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Psychologies: die graue Magazin-Maus

Zuwachs im Segment der Frauenzeitschriften: Der Münchener Madame Verlag sicherte sich die Lizenz des französischen Magazins Psychologies und launchte jetzt die deutsche Erstausgabe. Wie schon viele vor ihm verspricht auch Herausgeber Robert Sandmann: "Es gibt kein vergleichbares Magazin auf dem deutschen Markt." Für das Segment, in dem ein Heft allzu oft dem anderen gleicht, wäre dies mehr als wünschenswert. MEEDIA hat sich Psychologies genauer angesehen.

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Mit einer verkauften Auflage von 350.000 Exemplaren und einer Reichweite von mehr als 2,5 Millionen Lesern gelang es dem Medienunternehmen "Groupe Psychologies", das bereits 1970 gegründete Magazin auf dem französischen Markt zu etablieren. Die deutsche Lizenzausgabe startet mit zunächst 150.000 Exemplaren. 
Ein Blick auf die Coverthemen lässt erahnen, in welche Richtung das Magazin will. "Bin ich schön?" haben Brigitte, freundin & Co. mindestens schon genauso oft gefragt, wie Frauen in Psychotests herausfinden konnten welcher Beziehungstyp sie sind. Und zu guter Letzt hat auch Psychologies begriffen: Sex sells. Deshalb darf das Dossier "Liebe Leben" auch besonders prominent auf dem Cover beworben werden. Thematisch also nichts Neues.

Viel Text, wenig Bilder. Die Motivation den Artikel zu lesen sinkt entsprechend.
Tatsächlich lassen sich aber auch einige Unterschiede erkennen. Während Frauenmagazine üblicherweise auf Hochglanz setzen, wird bei Psychologies mit ökologisch wertvollem, nachhaltigem Papier gearbeitet. Auf die sonst typischen bunten, plakativen Seiten und Bilder wird verzichtet, das Layout wirkt schlicht und aufgeräumt. Der Textanteil überwiegt deutlich und die Bebilderung – falls es überhaupt eine gibt – fällt eher sparsam aus. Psychologies bietet den Frauen folglich ein Magazin zum Lesen, nicht zum Blättern.
Und lesen kann Frau mehr als genug: In den Ressorts "Mitreden", "Nachdenken" sowie "Körper und Geist" beantwortet Psychologies seinen Lesern, ob sie sich bei dem alljährlichen Betriebsfest blicken lassen sollten (Ja, sollten Sie) und ob Ihr Kind mit fünfzehn Shisha rauchen sollte. (Nein, sollte es nicht.) Schon der Einstieg in das Heft besteht aus einer großen Frage-Antwort-Runde, der Beziehungs, Karriere- und Beautytipps folgen. Die Cover-Story rund um ein Interview mit der französischen Schauspielerin Audrey Tautou ("Die fabelhafte Welt der Amelie") sowie einige Geschichten französischer Autoren machen überdeutlich, wo das Magazin seine Wurzeln hat.
Macht Psychologies also irgendetwas besser als seine Mitstreiter? Ja! Psychologies verliert seine anvisierte Zielgruppe der 30-60-Jährigen nicht aus den Augen, ist authentisch und zeigt keine Scham, auch mal über die Sexualität im Alter zu sprechen oder ein älteres Ehepaar nackt abzulichten. Auf professionelle Models, Produktplatzierungen oder schicke Fotostrecken wird weitestgehend verzichtet. Während Brigitte, für Sie usw. also meist nur junge, makelose Models präsentieren, schafft es Psychologies die Frauen anzusprechen, die vielleicht keine steile Karriere hingelegt haben, sich nicht teure Designerfummel leisten oder quer durch die Welt jetten. Psychologies bleibt auf dem Boden der Tatsachen.

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Mit Karriere-, Beauty- und Diättipps setzt Psychologies auf altbewährte Themen.
Dennoch könnte das Blatt Schwierigkeiten haben, Abnehmer zu finden – und das nicht nur, weil es durch die unscheinbaren Farben als graue Maus im Zeitschriftenregal leicht übersehen werden könnte. Auch wenn Psychologies stellenweise sehr mutig ist, ist es eben doch noch nicht mutig genug. Zwar sind die Artikel gut recherchiert und spannend aufbereitet, doch sie behandeln die branchenüblichen Evergreens wie Liebe, Beauty, Diät und Karriere.
Eine Frau, die Psychologies nicht kennt und sich nur an den Coverthemen orientiert, wird das Heft vermutlich wieder in das Kioskregal zurücklegen. Bei Vergleichen mit Zeitschriften wie Happinez zieht Psychologies den Kürzeren. Denn Happinez hat es mit seinem eigenwilligen Mix aus Esoterik und Wohlfühlwelten geschafft, eine Marktlücke zu finden. Psychologies wird es da schwerer haben, denn das Konzept scheint nicht innovativ genug, und ein starkes Alleinstellungsmerkmal fehlt. 
Fazit: Für den Preis von 4 Euro bekommt die Leserin viel Text geboten. Das ist zur Abwechslung mal was Anderes. Doch die Motivation, so viele – meist unbebilderte – Texte zu lesen, wird bei den meisten Leserinnen nicht sonderlich hoch sein. Engagierter Journalismus ist schön und gut, aber dann muss ein Heft auch mit mehr um die Ecke kommen als "Können Sie sich gut verkaufen?" oder "Selbstvertrauen macht das Leben kinderleichter." Offensichtlich schenkt Chefredakteurin Jenny Levié den Themen selbst nicht allzu viel Vertrauen und überlädt das Cover deshalb mit Bewährtem. All das ist am Ende wohl zu wenig, um sich auf dem engbesetzten Markt der Frauenzeitschriften eine feste Position erobern zu können. Psychologies löst keinen "Kauf mich!"-Impuls aus. Schade um die vielen guten Texte.

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