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„Kein Dogma, dass alles Geld kosten muss“

Im zweiten des des großen MEEDIA-Interviews mit FAZ-Digitalchefredakteur Mathias Müller von Blumencron spricht dieser über seine Vision für das zukünftige FAZ.Net. Der Newsroom wird mit der Print-Redaktion verzahnt, der Dialog mit den Lesern stärker gesucht. Das E-Paper- und App-Angebot wird überarbeitet. Außerdem geht es um seine Haltung zu Paid Content, die journalistische Seele von Angeboten wie Huffington Post oder Buzzfeed und die Attraktativtät seiner neuen Arbeits-Stadt ...

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Es soll bei FAZ.Net mehr Redakteur-vom-Dienst-Stellen geben, mehr Blogs, mehr Multimedia, einen größeren Newsroom. Das ist schön und gut. Aber wie sieht Ihre Vision für das FAZ.Net der Zukunft aus?

Wir werden eine hochaktuelle Website, die gleichzeitig durch ihre Hintergründigkeit und Analysekompetenz glänzt. Der Leser giert nach Orientierung, nach Deutung, und zwar nicht erst am nächsten Morgen, sondern so rasch wie möglich. Nachrichtenseiten gibt es mehr als zwei dutzend in Deutschland. Aber dieses professionell betriebene und umfassende Unternehmen Aufklärung, die treffsichere Erklärung dessen, was relevant ist, ist unsere große Chance. Wir werden also Debatten inszenieren und die Diskussionen fortsetzen, die in der Zeitung begonnen haben. Wir werden den Dialog mit dem Leser pflegen. Aber wir werden dabei ein urjournalistisches Produkt bleiben. Ein Vorteil ist schon mal, dass wir keine Parallel-Redaktion aufbauen müssen, um aktuell zu arbeiten, wie bei einem Wochenblatt. Wir werden eine sehr integrierte Redaktion haben. Mit dem Online-Newsroom werden wir Anfang des Jahres direkt neben den Newsroom des Politik-Ressorts ziehen, um den Austausch dort erheblich zu verbessern. Um integrierter zu arbeiten. Wir brauchen in der Tat noch erfahrene Redakteure, digitale Blattmacher. Sie haben die anspruchsvolle Aufgabe, das digitale Gesicht der FAZ Stunde für Stunde neu zu komponieren.

Fehlt der FAZ nicht die Bewegtbild-Kompetenz im Haus, die Spiegel Online mit Spiegel TV hat und die sich Springer gerade mit N24 zugekauft hat?

Unsere Kern-Kompetenzen sind Berichte, Analysen, Reportagen und Kommentare. Trotzdem pflegen wir bereits jetzt das bewegte Bild. Ein Video-Team begleitet derzeit unseren Korrespondenten in der Ukraine und liefert uns ständig exzellente Stücke: Haben Sie das Interview mit dem Nudelsuppe löffelnden Klitschko an den Barrikaden gesehen? Das wird noch monatelang Begeisterung auslösen. Wir haben zwar keinen TV-Sender, sind aber eine Kooperation mit den Öffentlich-Rechtlichen eingegangen und können auf das Nachrichtenmaterial vor allem des ZDF zugreifen.

Dieses Kooperieren von Verlagen mit Öffentlich-Rechtlichen Sendern habe ich nie verstanden. Das sind ja alles keine Inhalte, die für Ihr Medium stehen. Das sind Parallelverwertungen von TV-Sendern. Ich als Leser oder Nutzer gehe doch nicht auf FAZ.Net, um mir dort Videos vom ZDF anzuschauen.

Natürlich wäre etwas Eigenes das Optimum. Aber Video ist teuer und lässt sich im Netz nur schwer refinanzieren. Da muss ich eine Abwägung treffen und die heißt: Video ist wichtig, aber nicht unsere Kern-Kompetenz. Das müssen wir nicht unbedingt selbst machen.

Sie gelten als Verfechter von einem freiem Zugang zu Nachrichten-Websites. Nächstes Jahr sollen auch bei FAZ.Net Bezahl-Inhalte eingeführt werden. Haben Sie Ihre Meinung geändert?

Ich habe das nie ideologisch gesehen. Beim Spiegel waren wir die Allerersten, die eine digitale Ausgabe kostenpflichtig für Tablets auf den Markt gebracht haben. Diese digitalen Ausgaben sind bis heute die lukrativste Form des Paid Content. Schon 2003 haben wir beim Spiegel mit der Bezahlung von Texten und Micro-Payment experimentiert. Ohne Erfolg übrigens. Der Weg von Spiegel Online war dann also ein anderer. Die Reichweite hat stark zugenommen. Einmal weil das ein gutes Produkt war und zum anderen hat sich die Konkurrenz unerklärlicherweise zurückgehalten und diesem Verlag in Hamburg dieses Geschenk gemacht, das heute Spiegel Online heißt.

Sind Sie jetzt für oder gegen Paid Content?

Über die durch die Reichweite gewonnenen Werbeerlöse konnten wir Spiegel Online rasch und entschlossen ausbauen. Seit acht Jahren ist das Angebot profitabel. Eine solche Seite plötzlich zu bepreisen, wäre eine höchst riskante Entscheidung.

Die FAZ verkauft auch ihr E-Paper …

Das ist das erfolgreichste Bezahlangebot, das wir zur Zeit haben. Wir werden das weiter ausbauen. Und wie es danach weitergeht, besprechen wir gerade in diesen Wochen.

Aber es gibt ja in der Verlagswelt den Drang, auch das bislang gratis zur Verfügung gestellte Basis-Angebot der Website zu bepreisen. Einerseits, um zusätzliche Erlöse zu schaffen, andererseits, um die Print-Produkte oder kostenpflichtigen Digital-Ausgaben nicht zu kannibalisieren. Diese Diskussion kennen Sie sicher noch vom Spiegel. Die wird es bei der FAZ vermutlich auch geben.

Man sollte schon genau wissen, warum man das eigene Angebot bepreisen will. Will man ein politisches Zeichen setzen und sagen: Was wir hier tun, darf nicht umsonst sein? Das kann man machen, wenn man sehr viel Geld hat. Wir müssen uns aber anschauen, was sinnvoll ist. Sinnvoll für diesen Verlag, sinnvoll für Redaktion und Leser ist ein Vorgehen, das dazu beiträgt, diese hochwertige Redaktion auf Dauer zu finanzieren. Wie wir das tun, wird eine Mischung sein aus bezahlten Inhalten, freien Inhalten, Zeitungs-Ausgaben in digitaler Form, einer Webseite, Mobilseiten, die den freien Strom der Nachrichten offerieren, und Mobilseiten, die eher ein abgeschlossenes Angebot anbieten. Zwischen diesen vielen Polen werden wir ein Angebot definieren. Es wird kein Dogma geben, das alles, was aus diesem Haus kommt, schon allein deshalb Geld kosten muss.

Ich habe hier ein schönes Zitat: “Die Basislektion lautet: Gratismahlzeiten gibt es nicht. Wer für guten Journalismus nicht gutes Geld ausgeben will, liefert sich dem Kommerz und den Suchmaschinen aus.” Könnten Sie das unterschreiben?

Das ist ein schöner Satz, der die eine oder andere Wahrheit enthält.

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FAZ-Herausgeber Werner D’Inka hat das anlässlich der Pleite der Frankfurter Rundschau geschrieben. Haben Sie das Gefühl, Sie können auf die volle Rückendeckung der FAZ-Herausgeber zählen, wenn es um eine differenzierte Pay-Strategie geht?

Sehr stark. Was die Zeitung angeht, kann ich den Satz von Herrn D’Inka in der Tat unterschreiben. Die Zeitung komplett frei zu offerieren, würde ein gut funktionierendes und sehr ertragreiches Geschäftsmodell zerstören. Wir müssen eine kluge Kombination finden zwischen dem dynamischen, eher reichweitenorientierten und durch Werbung finanzierten Webauftritt und dem bezahlpflichtigen Zeitungsbereich, der als Produkt wahrgenommen wird. Derzeit ist es sehr schwierig, für eine dynamische Webseite mit einem hohen Anteil an schnell wechselnden Inhalten einen hohen Preis zu verlangen. Wir haben im Netz eine ganz andere Konkurrenzsituation. Alleine in Deutschland haben wir bestimmt 25 Plattformen, die aktuellen Journalismus anbieten. Die Bereitschaft, für ein abgeschlossenes Produkt zu zahlen, ist da viel höher.

Manche meinen, die Zukunft des Digital-Journalismus sieht aus wie Buzzfeed …

Es gibt ganz viele “Manche”, die immer Irgendwas meinen. Die einen meinen, die Zukunft des Journalismus sehe aus wie Buzzfeed, die anderen wie YouTube oder wie Facebook. Jeder hat so ein Stückchen Recht. Ich bin sehr vorsichtig, solche Aussagen zu verallgemeinern. Immer wenn das in der Vergangenheit getan wurde, hat das zu furchtbaren Fehl-Investitionen auf Seiten der Verlage geführt. Es gibt einen großen Markt für ein Produkt wie Buzzfeed. Es gibt auch viele amerikanische Leser, die die Huffington Post zu ihrem Hauptmedium erkoren haben. Auf der anderen Seite gibt es glücklicherweise auch Millionen, die sich bei der New York Times, dem Guardian, Politico oder der Washington Post informieren. Das tun sie, weil sie Glaubwürdigkeit und Qualität von Informationen schätzen. Das sind die Ur-Qualitäten, die eine gute Zeitungsredaktion ausmachen. Und die wird es immer geben.

Sind die Huffington Post und Buzzfeed für Sie ein und dieselbe Kategorie?

Sagen wir so: Es sind beides schnell und eher kostenoptimiert gemachte Publikationen, bei denen es schwer fällt, die journalistische Seele zu entdecken.

Bei Buzzfeed arbeiten mittlerweile auch renommierte Journalisten.

Es ist sicher möglich, mit einer sehr soften Form der Information über Reichweite Werbeerlöse zu generieren, mit denen man dann auch ernsthaften Journalismus betreiben kann. Jeder muss für sich entscheiden, ob das für die Marke adäquat ist oder nicht. Für die FAZ ist es sicher nicht adäquat, mit flüchtig dahingeworfenen Info-Schnipseln Reichweite zu erzielen.

Werden die FAZ-Blogger bezahlt?

Ja.

Gut?

Sie werden bezahlt.

Sollte jeder deutsche Digitalchefredakteur twittern?

Solche Fragen bringen mich immer wieder zum Schmunzeln. Zunächst ist doch wohl entscheidend, was jemand zu sagen hat. Und dann kommt die Frage nach dem wo und wie. Das muss dann jeder für sich entscheiden. Ich war lange Zeit ein passiver Nutzer von Twitter und habe das als interessanten Informations-Kanal gesehen. Seit ich bei der FAZ bin, habe ich mich entschlossen, selbst aktiver zu werden. Ich halte aber überhaupt nichts von Ansagen wie “Jeder muss!” oder “Lasst die Finger davon!”

Was hat Frankfurt, was Hamburg nicht hat?

Sagen wir mal so: Es ist nicht ganz einfach, den Charme dieser Stadt auf den ersten Blick zu entdecken …
Mathias Müller von Blumencron twittert unter @mtblumencron
Im ersten Teil des Interviews lesen sie u.a. was Mathias Müller von Blumencron über seinen unfreiwilligen Abgang als Spiegel-Chefredakteur sagt.

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