#hh2112: Hamburgs Tahrir-Moment

Die Ausschreitungen und Krawalle rund um die aus dem Ruder gelaufene Demonstration im Hamburger Schanzenviertel sorgten bundesweit für ein gewaltiges Medienecho. Auch im tiefen Süden der Republik beherrschte das Thema die Nachrichten. Im Internet quollen die üblichen Social Media Quellen über mit Fotos, Videos und Status-Updates. Die Bilder, die da ins Wohnzimmer schwappten, kamen einem seltsam bekannt vor. Zum Erkenntnisgewinn trugen sie letztlich aber nicht bei.

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Im Kopf weiß man: Die revolutionären Ereignisse in Ägypten auf dem Tahrir-Platz, die Geschehnisse in der Türkei im Gezi Park und die Krawalle auf dem Schulterblatt in Hamburg (übrigens auch Sitz der MEEDIA-Redaktion) haben nichts miteinander zu tun. In einem Fall (Ägypten) ging es um eine Revolution eines Volkes, das sich gehen die jahrzehntelange Unterdrückung durch eine Militärdiktatur erhob. Im anderen Fall (in der Türkei) ging es um den Aufstand gegen einen autoritären Staatsapparat. Um was ging es eigentlich in Hamburg?

Um ein heruntergekommenes Gebäude namens Rote Flora, das schon länger zu einem festen Bestandteil des Hamburg-Besuchsprogramms von Omis im Jack-Wolfskin-Outfit geworden ist. Man süffelt seine Latte Macchiato gegenüber im Café und guckt, wie sich mittags die letzten Penner an der Roten Flora aus ihren angeschmuddelten Schlafsäcken schälen. Hinterher geht’s fein zum Shopping oder zur Hafenrundfahrt. Der autonomen Szene ist die Disneyfizierung des Hamburger Kiezes natürlich ein Dorn im Auge. Ebenso, dass ein Investor wohl am liebsten aus der Roten Flora etwas machen würde, das ordentlich Kohle abwirft und nicht bloß als Foto-Kulisse für Touris aus dem Schwarzwald herhält. Oder als letztes verbliebenes Symbol einer aus der Zeit gefallenen autonomen Szene.

Das alles ergab am Wochenende einen explosiven Cocktail der Gewalt. Die Bilder, die dabei entstanden, sind ohne Zweifel starke Bilder. Polizisten in Rüstungen, Bengal-Feuer, Wasserwerfer-Panzer vor pittoresken Altbauten, Straßensperren, fliegende Steine, zertrümmerte Fahrräder. Schaut man sich Flickr-Galerien oder YouTube-Videos zu den Ereignissen an, hat man ein komisches Gefühl. Die ikonische Qualität der Bilder ist die gleiche, wie bei jenen Aufnahmen von Unruhen aus der weiten Welt. Diesmal kennt man den Schauplatz des Geschehens aber aus eigener Anschauung. Man weiß, dass man da und dort noch vor ein paar Monaten in diesem Café gesessen hat, vor dem nun Steine fliegen und schwarz Vermummte gegen schwarz gepanzerte Polizisten kämpfen.

Was bleibt, ist eine gewisse Ratlosigkeit. Gut und Böse lassen sich im Großen und im Kleinen nicht voneinander trennen. Social Media sorgt dafür, dass ein regionaler Konflikt in Hamburg aussieht wie ein ausgewachsener Bürgerkrieg. Und so haben wir vor unseren PC-Schirmen und TV-Geräten und beim Lesen der Tweets auf den Smartphones zwar das Gefühl, ganz nah am Geschehen zu sein, ganz direkt – in Echtzeit – informiert zu werden. Wirklich wissen tun wir aber nichts.

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