„Die Infografik erlebt eine Renaissance“

Infografiken erleben gerade eine "Art Renaissance", sagt Jan Schwochow. Der ehemalige stern-Ressortleiter Infografik und seine Kollegen seien "visuelle Geschichtenerzähler", deren Arbeiten immer relevanter werde. In der schnellen Kommunikation des 21. Jahrhunderts könnten sie bereits lange Texte ersetzen, sagt Schwochow. Im kommenden Jahr vergibt der Grafiker gemeinsam mit dem DIW zum ersten Mal den Deutschen Infografik Preis. Im MEEDIA-Interview erklärt er, weshalb Infografiken für Medien immer wichtiger werden.

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Infografiken sind mehr als bloße Säulen- oder Tortendiagrammen. Welche Aufgaben haben Infografiken?
Infografiker sind vor allem auch visuelle Geschichtenerzähler. Sie müssen oft komplexe Sachverhalte so aufbereiten, dass bestimmte Zielgruppen diese verstehen. Das erfordert analytisches Denken und die Bereitschaft, sich mit Sachverhalten sehr intensiv auseinanderzusetzen. Denn erst wenn ich selber die Dinge verstehe, kann ich Sie jemandem anderem weitererzählen. Infografiken haben im Prinzip die Aufgabe, eine Frage zu beantworten, zum Beispiel: Wie funktioniert eine Dampfmaschine oder warum ist das Flugzeug abgestürzt? Oft kann aber auch die Kombination von unterschiedlichen Datensätzen zu neuen Erkenntnissen führen. Hier wird meiner Meinung nach noch viel zu wenig gemacht. Es werden beispielsweise einfach nur die neuen Arbeitslosenzahlen veröffentlicht und nicht erklärt, warum diese gestiegen oder gesunken sind.

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Infografiken sind ein beliebtes Stilmittel im Journalismus. Welche Rolle spielen sie genau für die Medien?
Eigentlich haben Infografiken schon immer eine wichtige Rolle gespielt, auch im Journalismus. Die Informationsgrafik erlebt derzeit eher eine Art Renaissance, würde ich sagen. Das liegt vor allem am Internet und der damit verbunden Möglichkeit, an viele Informationen ranzukommen. Gleichzeit ist unsere Kommunikation so schnell und komplex geworden, dass Bilder oder Grafiken hier lange Texte durchaus ersetzen können. Oder die Infografik wird dann eingesetzt, wo Text und Bilder nicht weiterkommen. Eine Zeitleiste oder Karte kann als dominierendes Gestaltungselement eine komplexe Geschichte durchaus besser transportieren als ein linearer Text. Das erfordert allerdings auch manchmal die Bereitschaft des Lesers oder Users, sich die Inhalte selber zu erarbeiten. Es ist auffällig, dass diese Bereitschaft zunimmt. Beim Magazin stern, für das ich ja lange Zeit gearbeitet habe, gab es den Illustrator Günter Radtke, der mit Henri Nannen zusammen den stern gegründet hat. Er hat leider nie die Ehre bekommen, die ihm eigentlich gebührt. So hat er den stern mit vielen Zeichnungen und Infografiken bereichert, etwa mit einer Infografik zu den RAF-Selbstmorden in Stammheim.

Wieso die Titanic unterging, lässt sich auch allein mit Bildern erklären
Werden denn besonders im Online-Journalismus Infografiken wichtiger?
Sie sind einfach nicht mehr wegzudenken. Visual Storytelling wird meiner Meinung nach sehr wichtig für den Online-Journalismus. Projekte wie "Snowfall" von der New York Times zeigen, wie Inhalte künftig aufbereitet sein könnten. Erklärstücke, Animationsfilme, Klickstrecken und Infografiken werden gegenüber Textpassagen an Überhand gewinnen. Der User will schnell und gut informiert sein, mit allen Mitteln, die möglich und nötig sind, mit Video, Audio, Grafik und ein bisschen Text, wenn es sein muss.
Projekte wie Snowfall zeigen, dass Online-Journalismus dabei ist sich selbst zu definieren und weiterzuentwickeln, besonders im Bereich Storytelling. Wie viel Entwicklungs-Potential steckt noch in Infografiken?
Da lässt sich sicher noch eine Menge machen. Erst jetzt sind die technischen Voraussetzungen ja so, dass man auch einfach Dinge machen kann, die wesentlich datenintensiver sind. Klar ist aber auch, dass diese Art von Kommunikation auch aufwendiger und somit teurer ist. Da müssen auf alle Fälle ebenso neue Erlösquellen und Bezahlmodelle gefunden werden, um wirklich guten Online-Journalismus zu machen. Aber auch hier gibt es neue Impulse, etwa durch Sponsoring oder Spenden.
Weshalb sind Infografiken in ihrer Produktion denn so teuer?
Erst einmal gibt es nur wenig gute Infografiker, da dieser Job einfach so komplex ist und bislang nicht wirklich ausgebildet wurde. Es braucht seine Zeit, all diese Dinge zu lernen, um einigermaßen routiniert und professionell zu arbeiten – bei mir hat es sechs Jahre gedauert. Gut die Hälfte der Arbeitszeit an einer Infografik hat mit Recherche zu tun, das wird sehr unterschätzt. Oft muss ich erst ein ganzes Buch lesen, um mich mit einem Sachverhalt vertraut zu machen und das hat alles noch nichts mit Grafik oder Design zu tun. Ich muss Quellen abgleichen, Daten sortieren und neu einordnen, sie kombinieren und vieles mehr. Dann geht es darum, eine Idee zu entwickeln, einen richtigen Zugang zu den Daten und ein entsprechendes grafisches Stilmittel zu finden. All das erfordert auch den Umgang mit der unterschiedlichsten Software, was die Sache noch erschwert, etwa bei Kartographie oder 3D-Grafiken.

Zum 60. Geburtstag der BRD erstellte Schwochow eine Infografik über die sechs wichtigsten demografischen Entwicklungen seit 1949
Gibt es keine günstigeren Wege?
Nun, die gibt es natürlich, aber ob diese am Ende auch gut sind, ist eine andere Frage. Es gibt Standardsoftware und auch Webapplikationen, die einem die gestalterische Arbeit abnehmen, etwa beim Erstellen von Balken- oder Tortengrafiken. Auch komplexe Datenvisualisierungen lassen sich bereits mit ganz einfachen Arbeitsschritten und ohne Programmierkenntnisse erstellen. Das reicht sicherlich für einfache Botschaften. Was aber unseren Job so spannend macht ist, dass jeder neue Job immer wieder neue Herausforderungen und eben auch andere Lösungen mit sich bringt. Da gibt es selten einfache Wege.
Sind Open-Source-Grafik-Tools eine Option? Gibt es positive Beispiele?
Wenn Sie einen Hammer und eine Säge kaufen, können Sie noch lange keine Hütte bauen. Es gehört einfach mehr dazu, um ein Haus zu bauen. Das Handwerk kann jeder erlernen, das ist ein Frage der Zeit und Geduld. Aber sie sind eben noch lange kein Architekt. Es gibt vor allem immer mehr Open Data, und dazu eine ganze Reihe tolle Tools, Daten zu visualisieren. Am Ende stellt sich aber in jeder Redaktion die Frage, was für eine Geschichte erzählt werden soll und was eventuell das passende Tool dafür ist. Sehr oft muss dieses Tool dann erst erfunden und programmiert werden. Dann wird es richtig gut! Die New York Times schafft es immer wieder, mit neuen Grafiken und Techniken aufzutrumpfen. Da hinken wir in Deutschland weit hinterher.
Gibt es auch Gefahren, die Open-Source mit sich bringt?
Ich sehe da keine Gefahren. Im Gegenteil: Durch den Austausch von Source- und Quellcode kommt es zu viel mehr Interaktionen zwischen den Akteuren und neuen Ergebnissen. Das beflügelt und inspiriert uns eher als das es Angst macht. Man sollte immer wachsam und auf dem neusten Stand der Technik sein. Bei der derzeitigen Entwicklungsgeschwindigkeit ist das nicht immer einfach, aber das macht diesen Beruf ja auch so spannend. Wir lernen bei jedem Projekt wieder hinzu. Das wird auch nie aufhören.
In diesem Jahr konnten sich zum ersten Mal Infografiker um einen Deutschen Infografik Preis bewerben, den Sie gemeinsam mit dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) und weiteren Experten im kommenden Jahr ausloben werden. Wie kam es zu dieser Idee?
Das DIW kam bereits vor einigen Jahren auf mich zu, was mich sehr gefreut hat. Sie haben bei mir quasi offene Türen eingerannt, denn eine ernstzunehmende Auszeichnung für Infografiken gab es bis dahin noch nicht in Deutschland. Wir haben dann überlegt, was so einen Preis attraktiv machen könnte. Unter vielen Gesichtspunkten war mir eine kostenlose Teilnahme sehr wichtig, da viele Preise heutzutage eigentlich nur eine schlaue Geschäftsidee darstellen. Zudem sollen bei uns die Autoren der Infografiken im Mittelpunkt stehen und nicht das entsprechende Medium, in dem die Arbeit veröffentlicht wurde. In diesem Zusammenhang war es dann auch naheliegend, einen Preis an unabhängige Infografik-Produzenten zu vergeben, da heutzutage sehr viele Arbeiten aus eigenem Antrieb und zunächst auch ohne wirtschaftliche Beweggründe entstehen. Und auf eine Sache bin ich besonders stolz: einen Preis nur für die Recherche. Viele Menschen sehen die eigentliche Arbeit hinter diesen komplexen Werken nicht.
Sie sind gerade dabei die Gewinner 2013 zu ermitteln. Steht schon fest, ob Sie den Preis auch in den kommenden Jahren vergeben werden?
Die vielen Einreichungen haben uns sehr erfreut und zeigen, dass wir mit diesem Preis den richtigen Weg eingeschlagen haben. Infografiken sind derzeit einfach sehr angesagt und werden es auch in Zukunft sein. Wir haben eine hochkarätige Jury und ebenso tolle Sponsoren, so dass wir der Zukunft freudig entgegenblicken. Wir wünschen uns für das nächste Jahr auf alle Fälle mehr Einreichungen aus dem Bereich der Unternehmen. Da ist definitiv noch Luft nach oben. Wir glauben aber, dass das an der Unbekanntheit des Deutschen Infografik Preises liegt. Die studentischen Arbeiten und die Infografiken aus der deutschsprachigen Medienlandschaft hingegen können sich bereits jetzt sehen und international messen lassen. Hier hatten wir qualitativ und quantitativ sehr viele Einreichungen, was uns die Juryarbeit nicht gerade einfach gemacht hat. Die mit dem Preis verbundenen Geld- und Sachpreise und die wenigen Kategorien werden den Preis in Zukunft zu einer begehrten Trophäe machen, da bin ich mir sehr sicher.

Jan Schwochow ist Vorsitzender der Jury für den Deutschen Infografik Preis und Chefredakteur sowie Herausgeber des Fachmagazins IN GRAPHICS.  

Die Preisträger des Preises 2013 werden in Kürze bekanntgegeben. Die Preisverleihung findet im ersten Quartal des kommenden Jahres in Berlin statt.

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