Markus Lanz – der Staatsfeind Nr.1 im Netz

„Unfair behandelt“: Markus Lanz erntete harsche Kritik für sein Interview mit Sahra Wagenknecht
"Unfair behandelt": Markus Lanz erntete harsche Kritik für sein Interview mit Sahra Wagenknecht

Auf Twitter und Facebook ergießen sich kübelweise Häme und Hass gegen Lanz wegen seiner Befragung der Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht. Es ist davon auszugehen, dass am kommenden Samstag, wenn Lanz “Wetten dass..?” aus Karlsruhe präsentiert, die Hass-Maschine bei Twitter erneut heißläuft. Im Internet ist Lanz mittlerweile der Staatsfeind Nr.1. Eine Spurensuche.

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Wann begann eigentlich dieser kollektive Hass auf Markus Lanz? Als Moderator von RTL “Explosiv” war er noch relativ unauffällig. Nicht von allen geliebt, aber auch nicht offensichtlich am Pranger. Lanz galt als glatt, als typischer Vertreter der Generation Schwiegersohn. Zu jener Zeit war allerdings auch das Social Web noch nicht so weit, Wellenbewegungen mit Negativ-Emotionen zu Shitstorms von signifikanter Größe werden zu lassen.

Lanz übernahm 2008 zunächst vertretungsweise die spätabendliche Talksendung von Johannes B. Kerner und später zwangsweise den angeschlagenen Show-Dampfer “Wetten dass..?”. Schlicht, weil sie beim ZDF niemand anderen hatten. Wunschkandidat Hape Kerkeling hatte die unlösbare Aufgabe “Wetten dass..?” in aller Öffentlichkeit auf der Couch von Thomas Gottschalk dankend abgelehnt. Sogar der mausgraue Jörg Pilawa war schlau genug, um um “Wetten dass..?” einen Bogen zu machen. Am Ende blieb der brave Lanz. Immer bemüht, seine Pflicht zu erfüllen, bereit ein Risiko einzugehen. Es wird schon ein gewisser Druck auf ihm gelastet haben. Immerhin war er die letzte Wahl.

Lanz tat, was er immer tut: Er strengte sich an. Nur dass man bei “Wetten dass..?”mit Anstrengung nicht besonders weit kommt. Lanz und das Format “Wetten dass..?” – das wurde nach einigen Sendungen deutlich – passen nicht zusammen. Die Kritiken fielen entsprechend miserabel aus. Vor allem die Bild-Zeitung tat sich hervor, sogar die zu Beginn sehr starken Quoten schlecht zu schreiben. Jeder blöde Fehltritt (Tom Hanks mit der Katzenkappe, Eiswürfel im Schritt von Gerard Butler) wurde von Bild zum nationalen Skandalthema hochgejazzt.  Dabei befindet sich die Bild in seltenem Schulterschluss mit ihren schärfsten Kritikern.

Der Medienjournalist Stefan Niggemeier, einer der Gründer des Bildblogs, das die Boulevardzeitung seit Jahren kritisch begleitet, war bei der Premiere von Markus Lanz bei “Wetten dass..?” noch beim Spiegel und verfasste dort eine schriftliche Hinrichtung. Niggemeier mag Lanz offenbar nicht. Er schnitt einzelne Wortwiederholungen von Lanz zu lustigen Videos zusammen und ätzte in seinem, in der Medienbranche viel gelesenen, Blog in ungewohnter Schärfe gegen Lanz. Unbehagen bereitete Niggemeier (und auch der FAZ) ein Interview, das Lanz mit dem damaligen, glücklosen FDP-Chef Philipp Rösler führte. Wenn Niggemeier über Lanz schreibt, ist die Rede von “Ekel”, davon, dass er ihn “unausstehlich” findet. Er machte sich sogar die Mühe, auszurechnen, wie oft Lanz FDP-Politiker in seine Sendung einlädt. Bei Twitter gilt „Lanz“ darum manchen schon als “manipulative neoliberale Meinungsmaschinerie”. Bei Bild würden sie das vermutlich eine Kampagne nennen.

Nun muss man Markus Lanz und seinen Stil nicht mögen. Aber ist das alles nicht ein bisschen übertrieben? Aktuell hat sich Niggemeier Lanz wieder vorgeknöpft. Diesmal war der Anlass die “Markus Lanz”-Sendung vom 16. Januar, in der u.a. der Polit-Pitbull vom stern (Hans-Ulrich Jörges) und die Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht zu Gast waren. Niggemeier hat die Lanz-Show protokolliert und sich mal wieder wortgewaltig über dessen Art zu fragen und auf die Welt zu sehen aufgeregt.

Niggemeier meint das sicher ehrlich und ist ernsthaft empört. Seine Empörung findet diesmal einen besonders großen Widerhall im Netz. Schon vor dem Artikel wurde von Maren Müller, die früher Parteimitglied der Linken war, eine Online-Petition aufgesetzt mit der Forderung, dass sich das ZDF von Markus Lanz trennen soll. Die ZDF-Zuschauerredaktion wurde mit Beschwerden über Lanz bezüglich der Wagenknecht-Sendung konfrontiert. Und Frau Wagenknecht äußert sich in der Bild, dass sie nun erst einmal genug habe von diesem Lanz.

Lanz hatte Wagenknecht in seiner Sendung zur Haltung der Linken zur Europäischen Union befragt. Dabei hat er zugespitzt, ist ihr des öfteren ins Wort gefallen und hat versucht, sie stellenweise auf simple Ja-Nein-Aussagen festzunageln. Eifrig sekundiert vom gewohnt erregten Jörges. Sahra Wagenknecht – ganz Profi – ließ das geduldig über sich ergehen, antwortete gefasst und machte einen eher aufgeräumten Eindruck. Sie ist es gewohnt, in Talkshows hart zu diskutieren. Wahrscheinlich fand sie im Stillen den Lanz und den Jörges auch doof – aber das muss man eben aushalten.

Was ist nun so schlimm daran, dass ein TV-Mensch im Gespräch nachhakt, versucht eine Politikerin auf klare Aussagen festzunageln und auch eine eigene Meinung – manche nennen Haltung – vertritt? Wäre ein ähnlicher Proteststurm losgegangen, hätte beispielsweise Marietta Slomka ein ähnliches Gespräch mit Sahra Wagenknecht geführt? Dass dieser Lanz doof, peinlich und “unwürdig” (ja, der Begriff fällt in der Petition tatsächlich) ist – da sind sich nun sehr viele sehr schnell einig. Da schreiten Medienblogger und die Bild-Zeitung in seltener Allianz Seit’ an Seit’. Lanz einfach nur noch peinlich zu finden, ist Meinungs-Mainstream – zumindest im Web.

Die Online-Petition gegen Lanz hat innerhalb weniger Tage über 50.000 Unterstützer gefunden. Die Initatorin hat die Hürde, ab der die Petition an das ZDF weitergereicht wird, von 10.000 auf 100.000 erhöht. Eine bemerkenswerte Resonanz für einen medialen Normalfall. Was hat dieser Lanz getan, dass ihn so viele Menschen offenbar regelrecht hassen? Er hat eine Politikern im Fernsehen nicht ausreden lassen. Er macht dann und wann unlustige Späße in einer Unterhaltungsshow. Das reicht offenbar, um im Internet zum Staatsfeind Nr.1 erklärt zu werden. Im Gespräch mit dem stern sagte Lanz unlängst, bei Shitstorms müsse man auch einfach mal die Spülung drücken. Das klang cool und souverän. Dass die andauernde Hass-Welle im Netz aber an jemandem einfach so abperlt, ist schwer vorstellbar. Markus Lanz wird noch oft die Spülung drücken müssen.

Update: In dem Text hieß es in einer ersten Version, dass der Artikel von Stefan Niggemeier vor der Online-Petition gegen Markus Lanz erschienen war. Die Petition war aber zuerst da. Dies wurde entsprechend korrigiert.

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