Anzeige

Bunte Spiegel-Stories und gedrucktes Internet

Das Wettrennen um die Erinnerungsmeisterschaft im deutschen Journalismus beschäftigt Handelsblatt-Chefredakteur Hans-Jürgen Jakobs in seiner aktuellen MEEDIA-Kolumne. Und ganz nebenbei geht er im Rennen um den ersten Medien-Rückblick des Jahres 2013 als Erster durchs Ziel. Er befasst sich noch einmal mit den vielen bunten Spiegel-Geschichten in eigener Sache, die das Jahr hervorbrachte, und mit der Antwort, die Springer-CEO Döpfner auf die Überlebensfrage der Branche fand.

Anzeige

In einer Disziplin hat es der deutsche Journalismus unzweifelhaft zur Meisterschaft gebracht: im Erinnern. Kein Todestag, kein Geburtsjahr großer Geister oder großer Ereignisse bleibt unbemerkt, ja es gibt sogar ein Wettrennen um die Erstveröffentlichung rund um Jubiläen. Das Jahr 2013 gibt davon Zeugnis wie kein Jahr zuvor.

Der Berlinbesuch und die Ermordung von John F. Kennedy? Schon früh in der Saison ein großes Thema. Der 100. Geburtstag Willy Brandts? Wochen vor dem Ereignis kamen die ersten Sonderhefte. Man war ja noch im großen SPD-Gedenkmodus, die Festspiele zum 150-jährigen Bestehen der Partei wirkten nach. Und selbstverständlich wurde 1914, der große Krieg, schon 1913 gebührend abgefeiert. Der deutsche Gedenkjournalismus ist so rasant geworden, dass im November, wie bei der Süddeutschen Zeitung, die ersten Jahreshefte komplettiert werden. Der Dezember scheint nicht mehr zu den zwölf Monaten zu gehören.

Wenn wir gerade dabei sind, am 6. Dezember: Was war das markanteste Ereignis in der deutschen Medienwelt? Was hat diese Branche am meisten bewegt?

Kaum ein Weg führt an jener Institution vorbei, die einst als Presseburg galt und nun, genretypisch, den Kampf zwischen Print und Online, Analog und Digital, Alt und Neu in sich und mit sich auszufechten scheint: am Spiegel in Hamburg. Er hat das Glück, oder das Pech, zweimal Marktführer zu sein, bei wöchentlich erscheinenden Magazinen und bei Informationsseiten-Websites. Das ist offenbar zu viel des Guten für den Zustand der Harmonie.

Und so fabrizierte der Spiegel, der von den Geschichten anderer immer noch einträglich lebt, selbst über Wochen hinweg die buntesten Geschichten in eigener Sache. Es ging um die würdelose Amtsenthebung zweier Chefredakteure, die Sehnsucht nach der einen, alles ordnenden Hand, nach einem neuen Lehrmeister, der dann bereits vor dem ersten Arbeitstag fast alle gegen sich aufbrachte. Die Republik debattierte über die Frage, ob ein Leitender von Bild wohl eher Bereicherung oder Heimsuchung für den Spiegel sei.

Der Showdown fehlt in dieser Geschichte. Bevor es soweit ist, produziert das System alle möglichen weiteren Kapitel, etwa über den sich ändernden "Hausbrauch" (wie die interne Auflistung von Privilegien in schönstem Hans-Detlev-Becker-Jargon heißt) oder einen neuen Erscheinungstag für das ehrwürdige Magazin. Nicht mehr am Montag, sondern am Samstag soll der Spiegel nun erscheinen, was bedeutet, dass die Redaktionen Deutschlands nicht mehr am ruhigen Sonntag mit all jenen, tatsächlichen oder virtuellen, Exklusivmeldungen bedrängt werden, die dann bisher am Montag in Meldungsspalten oder auch größeren Geschichten enden.

Wenn eine Zeitschrift und die sie umgebenden Töchter erst einmal an so etwas wie Identitätsstörung leiden, hilft vermutlich auch ein anderer Erscheinungstag nicht. Der hilft nicht gegen die – Verzeihung! – beknackte Idee, die Kanzlerin und ihren neuen Sozius, den ehemaligen Popbeauftragten der SPD, als Bankräuber zu zeigen, die die Deutschen über höhere Steuern schädigen wollen. Darauf kann auch Focus kommen. Was aber hat das mit der Kultur und dem Erbe von Rudolf Augstein zu tun, der in diesem Spiegel-Jahr angesichts der Misere präsenter denn je schien, ein Held der Erinnerung. Seine Sätze wie: "Schreiben, was ist" gewinnen an Bedeutung in einer Zeit der Orientierungslosigkeit.

Die klassischen Stärken des Spiegel sind: der gehobene Essay, der investigative Report, die schnelle, stilistisch eigenwillige Nachrichtengeschichte. Wie viel davon gibt es im aktuellen Spiegel? Es gibt neue Stärken, aber ohne die alten Tugenden wird es nicht gehen. "Back to the Roots" war nicht ohne Grund das erste Motto, das einst Ex-Chefredakteur Stefan Aust ausgab.

Übrigens gehören weltweit in den einzelnen Ländern die größten News-Websites zu Tageszeitungen, nicht zu Zeitschriften. Das ist logisch, weil sich aktuelle Nachrichten so leichter organisieren lassen. Dem Spiegel ist insofern mit Spiegel Online das Kunststück geglückt, eine digitale Tageszeitung zu gründen, ohne dass dies jemand zunächst groß gemerkt hat. Mit dem gedruckten Magazin hat das so viel zu tun wie die Dauerwurst mit der Schwarzwälder Kirschtorte. Beide sind Lebensmittel, damit hat es sich aber schon. Eine Kooperation findet damit rasch Grenzen, exklusiv müssen beide sein.

Nicht auszuschließen, dass irgendwann jemand auf die Idee kommt, einfach die besten Spiegel-Online-Geschichten zu sammeln, samstags abzudrucken und das Spiegel zu nennen. Das ist so ungefähr die Strategie, die sich die Welt aus dem Hause Axel Springer in diesem Jahr ausgedacht hat: Online First, und zwar konsequent. In diesem Modell schreiben und recherchieren alle erst einmal für Welt.de, und ein kleines Team am Newsdesk schaut dann am Nachmittag, was davon gedruckt wird. Ähnlich funktioniert bei Airlines das Prinzip des "Lumpensammlers", wenn die letzten Maschinen die Passagiere einsammeln und zu ihren Heimat-Flughäfen bringen.

In der Überlebensfrage der Branche hat sich Springer-Chef  Mathias Döpfner in diesem Jahr für digitalen Journalismus entschieden. Zusammen mit seinen Journalen wie Hörzu verkaufte er die Berliner Morgenpost und vor allem das Hamburger Abendblatt an die Essener Funke-Gruppe. Eine mutige Tat, die an Übermut grenzt. Symbolischer geht es nicht, hatte Axel Cäsar Springer doch just mit dem Abendblatt nach 1945 seine Zeitungskarriere begründet. Aber wie das so ist mit Symbolen: Manchmal halten sie nicht länger als ein Konjunkturzyklus. Im Jahr 2000 galt zum Beispiel die Verschmelzung von Time Warner und America Online als zukunftsweisend, ein Irrtum, wie sich rasch erwies. Und der viel beachtete Kauf der Washington Post durch den Online-Krösus Jeff Bezos dürfte eher im Reich der gefährlichen Leidenschaften und Eitelkeiten spielen, als im Strategieraum von Amazon.

Döpfners Welt soll nun, im Internet und mit gedrucktem Internet, Marktführer der Reichweite werden. Dafür muss der Vielleser, der Theorie nach, Geld überweisen. So wie er bei Springers Bild Für "Plus"-Angebote zahlt, also Exklusives aus der Welt der Prominenten. Im übrigen reden Springer-Manager in letzter Zeit oft von erfolgreichen ausländischen Portalen wie Politico, die in Deutschland fehlten. Von Cherno Jobateys Huffpost, auch 2013 als Herbstzeitlose gestartet, war da nicht die Rede.

Es gibt also noch Lücken, die auch beispielsweise der Spiegel füllen könnte. Aber Rudolf Augsteins Haus, das inzwischen weniger als 300 Millionen Euro im Jahr umsetzen dürfte, ist bis auf weiteres vermutlich mit Fragen der Identitätsfindung und der Selbstorganisation beschäftigt. Der alte Spiegel verdient noch das Geld, das der neue Spiegel für Zukunftsinvestitionen und vor allem die Belegschaft zur Einkommensverbesserung braucht. Der neue Spiegel wiederum hat die Reichweite, die dem alten zunehmend fehlt.

Doch damit nicht genug der Herausforderungen: Ein großer Teil der Spiegel-Mannschaft, die Mitarbeiter des gedruckten Magazins, sind mit 50,5 Prozent am Kapital beteiligt, was unterm Strich das ökonomisch nachhaltigste Vermächtnis Augsteins ist, beschlossen im Partizipationswahn der späten 1960er und frühen 1970er Jahre. Auch das ein Modell, das es in der deutschen Wirtschaft sonst nicht gibt, und das sonst nur von Sahra Wagenknecht empfohlen wird. Vermutlich spielen manche auf der kaufmännischen Seite gerne mit der Idee, wie schön alles ohne die Wagenknecht-Komponente wäre. Am Ende wird es um diesen Hausbrauch gehen, also darum, ob Mitarbeit auch Mitbesitz bedeutet.

"Sturmgeschütz der Demokratie" hat Augstein, halb belustigt, seine Konstruktion genannt. Wie es damit weitergeht, wird die Medienwelt aufmerksam verfolgen, als gelte es etwas zu lernen – für den eigenen Erfolg oder das eigene Scheitern.

Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige