Neue Erkenntnisse über Nannens stern

Im August 1948 erschien zum ersten Mal Henri Nannens stern. Eine "politische Illustrierte sozialliberaler Prägung", schreibt der Autor und Wissenschaftler Tim Tolsdorff. In seinem Buch "Von der Stern-Schnuppe zum Fix-Stern" will der Medienhistoriker nachweisen, dass um Nannens stern ein Gründungsmythos aufgebaut wurde. Tatsächlich gleiche die Nachkriegs-Gründung einer Illustrierten aus der Nazizeit gleichen Namens. Selbst das Personal griff Nannen bei dessen Gründung unter die Arme, so Tolsdorff.

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Für die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) hat Tolsdorff Ausschnitte aus den Recherchen für sein Buch Von der Stern-Schnuppe zum Fix-Stern (erscheint im Frühjahr 2014 im Halem-Verlag) offengelegt. Markenname und Layout seien bereits zehn Jahre vor Gründung durch Nannen auf eine Illustrierte gedruckt worden. Ein Foto zum FAZ-Artikel zeigt ein Heft in schwarz-weißer Aufmachung, oben rechts in der Ecke leuchtet das gelbe sternförmige Logo mit dem Markennamen. In der Mitte des Aufmachers steht Adolf Hitler im Gespräch mit drei Künstlerinnen.
Der "alte Stern", wie Tolsdorff schreibt, entwickelte sich ab Erscheinen 1938 zum Verkaufsschlager, erreichte Auflagen in Höhe von 750.000 Exemplaren. Geführt wurde die Illustrierte, die zum "Musterbeispiel nationalsozialisitischer Integrationspropaganda" wurde, von "Hauptschriftleiter" Kurt Zentner. "Plumpe Hetze blieb außen vor, den Erfolg brachten aufwendige Fotostrecken, exklusive Reportagen aus dem Leben Prominenter, Fortsetzungsromane, Humorseiten, ein farbiges Layout und – jedenfalls zu Anfang – nackte Haut und sogar Berichte aus den Vereinigten Staaten", schreibt der Buchautor in der FAZ. Der Blattmacher war bis kurz nach Kriegsbeginn im Amt, nachdem er als "Vierteljude" entmachtet worden sei. Der Stern verschwand und wurde in die Soldatenpostille Erika umgewandelt.
Nannens stern kam am 1. August 1948, drei Jahre nach Kriegsende, an die Kioske. In seinem Buch und für seinen Beitrag in der Frankfurter Tageszeitung beschreibt Tolsdorff, der Relaunch sei das Ergebnis eines "Ausleseprozesses" gewesen, bei dem Nannens Bekannter und Verlagsmanager Carl Jödicke entscheidenden Einfluss genommen haben soll. Jödicke habe in Zusammenarbeit mit dem Ministerium für Propaganda Titel wie Das Jahr im Bild und auch den "alten" Stern realisiert.
Jödickes Vorhaben, im Nachkriegsdeutschland eine Illustrierte etablieren zu wollen, schien wegen der strengen Regeln über die Entnazifizierung von Journalisten kein einfaches zu sein. Wie er von Manager-Kollege Gustav Willner, damals Treuhänder für die Reste des Deutschen Verlags, erfahren habe, würden Lizenzträger Jugendtitel erwerben, um diese als "Deckmantel" für eine Transformation zur Illustrierten zu nutzen. Nannen bekam ein Lizenzangebot für ein Jugendblatt namens "Zick Zack".
Weshalb der stern den Namen der NS-Zeitschrift übernahm, hatte für Jödicke vor allem taktische Gründe. "Angesichts nahender wirtschaftlicher Hürden wie der Währungsreform und des Wegfalls der Lizenzpflicht musste es sich als lohnende Strategie erweisen, einen populären Titel aus Vorkriegszeiten zu reanimieren, mit dem sich die Gunst der nach Unterhaltung lechzenden Leser gewinnen ließ", schreibt Tolsdorff. Nur ein Insider wie Jödicke habe wissen können, dass der Stern nie in die Warenzeichenrolle eingetragen worden war, so der Autor.
Nachdem sich der "neue" stern etablieren konnte und Jödicke quasi eine Neuauflage seines im Nazi-Reich konzeptionierten Sterns geschaffen hatte, verließ der Manager – "dessen Entnazifizierungsverfahren in der britischen Zone aufgrund seiner Mitgliedschaft in NSDAP und SA auf Eis lag" – Hamburg und wechselte zum Südkurier nach Konstanz.
Tolsdorff, der mit dieser Arbeit über die Vergangenheit des stern promovierte, spricht von der Gründungsgeschichte unter Nannen, der in diesen Tagen 100 Jahre alt geworden wäre, als einem "Mythos": "Einen Mythos, der auf den Erzählungen einiger weniger Stern-Veteranen beruht und den der Verlag Gruner + Jahr aus wirtschaftlichen Gründen bis heute hegt und pflegt."
Nachtrag (So., 22.12.13, 18:38 Uhr): Wie in den Leserkommentaren angemerkt, sind die Parallelen des stern zu einer NS-Illustrierten mit gleichem Namen bereits seit Längerem bekannt. Tim Tolsdorff hat in seinem FAZ-Beitrag die Rolle von Carl Jödicke näher beleuchtet. 

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