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„Slomka taugt nicht zur Jeanne d’Arc“

"Tun Sie mir einen Gefallen: Lassen Sie uns den Quatsch beenden." Mit dieser ruppigen Bitte an Marietta Slomka gerichtet hat der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel eine Debatte über das Verhältnis zwischen Presse und Politik losgetreten. Während Gabriel von "verstärkter Höflichkeit" sprach und die Grünen vor allem "Fürst Seehofer" kritisieren, hält das ZDF zu seiner Moderatorin. Die Presse reagiert unterdessen gemischt auf den öffentlich-rechtlichen Schlagabtausch.

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Stefan Braun in der Süddeutschen Zeitung: “Aus diesem Grund sollte das ZDF einfach weitermachen und allenfalls intern mal beratschlagen, wann der beste Zeitpunkt gekommen ist, um ein Streitgespräch zu beenden. Und das allein, um am Ende noch ein wenig besser zu werden. Horst Seehofer wiederum wird weiter allein das machen, was er für richtig hält. Ihn werden wohl erst die Wähler oder miserable persönliche Umfragen stoppen. Fast wäre man geneigt, ein "leider" hinzuzufügen.”
Stefan Kuzmany bei Spiegel Online: “Der Wortwechsel zwischen Slomka und Gabriel war kein Eklat. Er war für alle Beteiligten ein Gewinn: Der SPD-Chef konnte sich vor den Seinen und den Zuschauern als kämpferischer Genosse zeigen, konnte darlegen, wie viel demokratischer seine Partei agiert als die Konkurrenz von der Union – wo die einfachen Mitglieder kein Wörtchen mehr mitzureden haben in Fragen der kommenden Großen Koalition. (…) Und Marietta Slomka kann sich zugutehalten, den gewöhnlich selbstgewiss-süffisanten SPD-Chef so weit aus der Reserve gelockt zu haben, dass dieser ihr "Quatsch" und sogar strukturelle Parteilichkeit gegen Sozialdemokraten unterstellte – dabei sah er für einen kurzen Moment gar nicht gut aus.”

Joachim Huber für den Tagesspiegel: “Ein Interview darf nicht zur öffentlich ausgetragenen Mutprobe werden, ein politisches Interview hat Themen, Standpunkte und Widersprüche zu klären, aufzuklären. Mal laut, mal leise, am besten kompetent. Das Publikum hat ein geschultes Sensorium dafür, ob ein „heute-journal“ im ZDF ständig Sozi-Bashing betreibt, wie Gabriel behauptet. Dann rebelliert der Zuschauer oder, schlimmer noch für den Sender, er bevorzugt die „Tagesthemen“ der ARD. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk muss so fundamentiert sein, dass er keine Helden im Studio braucht. Marietta Slomka taugt nicht zur Jeanne d’Arc des Zweiten Deutschen Fernsehens.”
Christian Lindner (FDP) auf Facebook: “Es ist das gute Recht von Frau Slomka, Herrn Gabriel unverschämte Fragen zu stellen. Es ist das gute Recht von Herrn Gabriel, darauf patzig zu antworten. Es ist aber eine erneute Grenzüberschreitung, wenn Horst Seehofer sich einschalten will, weil die Große Koalition keine Hofberichterstattung bekommt.”
Sigmar Gabriel in der Bild am Sonntag: "Frau Slomka hat mich sozusagen mit verstärkter Höflichkeit befragt, und das darf sie auch. Und ich habe mit verstärkter Höflichkeit geantwortet. Denn so frei, wie sie in ihrer Frage ist, bin ich es in meinen Antworten. … Meinungsfreiheit gilt für alle."
SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles in der WamS: "Herr Gabriel hat auf Unterstellungen reagiert und unsere Position ruhig und deutlich dargelegt."
ZDF-Intendant Thomas Bellut: "Wir sind in unserer journalistischen Arbeit unabhängig, egal wer in Berlin regiert (…) Marietta Slomka ist eine hervorragende Journalistin und ein Aushängeschild für das ZDF. (…) In einem Live-Interview kann es auch mal zur Sache gehen. Ganz unbeteiligt war Herr Gabriel auch nicht."

ZDF-Chefredakteur Peter Frey im Spiegel: "Wenn mal die Fetzen fliegen, schadet das der Demokratie nicht." Allerdings hätten sich beide "in der Frage, ob der Mitgliederentscheid verfassungsgemäß ist, zu lange verhakt. Gabriels Vorwurf der Parteilichkeit ging zu weit. Slomkas Interviews mit Guttenberg, Schäuble oder Ramsauer waren auch nicht bequem."
Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt: "Fürst Seehofers Verständnis von Pressefreiheit und Einfluss der Politik auf die öffentlich-rechtlichen Sender ist erschütternd." Man dürfe gespannt sein, "in welchen Formen sich die anbahnende Arroganz der Große Koalition noch ausdrücken wird."

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