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„Millionärswahl“: Twitter-Therapie nach TV-Flop

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ProSiebenSat.1 hat mit der “Millionärswahl” den ersten TV-Flop des Jahres hingelegt. Die Kritiken waren vernichtend, die Quoten desaströs. Beim Sender zogen sie die Reißleine und beenden die Show vorzeitig außerhalb der Primetime. Auf Twitter kommentierte ProSieben die Not-Maßnahmen ungewohnt drastisch, inklusive Fäkal-Vokabular. Via Pressemitteilung wurde die Sache dagegen in PR-Sprech schöngeredet. Der Mega-Flop und das Nachspiel verraten einiges über den nervösen Zustand der TV-Branche.

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Das passiert nicht alle Tage, dass so ein Tweet über den offiziellen Twitter-Kanal eines deutschen TV-Senders geht:

href=“https://twitter.com/ProSieben/status/422673986602807297

Normalerweise werden über solche offiziellen Firmen-Accounts weichgespülte Lobhudeleien und Programm-Tipps in eigener Sache verbreitet. Da lässt der Griff in die Kiste mit den Fäkalausdrücken schon mal aufmerken. ProSieben hat via Twitter einige “Fakten” zusammengestellt, die wie eine kleine öffentliche Selbst-Therapie angesichts des “Millionärswahl”-Schocks wirken. Nach dem “Besch…”-Tweet folgten weitere “Fakten, in denen man sich selbst versicherte, dass die “Millionärswahl” ja ein “innovatives Format” gewesen sei, das leider gescheitert sei, dass sich “manche Zuschauer” für Themen und Inhalte der Sendung interessiert hätten, dass man weiter den Mut haben werde, mit “neuen Shows am Start zu sein”. Die Twitter-Selbstherapie gipfelte in der Ankündigung nun die “Fr..” halten zu wollen.

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Zur Erinnerung: Nach vernichtenden Kritiken (u.a. bei MEEDIA) und miserablen Einschaltquoten hatte man sich bei ProSiebenSat.1 schnell entschlossen, das heftig bemängelte Abstimmungssystem der Show zu ändern. Weil sich die Kandidaten am Ende der Sendung selbst gegenseitig Punkte zuschieben konnten, fiel in der Premieren-Sendung der Publikumsliebling durch das Votum eines einzelnen Kandidaten durch, was für eine Empörungswelle sorgte.

Tags darauf, als die zweite Folge statt bei ProSieben nun bei Sat.1 lief, zeigte sich – wenig überraschend – dass der neue Abstimmungsmodus nullkommanichts brachte. Die Zuschauer waren schon auf und davon und sie kamen nicht wieder. Waren die Quoten schon bei der Auftaktsendung mies, so waren sie für die zweite Folge katastrophal. Bei ProSieben und Sat.1 konnte man sich ausrechnen, dass hier nichts besser werden würde. Die “Millionärswahl” war mit der ersten Sendung komplett gegen die Wand gefahren. TV-Totalschaden. Da gab es nichts mehr zu reparieren.

Also entschloss man sich für den Schritt, ein schnelles Ende herbeizuführen. An den oben zitierten Tweets und einer am Montag verschickten Pressemitteilung lässt sich ablesen, wie sehr es hinter den Kulissen rund gegangen sein muss. Während die Tweets emotional trotzig wirken, ist die Pressemitteilung in üblichem PR-Sprech abgefasst. “ProSieben macht die ‘Millionärswahl’ zur Samstagabend-Show”, ist die Mitteilung überschrieben. Gerade so, als sei das etwas ganz Tolles. Samstagabendshow – wow! Allerdings um 22.15 Uhr und nicht mehr zur Primetime um 20.15 Uhr , wie ursprünglich vorgesehen. Und nur noch zwei Ausgaben statt sechs, eine davon sogar nur als Zusammenschnitt von Einspielern. Weiter heißt es in der Mitteilung: “Das innovative Konzept der „Millionärswahl“ hat in den sozialen Medien und darüber hinaus für große Resonanz gesorgt.” So kann man das natürlich auch nennen, wenn eine Show kollektiv verrissen wurde.

So unterschiedlich die beiden Stimmen des Senders via Twitter und Pressemitteilungen auch klingen, eines haben sie gemeinsam: das Zauberwort “innovativ”. Das wären die Medien alle gerne… innovativ. Doch aus Verzweiflung erwächst selten echte Innovation. Die alten Erfolgsformate sind so langsam (fast) alle abgenudelt und neue Ware ist nicht in Sicht. Dass so ein vergurktes Format wie “Millionärswahl” überhaupt auf Sendung gelassen wurde, lässt sich wahrscheinlich am ehesten mit dieser verzweifelten Suche nach Neuem erklären. Hauptsache man kann das Label “innovativ” draufpappen. Irgendwas mit Abstimmungen (=interaktiv), mit Internet, YouTube und noch ‘ne Million obendrauf. So wirkt das in der Außenbetrachtung und so ging es dann auch granatenmäßig schief. Interessanterweise lässt sich dann hinterher sogar der Flop damit rechtfertigen, dass man ja besonders “innovativ” sein wollte.

Dabei hätten sie das vorher kommen sehen können, denn lineares Fernsehen ist kein Internet. In beiden Medien gelten andere Gesetze, andere Sehgewohnheiten. Man muss sich als positives Gegenbeispiel nur mal das ProSieben-Format “Schlag den Raab” anschauen. Mann gegen Mann. Endlos lange Sendezeit. Teils abstruse aber einfallsreiche Spiele. Und – ein wesentlicher Erfolgsfaktor – die Spiele werden total ernst genommen. “Schlag den Raab” ist klassisches, lineares Live-TV. Format und Medium passen hier zusammen. So ein Format wie “Schlag den Raab” würde im Netz nie funktionieren. Umgekehrt verfliegt der Charme von Amateur-YouTubern, wenn man die Akteure auf die große Show-Bühne zerrt. Aber Verzweiflung kann offenbar auch blind machen. Die Sender werden also weiter nach dem nächsten großen TV-Ding suchen müssen. Wenn sie dabei überlegter und weniger verzweifelt zur Sache gehen als bei der “Millionärswahl”, wäre Sendern und TV-Publikum gleichermaßen gedient.

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