Sind wir nicht alle ein bisschen APO?

Diese lustigen Provos von der Bild! Da titelt Springers Massenblatt am Dienstag ganz frech “Liebe Große Koalition, wir sind jetzt Eure APO!” Und Ober-Nerd Kai Diekmann lässt via Kommentar ausrichten: “Bild wird der neuen Regierung bei jeder Gelegenheit auf die Finger hauen! Hart. Schmerzvoll. Und ohne Gnade.” Aua. Mit dem partiell geschmacklosen Show-Journalismus übt die Boulevardzeitung mal wieder den Schulterschluss mit der anderen APO, der aus dem Bundestag geflogenen FDP.

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Neben dem Kommentar des Bild-Chefs versammeln sich online in einer Galerie zwölf Bild-Redakteure, die verkünden, wie sie als Bild-“APO” nun gedenken, zum Wohle der Bevölkerung zu kämpfen. Der frühere Regierungssprecher Béla Anda beispielsweise witzelt: “Ich schieße scharf, wenn das Verteidigungsministerium ein Chaos-Haus bleibt!” Sie verstehen: “Scharf schießen” wegen “Verteidigung”. Und Wulff-Jäher Nikolaus Harbusch kündigt an: “„Ich haue dazwischen, wenn sich Politiker weitere Privilegien genehmigen.” Politiker sollten also auf der Hut sein, von wem sie ihre Eigenheime finanzieren lassen und vor allem, wem sie auf die Mailbox quatschen.

Und Bild-Politik-Redakteur Ralf Schuler lässt sich mit dem Satz zitieren: “Ich kämpfe dafür, dass klassische Familien nicht benachteiligt werden!” Moment mal? Wieso “klassische Familien”? Was meint die Bild damit? Genauer wird das nicht ausgeführt und auch Kai Diekmann bleibt bei einer Nachfrage via Twitter eine Erläuterung schuldig. Man muss wohl annehmen, mit “klassischer Familie” sind Vater-Mutter-Kind gemeint und nicht etwa – Shocking! – Vater-Vater-Kind oder Mutter-Mutter-Kind. Immerhin ist die Nicht-Gleichbehandlung von Homosexuellen bei Ehen und Adoptionsrecht so etwas wie die letzte Bastion des Konservativismus innerhalb der Unionsparteien. Bild-Mann Schuler macht sich diese durch und durch regierungs-konforme Haltung offenbar zu eigen – komisch für einen, der gerade verkündet, Mitglied einer ach so kritischen ”APO” zu sein … 

Überhaupt APO: Das Kürzel steht für Außerparlamentarische Opposition und war vor allem während der Studentenunruhen in den 60er Jahren ein feststehender Begriff. Damals war die APO quasi gleichbedeutend mit der linken Studentenbewegung. Eine Galionsfigur der APO war Rudi Dutschke, der 1968 in Berlin angeschossen wurde. Viele aus dem linken Lager machten damals die Bild-Zeitung, die zu jener Zeit ungleich aggressiver und volksverhetzender auftrat als heute, für das Attentat mitverantwortlich. Eskaliert war der Konflikt zwischen Bild und der damaligen APO, als 1967 der Student Benno Ohnesorg von einem Polizisten erschossen wurde. Die Bild heute ist nicht mehr mit der Bild von damals zu vergleichen. Trotzdem ist sich die Bild heute nicht zu schade, ein Info-Häppchen “Was war die APO?” mit dem Foto eines lächelnden Rudi Dutschke zu illustrieren, ohne auch nur ein Wort über das eigene, mehr als schwierige Verhältnis zur APO der 60er Jahre zu verlieren. Das kann man geschmacklos finden.

Die Neuentdeckung der APO als mediales Buzzword ist dabei kein Alleinstellungsmerkmal der Bild. Schon das Handelsblatt hat eine APO-Kolumne ins Leben gerufen und beim Parteitag der aus dem Bundestag geflogenen FDP wurden – hach, was sind wir lustig – schwarz-gelbe APO-Sticker verteilt. Das passt ja nun wieder, dass sich die Bild und ihre Lieblingspartei FDP gemeinsam “APO” auf die Fahnen schreiben. Du bist APO, ich bin APO, sind wir nicht alle ein bisschen APO?

Die neue APO unter sich
Ist das Kritisieren und “auf die Finger hauen” (K.Diekmann) nicht ohnehin Aufgabe der Medien? Um ihre Kontrollfunktion wahrzunehmen, muss sich ein Medium nicht mit überlautem Getöse zur APO stilisieren. Das sollte eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein. Letztlich ist die APO-Behauptung der Bild nichts weiter als Show-Journalismus. Nun dürfen wir gespannt beobachten, wie die APO-FDP und die APO-Bild Seit’ an Seit’ gegen die übermächtige GroKo schreiten. Kai Diekmann gibt in seinem Kommentar den Takt vor: “Wenn es keine bürgerliche Opposition im Bundestag gibt, dann muss sich diese Stimme außerhalb des Parlaments Gehör verschaffen.” Seinem “Freund Guido” und andere Leute aus der FDP muss er nun ja nicht mehr auf die Finger hauen. In der Bild wird die FDP wahrscheinlich auch künftig einen verständigen publizistischen Partner finden. Immerhin sind sie ja jetzt alle APO.

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