Tropico: Lana Del Reys 27-Minuten-Amerika

Als Lana Del Rey vor zwei Jahren mit „Video Games“ debütierte, wurde ihre Retro-Kult-Pose als angenehmer Gegenentwurf zu den Rihannas und Lady Gagas empfunden – Lana wurde schnell zum Web-Liebling. 2013 jedoch liefern sich Miley Cyrus und Justin Bieber den Kampf um Social Buzz. Die 27-Jährige versucht nun mit einem opulenten 27-Minuten Web-Video zu punkten, verliert sich dabei jedoch in belanglos-bizarren Referenzen an US-Ikonen wie Marilyn Monroe, Elvis Presley und John Wayne.

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Unter den größten US-Ikonen macht es Lana Del Rey nicht. In „National Anthem“ spielt sie eine moderne Jackie O, die zusehen muss, wie eine afro-amerikanische Inkarnation von John F. Kennedy erschossen wird. Ein Jahr ist der opulente Clip alt.

2013 wird die Latte im Kurzfilm-Video "Tropico", das gestern auf Vevo debütierte, noch mal höher gelegt: Nun trifft Lana im Garten Eden auf Marilyn Monroe, Elvis Presley und John Wayne und stellt mit einem seltsam androgynen Jüngling (gespielt von Shaun Ross) den Sündenfall nach.

Das Genre des Longform-Videos gilt seit Michael Jacksons „Thriller“ als Kunstform. Kanye West hat sich vor drei Jahren in seinem abgedrehten 34-Minuten-Epos  „Runaway“ verewigt – nun versucht sich Lana del Rey mit einer noch skurrileren 27-Minuten-Inszenierung.

Der Grat zwischen Himmel und  Hölle ist im modernen Amerika schmal

Es geht, natürlich, wieder einmal um Amerika – oder was Lana Del Rey darunter versteht: Eine visuell bombastisch verklebte Popart-Collage der größten US-Ikonen der 50er und 60er – Elvis Presley, Marilyn Monroe und sogar Revolverheld John Wayne.

Das ist natürlich großer Kitsch – doch er kommt mit einer Botschaft daher: Im modernen Amerika ist der Grat zwischen Himmel und Hölle schmal. Der Garten Eden verwandelt sich in den Garten des Bösen, was als Wortspiel im Englischen mehr Sinn macht (Garden of Eden / Garden of Evil).  

Zwischen Bonnie & Clyde und B-Movie

Nach dem Sündenfall folgt nun der Abstieg in die moderne Unterwelt Amerikas: Lana ist Stripperin, ihr Freund ein Krimineller. Lana Del Rey, die im wirklichen Leben Lizzy Grant heißt, setzt damit die Entwicklung der Kunstfigur, die sie geschaffen hat, konsequent fort.  Sie ist die verführerische Kokotte, die immer den falschen Männern verfällt; widerlichen Rockern oder schmierigen Charakteren, die  sie wie im 12-Minuten-Epos „Ride“ schon mal hinter den Flippertresen nehmen.  

„Tropico“ ist die veritable Fortsetzung und der vorläufige Schlusspunkt der US-Popkultur-Inszenierungen der vergangenen zwei Jahre – diesmal als Bonnie & Clyde-Hommage. Dabei schont sich Lana Del Rey nicht: Die langatmigen Strip-Sequenzen spielen mit pornografischen Sujets, die Überfall-Szene mit B-Movie-Anleihen.  

Und doch sind es wieder einmal die kleinen Momente von „Tropico“ – die narrativen Voiceover-Passagen, in denen Worte belanglos aneinandergereiht werden, die hängen bleiben: "Weiblichkeit, und alles, was eine Frau ausmacht, auch der Mann kommt aus der Frau. Die Frauen, die Titten, die Nippel, die Milch ihrer Brüste, Tränen, Lachen, Weinen, Liebesblicke, Liebe, Aufstieg. Die Stimme, die Artikulation."

Popart-Ikone im Social Media-Zeitalter

Es ist ein wirres Potpourri mit dem kein Texter–Praktikant in irgendeiner Agentur durchkommen würde, doch es klingt aus dem Mund von Lana del Rey zu den lasziven Strip-Superzeitlupen am Ende wie Kunst.

Womit Elizabeth Grant, die in Wirklichkeit natürlich nicht aus dem Trailer Park, sondern als Tochter gut betuchter Eltern aus dem Wintersportort Lake Placid kommt, mal wieder ihre Mission erreicht hat: Sich als Popart-Ikone nach dem Vorbild von Andy Warhol oder Roy Liechtenstein zu inszenieren – im Social Media-Zeitalter.

Dort schlägt „Tropico“ dann auch eine hohe Welle. Über 3500 Mal wurde der  27-Minuten-Clip auf Lana Del Reys Facebook-Seite kommentiert. „Wahrscheinlich das seltsamste, was ich je gesehen habe“, findet ein Nutzer, während sich andere Fans immer wieder über den gewöhnungsbedürftigen männlichen Hauptdarsteller Shaun Ross echauffieren. Also alles richtig gemacht: Die 15 „Minutes of Fame“  haben hier Überlänge.

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