürgen Jakobs. In seiner MEEDIA-Kolumne schreibt Jakobs, warum der US-Konzern sorglos weiterwirtschaften könnte, wenn die EU-Kommission die Ermittlungen wegen Wettbewerbsverzerrung zu den Akten legte. Denn Google käme ohne eine Geldstrafe davon, eine Kontrolle der Praktiken der Suchmaschine bliebe vermutlich folgenlos.

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Unter Freunden des Internet ist derzeit ein besonderer Roman beliebt: „The Circle“ von Dave Eggers. Der Autor beschreibt den Transparenz-Wahn einer fiktiven Firma, die Daten aller Art sammelt, um das Leben besser zu machen, und die doch in einem modernen Totalitarismus endet. Eine private Übermacht, die Politiker als Marionetten im Welttheater baumeln lässt.

Erkennbar hat Eggers einen Schlüsselroman über ein ganz real existierendes Unternehmen geschrieben: über Google. Über eine Datensammelstelle also, die die NSA vor Neid erblassen lässt, die rund die Hälfte des weltweiten Online-Werbemarktes beherrscht und mit fast 13 Milliarden Dollar viermal so viel Gewinn macht wie der deutsche Axel Springer Verlag an Umsatz meldet. Google hat schon heute so viel Macht, dass Regierungen im Vergleich wie Regional-Komitees wirken. Das hat jüngst erst die EU-Kommission bewiesen.

Dort beendet jetzt der zuständige Kommissar Joaquín Almunia einfach per Federstrich den jahrelangen Kampf gegen unfaire Praktiken des Suchmaschinen-Monopolisten Google. Die Amtszeit des Mannes läuft ab, und zuvor wollte er der Galerie offenbar partout etwas bieten, und sei es auch nur ein fauler Kompromiss. Der hat aus Brüsseler Sicht einen Vorteil: Das Angebot der Google-Verantwortlichen ist besser als die vorherigen zwei Offerten.

Seien wir ehrlich: Google spielt in einer anderen Liga. Der Konzern macht sich seine Regeln selbst. Er zieht die besten Talente der Generation Internet an, und sein Streben ist es, wie in der Romanfirma „Circle“, so viel Künstliche Intelligenz zu akkumulieren, dass die menschliche Intelligenz sich ausruhen kann und ihre Fehler korrigiert werden. Google ist der Horizont. Politik und Wettbewerb sind Kleinkrämer der Gegenwart.

So kann der Konzern aus Mountain View augenscheinlich ganz prima mit dem Almunia-Agreement leben. Wenn es um Karten oder Empfehlungen für Restaurant und Hotels geht, wird Google nun ganz uneigennützig die Angebote konkurrierender Firmen auch anzeigen. Ein unabhängiger Treuhänder soll nun darüber wachen, dass alles ordentlich läuft. Folgenlos, das heißt ohne eine im Prinzip fällige Milliardenbuße, bleibt die offenbar jahrelang gepflegte Praxis, bei Suchanfragen die Konkurrenz bewusst auf hintere Seiten verbannt zu haben. So etwas bedeutet: wenig Geschäft. Bei einem Marktanteil von 90 Prozent in Deutschland und anderen großen europäischen Staaten bestimmt der US-Konzern über die Umsätze anderer. Die Firma ist, so sympathisch ihre Manager auch sind, ein Fall für die Missbrauchsaufsicht. Sie ist ein permanenter Kartellverstoß. Niemand weiß, wie der Algorithmus von Google aussieht. Der Quellcode müsste offen gelegt werden, um weiteren Missbrauch vorzubeugen.

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90 Prozent Marktanteil – das bedeutet für deutsche Webseiten, unbedingt bei Google-Suchen schnell auffindbar  sein zu müssen. Dafür tun viele Verlage alles. In einzelnen Fällen speist sich der Traffic zu 50 Prozent und mehr aus der Quelle Google. Die kleine Kaste der „Search Engine Optimizer“ gehört zu den bestbezahlten Spezialisten der Branche. In den vergangenen Jahren haben Verlage oft mehr für Google als für ihre Leser getan. Gegen diese Abhängigkeit hilft kein Leistungsschutzgesetz. Diese Abhängigkeit verbirgt auch, dass Google ohne die wertvollen Texte aus Redaktionen, für Gottes Lohn dargeboten, eine armselige Wüstenei aus Wikipedia und Reklame wäre. Mit dem Siegeszug von Paid Content wird die Frage aktuell werden, wie die Texte dann in der Informations-Verteilmaschine Google aufzufinden sind.

Aus Sicht von Mountain View sind das alles Kleingeister-Debatten. Hier geht es längst um Großes, um das Sammeln biologischer Daten, etwa via Augenlinsen oder über die akquirierte Firma Deep Mind. Es geht um Protokolle menschlichen Verhaltens. Da können auch Thermostate in Wohnungen zu Diensten sein, wie der Kauf von Nest gezeigt hat. Es gibt so viel zu steuern auf der Welt, Häuser und Autos zum Beispiel.  Und der Medienpart der ganzen Konstruktion, von Google News bis zum modernen CNN, der Plattform YouTube, fügt sich wunderbar ins Konzept.

Neben der Meldung über den  Kotau der EU fiel noch eine kleine Nachricht aus dem Innenleben des Imperiums auf. Google informierte, dass Verwaltungsratschef Eric Schmidt im Jahr 2013 die Summe von 106 Millionen Dollar verdient hat. Das ist die Größenordnung, die der Konzern in Frankreich für Steuerzahlungen als angebracht erachtet, zur Betrübnis der dortigen Regierung. Die Gewinne werden ins Niedrigsteuerparadies Irland geleitet. Auch dieser Eric Schmidt ist ein famoser Kerl, eloquent und fortschrittlich, und er hat für Google den Vorteil, im Weißen Haus ein und aus zu gehen. Es wird an Leuten wie Schmidt liegen, dass bei Google nicht das passiert, was in den Vereinigten Staaten in früheren Jahren bei solchen Kraken schon vorgekommen ist: die Aufspaltung eines übermächtig gewordenen Konzerns. AT&T  hat dies beispielsweise erlebt.

Aber bei Google geht eher die Fiktion des Romanciers Eggers bei „The Circle“ auf: Gegen diesen Digital-Kapitalismus  scheitert jeder Widerstand. Wer lehnt sich schon gegen eine schöne neue Welt auf, die auch ein bisschen „1984“ ist?

Hans-Jürgen Jakobs ist Chefredakteur des Handelsblatt. Für MEEDIA schreibt er regelmäßig über seine Sicht auf die Medienbranche.

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