„Aus der News-Maschinerie ausbrechen“

Ein neuer Chef, eine neue Formel: Seit dem Herbst ist der ehemalige Brigitte-Chefredakteur Andreas Lebert nun verantwortlich für Zeit Wissen. Gerade hat er ein kräftig überarbeitetes Heft vorgelegt. Wichtigste Neuerung: Der Blattmacher forscht mit seiner Redaktion kräftig nach anderen Themen-Zugängen. "Wir wollen die klassische Logik umkehren". Zeit Wissen will keine klassischen News mehr zu den Lesern bringen, sondern Fragen der Leser zu den Wissenschaftlern.

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Sie haben gerade eine Aktion gestartet, bei der potenzielle Käufer den Preis selbst bestimmen dürfen, den sie für das Magazin Zeit Wissen zahlen wollen. Wie viel ist die Zeit Wissen eigentlich tatsächlich wert?
Meiner Meinung nach ein Vermögen. Im Ernst: Ich finde schon, dass Journalismus viel Geld wert ist. Man fragt sich dabei allerdings immer: Begreifen die Leute überhaupt, was wir genau machen und wären sie dann auch bereit, den entsprechenden Preis zu zahlen? Auch um dafür das Bewusstsein zu schärfen, dient unsere Aktion.
Wie sehen die ersten Reaktionen aus?
Wir hatten nach wenigen Tagen schon fast tausend Leute, die mitgemacht haben und sich ein Heft bestellt haben. Die Preise lagen zwischen einem Cent und 7 Euro 90.
Die Aktion wurde übers Internet abgewickelt. Gerade im Web ist Zeit Wissen noch sehr unterrepräsentiert. Ist das auch der Startschuss für eine kleine Online-Offensive? Nein. Wir gehören zu Zeit Online. Da wollen wir künftig gern eine größere Rolle spielen. Aber im Moment arbeiten wir erst einmal am Heft. Dann schauen wir, über welche Kanäle wir die Inhalte noch besser zu den Menschen bringen, die sich dafür interessieren.
Wie wollen sie denn das Heft künftig positionieren?
Dazu muss ich etwas ausholen.
Nur zu.
Normaler Wissenschaftsjournalismus funktioniert so, dass auf der einen Seite die Wissenschaftler sind und auf der anderen Seite die Leser. Der Journalist bringt nun die Neuigkeiten und Ergebnisse von den Forschern zu den Lesern.
Das ist die klassische Formel.
Ja. Allerdings ist auch offensichtlich, wo die Schwierigkeiten bei diesem Modell liegen. Die News kommen immer nur aus den einzelnen Disziplinen. Der Leser fragt sich dabei natürlich, ob es ihn eigentlich interessieren muss, was gerade in der Herzforschung oder der Quanten-Physik passiert.
Jetzt sagen Sie, dass sie alles anders anpacken.
Nein, wir werden den Journalismus nicht neu erfinden. Auch nicht den Wissenschaftsjournalismus. Aber wir wollen schon bei der Themenfindung und beim Zugang zu unseren Themen einen anderen Weg gehen. Wir erscheinen nur sechs Mal im Jahr und sind keiner Aktualität unterworfen. Deshalb muss Zeit Wissen ohnehin aus der News-Maschinerie ausbrechen. Wir wollen die klassische Logik umkehren. Unser Ansatz: Der Leser hat Fragen, die für sein Leben relevant sind, auf die er sich von uns neue Erkenntnisse erhofft. Diese Fragen sind unser Ausgangspunkt, wir nehmen sie auf und gehen damit zur Wissenschaft, wo die klügsten Leute sind, die Problemlöser der Extraklasse, reich an Erfahrung und Wissen. Der Unterschied im Ansatz: Diese Fragen sind oft nicht nur auf eine Disziplin zugeschnitten.
Ändert sich dadurch auch die Position des Journalisten?
Wir wollen die Botschaft vermitteln: Wir Journalisten sind nicht anders als die Leser. Wir haben dieselben Fragen, kennen die Antworten auch nicht, doch wir haben einen Handwerkskoffer und machen uns jetzt damit auf den Weg. Wir wollen den Leser an dieser Reise teilhaben lassen und ihm nicht nur Ergebnisse dozieren. Der Grad zwischen Wissen und Besserwisserei ist mittlerweile sehr schmal und die Menschen sind an diesem Punkt heute noch allergischer als noch vor wenigen Jahren. Zudem versprechen wir uns von diesem Vorgehen, dass sich die Wissenschaftler selbst auch für uns und unseren Ansatz interessieren. Wir kommen ja mit Fragen zu den Forschern, mit denen sie sonst nicht konfrontiert werden.
Geben sie doch einmal ein konkretes Beispiel.
Aus dem aktuellen Heft: Welche Bedeutung hat es eigentlich, mit wem ich mich zum Essen an einen Tisch setze? Und welche Konsequenzen? Die Erkenntnisse dazu kommen aus der Geschichtswissenschaft, der Psychologie, der Ernährungswissenschaft. Anderes Beispiel: Allein – ein Wort, ein Zustand, ein Gefühl. Was weiß die Wissenschaft darüber? Es ist spannend, mit dieser Frage loszumarschieren, auch zu einem Quanten-Physiker.
Das klingt aber thematisch nach einem sehr populären Ansatz..
..wenn Sie meinen. Der Ansatz soll gerne für viele Menschen spannend sein. Was Zeit Wissen dann liefert, darf dem Leser aber durchaus etwas zumuten. Wir leben in einer komplexen Welt, das wissen unsere Leser, und sie stellen sich der Tatsache, dass die Antworten auf ihre Fragen auch komplex sind. Es geht uns nicht darum, die Frage zu beantworten: "Warum ist der Himmel blau?" Das tun andere, und sie tun es gut. Außerdem liefert Google die Antworten dazu mit einem Klick. Das sollte bei Zeit Wissen Themen anders sein.
Wie auf der aktuellen Ausgabe das Thema Pessimisten gegen Optimisten?
Ja.

Kommt bei einem solchen – gefühlt weichen – Thema der ehemalige Brigitte-Chefredakteur durch?
Da bin ich weniger der Brigitte-Chefredakteur, als derjenige, der die Zeit Wissen-Heft-Tradition fortführt. Vielleicht ist Ihre Einschätzung auch nur ein Reflex auf unser Cover mit dem Model im Norwegerpulli. Aber ganz konkret ist es ein sehr ernstes und hartes Thema. Die Frage, mit welcher Sicht wir die Welt betrachten, ist heute ein großes Thema. Geht unsere Welt zu Grunde oder geht alles gut aus?
Und, wie geht es aus?
Das können Sie in Zeit Wissen gut verfolgen. In Zukunft wird es eine Rubrik für diese Diskussion geben: Optimist/Pessimist.
Eröffnet dieser neue Ansatz Ihnen auch die Option, stärker auf psychologisierende Storys zu setzen. Die entsprechenden Hefte boomen zur Zeit am Kiosk?
Als Mann, der lange auch Frauenzeitschriften gemacht hat, kann ich sagen, dass diese psychologischen Themen wie "Kraft der Seele", "Burn-out" etc. längst emigriert sind und in den aktuellen Heften wie Spiegel, Focus, stern, neue Heimaten gefunden haben. Offensichtlich gibt es nach wie vor ein großes Interesse an diesen Themen. Vielleicht erwarten sich die Leser von den unterschiedlichen Medien auch unterschiedliche Erkenntnistiefen. Dagegen ist nichts einzuwenden. Inzwischen sind die Themen auch in Wissens-Heften angekommen.
Welche neuen Leser wollen sie vor allem mit diesem neuen Ansatz gewinnen?
Wir bleiben schon noch bei unserer Zielgruppe. Die ist gut und groß genug. Und sehr anspruchsvoll. Das wollen wir nutzen.
Wie muss man sich das vorstellen?
Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Wir hatten früher die Rubrik "Leser fragen Experten". Die Beteiligung war nicht sehr groß. Jetzt haben wir das einfach umgedreht und haben gesagt "Ihr lieben Leser wisst ja so viel. Dann erklärt ihr doch uns einmal etwas, zum Beispiel die Heisenbergsche Unschärfe-Relation." Das ist schon Wissenschafts-Hardcore.
Und?
Der kleine Tsunami an Zuschriften hat uns echt überrascht. Das war beeindruckend. Und es zeigt: Der Anspruch kann also hoch genug sein. Deshalb ist der Weg zur Erkenntnis, der Prozess der Forschung und des Recherchierens oft wertvoller als ein so genanntes Resultat. Ein Artikel darf auch mal mit einer neuen Frage enden. Durch das Internet sind die Leute heute für das Prozesshafte viel offener.
Ist dieser Ansatz eine stärkere Abgrenzung gegenüber der Konkurrenz?
Andere machen das auch. Aber es wird uns ungemein helfen, den speziellen Charakter von Zeit Wissen noch deutlicher werden zu lassen.
Was muss passieren, damit Sie in einem Jahr sagen: Das hat geklappt?
Ich bin zu lange im Geschäft um jetzt nicht zu sagen, dass natürlich die Auflage und das Anzeigengeschäft anständig funktionieren müssen. Ich wünsche mir aber auch, dass es uns gelingt, auch Wissenschaftler für das Heft zu begeistern.
An der Erscheinungsweise von sechs Mal pro Jahr soll sich aber nichts ändern?
Darüber denken wir zur Zeit nicht nach.
Das klingt sehr bescheiden. Wünschen Sie sich dann wenigstens eine größere Redaktion?
Nein. Wenn ich mir etwas wünschen dürfte, ist das mehr Geld für Honorare und Recherche. Aber in unserer kleinen Redaktion gilt der Grundsatz: A good workman never blames his tools.
Das klingt alles ganz entspannt. Eine Frage bleibt aber noch: Nach ihrer aktuellen Titelgeschichte: Sollten Journalisten Pessimisten oder Optimisten sein?
Da gibt es nur eine Antwort: Optimisten. Henri Nannen hat als oberste Pflicht des Journalisten die Aufgabe gesehen, Zuversicht zu verbreiten. Wir leben in sehr spannenden Zeiten der Veränderung. Veränderung ist die Geschäftsgrundlage von Journalismus.

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