Penis-Zensur befeuert Dummy-Verkäufe

Monströse männliche Glieder, obszöne Knast-Tattoos ein nackter Mann: Diese Motive sind der Grund, dass das Gesellschaftsmagazin Dummy nun in teils geschwärzter Form am Kiosk liegt. Dem vorangegangen war eine Empfehlung der "Freiwilligen Selbstkontrolle des Pressevertriebs", die wiederum durch eine Kanzlei vertreten wird, die die Grossisten bei Bedenken kontaktieren. Blattmacher Oliver Gehrs beklagt gegenüber MEEDIA das intransparente Entscheidungsverfahren. Dem Verkauf nützt der Wirbel.

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Eigentlich dreht sich in der neuen Dummy alles um das Thema Schmerz. Um Sportler mit vielen Knochenbrüchen und einen Mann, der sich selbst den Blinddarm herausoperierte. Pornographie? Fehlanzeige. Es nun drei Seiten, die eine kleine Debatte über Pressefreiheit angestoßen haben. Auf der Webseite des Magazins ist nachzulesen, dass die neue Ausgabe indiziert worden sei. “Nicht etwa von der ‘Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften’, sondern von der sogenannten ‘Freiwilligen Selbstkontrolle im Pressevertrieb’, wohinter sich eine Münchener Anwaltskanzlei verbirgt, die den Presse-Grossisten Empfehlungen gibt, was man den Lesern zumuten darf und was nicht”, heißt es weiter.

Werden unkenntlich gemacht: Diese Heftpassagen missfielen den Grossisten

Die Kanzlei stieß sich unter anderem an folgenden Motiven: Ein Foto von einer Performance des Künstlers Bob Flanagan mit enblößtem Glied sowie Tätowierungen von russischen Gefängnisinsassen, die ein ehemaliger Aufseher abgezeichnet hatte und die schon in diversen Galerien zu sehen waren. Darauf sind nackte Frauen mit gespreizten Beinen zu sehen. Das Urteil der Anwälte der Grossisten zwinge die Redaktion nun, die entsprechenden Stellen herauszureißen bzw. unkenntlich zu machen, heißt es weiter.
Doch der Rummel um die angebliche Zensur scheint nur bedingt ein Nachteil für das Gesellschaftsmagazin zu sein. "Die Bestellungen sind so hoch wie noch nie und kommen überall aus Deutschland", erklärt Chefredakteur. "Auch die Abozahlen steigen. Unser Buch muss nachgedruckt werden." Online wirbt Dummy damit, dass man die unzensierte Version bestellen kann. "Wir erleben gerade eine Welle der Solidarität. Wir arbeiten aber auch verstärkt daran, dass die Exemplare wieder an den Kiosk kommen", so Gehrs weiter.

Die Exemplare, die sich bereits im Verkauf befanden, holte Blattmacher Oliver Gehrs zurück – die entsprechenden Stellen wurden unkenntlich gemacht. “Was hier passiert, ist Zensur und kommt einem Betriebsverbot gleich“, lässt er sich am Fließband zitieren, an dem er mit Studenten sein eigenes Heft schwärzt. "Das Verfahren muss anders geregelt werden als bislang", erklärt der Dummy-Chef gegenüber MEEDIA. "Wir haben es hier mit einem Graubereich zu tun, der nicht gut geregelt ist. Da sollte man als Vertrieb weniger vorauseilenden Gehorsam betreiben, als viel mehr alles für den Kunden tun."
Axel Springer, dessen Unternehmenstocher den Vertrieb von Dummy regelt, dementiert bestehende Zensurvorwürfe. Ein Sprecher erklärte gegenüber MEEDIA, dass man im Sinne des Kunden gehandelt habe. Um möglichen Schaden abzuwenden, sei ein Warnschreiben verschickt worden, das drastisch formuliert gewesen sei. Man habe sich dabei jedoch nicht inhaltlich mit dem Blatt befasst, sondern sei lediglich an einer Lösung des Problems interessiert gewesen. "Springer wies die Grossisten darauf hin, dass das Heft auf keinen Fall in den Handel darf und hat damit aus einer Empfehlung eine Art Verordnung gemacht", erklärt Gehrs.
Das zentrale Problem in dem komplexen Sachverhalt ist das intransparente Entscheidungsverfahren innerhalb der Grosso-Systems, ob eine Zeitschrift jugendgefährdend ist oder nicht. Bislang informieren die Grossisten bei Bedenken eine die "DT Control", vertreten durch eine Münchner Kanzlei, die als "Freiwillige Selbstkontrolle im Pressevertrieb" fungiert. Diese wiederum gibt eine Empfehlung an die Grossisten, die wiederum den Vertrieb informieren, der letzten Endes seinen Kunden informiert. Da die Grossisten in der Verbreiterhaftung sind, ist bislang gesetzlich nicht geregelt, wie bindend die Empfehlung einer nicht-öffentlichen Organisation ist. Denn die Bundesprüfstelle kann die Publikation erst prüfen, wenn sie schon am Markt ist. Gegenüber MEEDIA erklärt Gehrs, dass man eigenständig eine Prüfung beantragt hätte. Die Entscheidung darüber kann aber einige Wochen dauern.

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