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„Wochentitel haben es online schwerer“

Mathias Müller von Blumencron ist einer der profiliertesten Digital-Journalisten des Landes. Sein Name steht für die Erfolgsstory von Spiegel Online. Nach seinem Abgang beim Spiegel wirkt er seit Oktober als Chefredakteur Digital bei der FAZ. Seine Aufgabe ist es, das Web-Angebot FAZ.Net nach vorne bringen und eine neue App- und Mobile-Strategie umzusetzen. Im ersten Teil des großen MEEDIA-Interviews spricht er über die Bedeutung von Reichweite, die Rolle von Print im digitalen Zeitalter und seinen Weggang vom Spiegel.

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Mit welcher Frage könnte ich Sie denn am meisten nerven?

Nur zu! Ich stelle nicht die Fragen, sondern Sie.

Wie wäre es damit: Wie bewerten Sie die Online-Strategie Ihres Nachfolgers beim Spiegel? Die könnte ja auch fast von Ihnen sein …

Ich bin niemand, der nach hinten schaut. Ich bin jetzt bei der FAZ, lassen Sie uns über die FAZ reden.

Machen wir gleich. Aber wenn ich die Gelegenheit habe, hier bei Ihnen zu sitzen, dann kann ich Ihnen die eine oder andere Spiegel-Frage nicht ersparen. Haben Sie denn Ihre Ablösung beim Spiegel als Niederlage empfunden?

Nein. Chefredakteure gehen beim Spiegel selten freiwillig. Das Ende ist dann immer ungemütlich. Als Niederlage habe ich das schon deshalb nicht empfunden, weil ich weiß, was ich diesem Verlag aufgebaut habe und es ist schön zurückzuschauen und zu sehen, dass da eine große, starke Redaktion entstanden ist, ein neues Leitmedium, das im Online- und Digitalbereich Maßstäbe gesetzt hat.

Können Sie den Wirbel, den es nach Ihrem Weggang um die Verpflichtung des Bild-Mannes Nikolaus Blome beim Spiegel gegeben, hat nachvollziehen?

Der Spiegel ist eine politische, selbstbewusste und meinungsstarke Redaktion. Wenn man jemanden von der Bild-Zeitung in die Chefetage des Magazins holt, dann muss man damit rechnen, dass Teile der Redaktion dies als höchstmögliche Zumutung empfinden.

In Ihrer Abschieds-Ansprache bei Spiegel Online sollen Sie gesagt haben, man werde sich als Konkurrenten wiedersehen. Klingt fast wie eine Kampfansage …

Das war keine Kampfansage! Es war mir aber auch klar, dass ich nicht aufhören würde, in diesem Bereich zu arbeiten. Es ist meine Leidenschaft, anspruchsvolle Medien in die neue Zeit zu führen. Ich wusste natürlich nicht, wo ich weitermachen würde, aber dass es nur bei der Konkurrenz sein könnte, war ja nun mal klar.

Ist der Wechsel von Spiegel Online zur FAZ vergleichbar mit dem Wechsel von einer Renn-Yacht auf ein eher mittelgroßes Motor-Boot?

Auf einem Motor-Boot würde ich gar nicht erst anheuern. Der Vergleich zur maritimen Welt passt hier auch nicht. Die FAZ ist Deutschlands klügste Tageszeitung. Es ist für mich eine große Herausforderung, Chance und Aufgabe hier zu arbeiten und dieser Redaktion dabei zu helfen, auch in der digitalen Welt erfolgreich zu sein. Es ist ja keine einfache Situation. Die FAZ ist im Digitalen nicht ganz so vorangekommen wie einzelne Mitbewerber, darum sind wir in der Reichweite nicht auf den vorderen Plätzen zu finden. Aber wir haben eine so unglaublich gute Zeitungsredaktion mit einer großen Leistungsbereitschaft, Leidenschaft und Kompetenz, die täglich mit Unerwartetem überrascht. Diese Diskrepanz zwischen Zeitung und Onlinepräsenz aufzulösen ist die Aufgabe, die mich gereizt hat.

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Ist Reichweite das wichtigste Erfolgskriterium für ein Online-Medium?

Nein, Reichweite ist nie der absolute Erfolgsmaßstab. Aber es muss auch nicht sein, dass die Süddeutsche online mehr als doppelt so viele Leser hat wie die FAZ und selbst die Zeit 25 Prozent mehr hat.

Wieso “selbst”?

Die Zeit ist ein Wochenblatt. Wir haben hier in Deutschland ja eine merkwürdige Situation. Spiegel Online, die führende Onlineseite im Qualitätsbereich, ist die Tochterseite eines Wochenblatts. Tagesaktualität liegt nicht unbedingt in der DNA einer Magazinredaktion. Deshalb sind überall sonst in der uns verwandten westlichen Welt die führenden Onlineseiten Ableger von Fernsehsendern oder Tageszeitungen. Was Le Monde, El Pais oder der Guardian geschafft haben, kann man der FAZ auch zutrauen.

Umgekehrt kann man auch argumentieren, dass eine Tageszeitung und ein aktuelles Online-Angebot sich viel stärker kannibalisieren als ein gedrucktes Wochenmedium und eine tagesaktuelle Onlineseite. Eine Argumentation, die Ihnen womöglich sogar bekannt vorkommt …

Ja, so habe ich lange gedacht. Fast so lange, bis ich hier anfing. Aber eine Tageszeitung und ein aktueller Web-Auftritt sind sehr unterschiedliche Gebilde – und sie bedienen vor allem verschiedene Bedürfnisse. Die gut gemachte Tageszeitung ist etwas Abgeschlossenes, ein kuratiertes Stück Wirklichkeit, ein Produkt mit Anfang und Ende. Sie ist eine Insel der Ruhe und Kompetenz im Strom der Informationen. Und das schätzt der Leser. So etwas wie die Zeitung wird es noch lange geben, wenn auch zunehmend in digitaler Form. Im Web machen wir etwas anderes. Hier steuern wir den Info-Strom auf sinnvolle und kluge Weise, so dass der Leser sich gut informiert fühlt. Aber notwendigerweise ist ein Web-Angebot niemals fertig. Es ist rauer, weniger vollkommen, in rascher Bewegung, zuweilen unübersichtlich. Manche Leser fühlen sich davon überfordert, ihnen ist das Angebot zu wenig perfekt, sie quält die Unendlichkeit. Sie fliehen. Und zwar zur Zeitung. Insofern haben beide Produkte ihre leidenschaftlichen Leser und ihre Daseinsberechtigung.

Das kann aber auch das Magazin oder die Wochenzeitung sein.

Die haben es schwerer. Die Online-Auftritte der Zeitungen werden sich weiter verbessern, da gibt es gar keine Frage. Das Medium ist ideal für den aktuellen Informationsauftrag. Dabei liegen die Kompetenzen, eine gute Tageszeitung und ein gutes Webangebot zu machen, viel näher zusammen als bei Magazinmachern und Onlineredakteuren. Wir sind mit der FAZ spät dran, Tageszeitungen in Deutschland haben sich erst sehr spät im Netz mit größerer Energie engagiert. Aber wir holen auf. Die Konkurrenz wird im Web noch zunehmen. Das hat zur Folge, dass die Tageszeitungen immer hintergründiger werden, und das wird es den Magazinen zusätzlich schwer machen. Es ist schon heute knifflig für den Spiegel oder den Stern oder die Zeit exklusive Geschichten jenseits der Tageszeitungen zu finden. Viel schwieriger als noch vor 15 oder 20 Jahren.

Wollen Sie langfristig in die Reichweitensphären von Spiegel Online vordringen?

Ich denke gar nicht daran, hier prustende Vorhersagen abzugeben. Außer der, dass wir in der Reichweite zulegen werden. Die FAZ als führende Zeitung der Republik sollte dies auch in der digitalen Welt sein und werden. Sie hat alle Chancen dazu. Es gibt in dieser Redaktion eine große Bereitschaft, diese Herausforderung anzunehmen – gerade auch unter den Zeitungsredakteuren.

Aus der Außensicht wirkt die FAZ-Redaktion nicht wie die Speerspitze der digitalen Revolution. Gibt es keine Vorbehalte in der Print-Redaktion?

Ich bin überrascht über die Bereitschaft, sich zusätzlich Online einzubringen. Große Aktionen, wie etwa den Aufruf der Schriftsteller mit Interviews und vielen Stellungnahmen, planen wir schon jetzt gemeinsam, mit einem Programm für Zeitung und Netz. Dies ist eine äußerst kreative und ehrgeizige Redaktion, die vor zehn Jahren mal eben so Deutschlands beste Sonntagszeitung gestartet hat. Die FAS ist eine eigene, innovative Stimme geworden und heute nicht mehr wegzudenken aus der Medienlandschaft. Warum sollte dieser Zeitung etwas Ähnliches nicht auch im Netz gelingen?
Mathias Müller von Blumencron twittert unter @mtblumencron
Lesen Sie im zweiten Teil des großen MEEDIA-Interviews, welche Vision Mathias Müller von Blumencron für die digtalen Angebote der FAZ hat, was er von der Huffington Post und Buzzfeed hält und wie es ihm in Frankfurt gefällt.

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