Schumacher-Unfall: Rasender Stillstand im TV

Die Schwere des Unfalls von Michael Schumacher und die Berühmtheit seiner Person verlangen eine Berichterstattung in den Medien. Doch wie bei vielen anderen Unfällen oder Anschlägen müssen sich vor allem TV-Sender ihre Informationen aus einem Pool allgemeinen Unwissens zusammenbasteln. Gern gesehene Gäste per Schalte oder im Studio sind Ärzte, vorzugsweise Neurochirurgen. Und natürlich Weggefährten und Experten. Die Medienmaschine muss versorgt werden.

Anzeige

Schumacher verunglückte am Sonntag beim Skifahren. Bei einem Sturz zog er sich ein schweres Schädel-Hirn-Trauma zu. Die Kernaussage einer Pressekonferenz am Montag um 11 Uhr: Der Zustand des Rennfahrers, der seine Profi-Karriere beendet hatte, ist kritisch. Es sei aber noch "viel zu früh" für eine Prognose, so die behandelnden Ärzte. Eine zweite OP, wie beispielsweise zunächst bei n-tv vermeldet, gab es bisher offenbar nicht.
Mit den wenigen zur Verfügung stehenden Informationen – Ort des Unglücks, offenbar hohe Geschwindigkeit, Aufprall mit dem Kopf, kritischer medizinischer Zustand – müssen oder wollen vor allem Nachrichtensender wie n-tv und N24 ein möglichst Rund-um-die-Uhr-Programm stricken. Ein Reporter vor dem Krankenhaus in Grenoble, eine Reporterin im Heimatort Schumachers Kerpen, ein Neurochirurg im Studio oder am Telefon, ein Formel-1-Experte, Bildausschnitte aus Schumachers Karriere. Zum Pflichtprogramm gehört eine Übersicht der Kommentare und Genesungswünsche, die via Twitter und Co. verbreitet werden. Vorzugsweise von Sportler-Kollegen.
Während eine N24-Reporterin den zweiten Vorsitzenden des Schumacher-Fanclubs am Montag fragte, wie wichtig der Rekordweltmeister für Kerpen sei ("Ganz wichtig"), suchte ein Phoenix-Moderator nach anderen Erkenntnissen und wollte von einem Experten wissen: "Wie schlägt der Unfall auf das Gemüt der Formel1?" Dass Schumacher beim Skifahren verunglückte und nicht bei Tempo 300 im Rennwagen – offenbar nur Nebensache.
Gefragt wird wie bei der Pressekonferenz nach Stimmungen oder nach Prognosen. In Kenntnis der Tatsache, dass es in diesem konkreten Fall eben keine sicheren Prognosen zu geben scheint. Doch es muss gefragt werden, um die Medienmaschine zu versorgen, und sei es nur für einen Fitzel an Formulierung, der sich besser verwerten lässt als der Satz: "Wir können keine Aussage treffen." Die Zeit läuft, die Informationen müssen fließen, doch in Wirklichkeit laufen die Medien in diesen Momenten wie auf einem Laufband – sie rasen, kommen aber gar nicht vom Fleck. 
Ohne Frage: Die Berichterstattung über einen tragischen Unfall wie den von Schumacher ist legitim. Medien müssen aber mit unvollkommenen Informationen (gehört auf n-tv: "Wir müssen im spekulativen Bereich bleiben") möglichst viel Programm stopfen, wenn sie nicht auf weniger spektakuläre Themen ausweichen wollen. Und das wollen sie offenbar nicht. Ein Selbstmordanschlag in Wolgograd mit vermutlich 14 Toten kam am Montagvormittag nur kurz zur Sprache oder auf die Sender. Die bisherigen Verletzungen des Stars Schumacher sind wichtiger als die Hintergründe der Anschläge in Russland.
Mal ganz abgesehen von unsäglichen Facebook-Nutzern, die auf Facebook oder YouTube "RIP"-Seiten für Schumacher zusammenstümpern, erliegen auch professionelle Medienmacher einem Art RIP-Reflex. "Sie kannten ihn ja", sagte beispielsweise eine Reporterin auf einem Sender zu einem Gesprächspartner. Er "war" heißt es immer wieder – abgefangen durch den Hinweis: "Wir drücken die Daumen!" Nicht besonders hilfreich können auch Programmhinweise sein, die ohne Abgleich mit dem Programm gesendet werden. Wie bei N24 der Programmtipp über die Adrenalin-TV-Doku "Hellroads" – die "gefährlichsten Straßen der Welt". 

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige