Guardian: Mit dem Algorithmus zur Zeitung

Nicht die Redaktion oder Leser sollen über die Auswahl an Geschichten entscheiden, sondern ein Algorithmus: Im Café des Guardian in London liegt derzeit ein neues 24-seitiges Tabloid aus: “The Long Good Read”. Die Idee hinter dem Weekly, das montags erscheint: Per Algorithmus sucht ein System die Online-Artikel heraus, die sich besonders für eine ausgiebige Lektüre eignen. Dafür arbeitet das englische Traditionsblatt mit The Newspaper Club zusammen. Übernehmen jetzt die Roboter das Blattmachen?

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Nicht, wenn es nach dem Willen von Jemima Kiss, Head of Technology beim Guardian, geht. "Es ist einfach eine neue Art, Inhalte auf eine phantasievollere Weise aufzubereiten und sich nicht zu sehr mit dem Fakt aufzuhalten, dass es sich um eine Zeitung handelt”, verrät sie dem NiemanLab. Zudem sei es ein Versuch, Geschichten, die bereits veröffentlicht wurden, neues Leben einzuhauchen. Das Blatt liegt dabei jeden Montag in einem Coffeeshop in East London gratis aus.

    Tabloid liegt im Coffeeshop des Guardian kostenlos aus

Entwickelt wurde die Publikation in Zusammenarbeit mit dem Newspaper Club, der die Erstellung von eigenen Zeitungen ermöglicht. Die ursprüngliche Idee für “The Long Good Read” stammt vom Entwickler Dan Catt, der die besten Longform-Artikel aus dem Online-Angebot in einem gesonderten RSS-Feed zugänglich machen wollte. Dabei legte der Entwickler Wert darauf, Multimedia-Stücke, Videos und Blogeinträge auszublenden und sich auf Stücke ab einer gewissen Länge zu konzentrieren.
In der Praxis suchen diverse Algorithmen einen bestimmten Satz von Beiträgen aus, aus dem sich der verantwortliche Redakteur dann bedienen kann. Anschließend kommt das Tool ARTHR des Newspaper Clubs zum Einsatz, mit dem sich automatisiert Texte zu Zeitungsseiten zusammenstellen lassen. Anschließend geht das Tabloid freitags in Druck und liegt am Montag kostenlos aus.Ob “The Long Good Read” nun die perfekte Symbiose aus Print und Web ist, bleibt fraglich. Auch beim Guardian scheint man sich noch nicht sicher darüber, ob das Projekt den Experimentierstatus jemals verlassen wird.
Bislang liegt das Gratis-Tabloid gratis im Coffeeshop des Verlages aus. Die längeren Lesestücke eignen sich perfekt für die Lektüre bei Kaffee und Kuchen. Der Guardian will seinen Lesern damit möglichst viele Chancen geben, die eigenen Inhalte zu konsumieren – neben der gedrucken Tageszeitung, digitalen Ausgaben und der Webseite. "Nicht das Medium hat Problem, sondern das bisherige Geschäftsmodell", erklärt Kiss. Deswegen experimentiere man zusammen mit dem Newspaper Club, inwiefern "The Long Good Read" einen Einfluss auf die Lesegewohnheiten der Menschen haben kann.

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