Frau Slomka, bitte machen Sie so weiter!

Das Interview von Marietta Slomka mit dem SPD-Vorsitzenden Sigmar Gabriel im „heute journal“ hat das Zeug zum TV-Klassiker. Slomka hat den Ruf, ihre Gesprächspartner hart anzupacken. Gut so! Das sollten viel mehr Journalisten tun. Nun traf sie auf einen bis an die Grenze der Arroganz mit Selbstgefälligkeit aufgeladenen Sigmar Gabriel. Das Ergebnis war ein selten harter Schlagabtausch, bei dem die Moderatorin am Ende zu Unrecht schlechter aussah als der Politiker.

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Die Sache mit dem Mitglieder-Entscheid sei ja wohl kein Selbstläufer, sagte Mariette Slomka zu Beginn des Interviews, das zum Streitgespräch werden sollte. Sigmar Gabriel gab mit seiner ersten Antwort sogleich den Sound vor, für das was folgen sollte. „Dann müssen sie nicht zugehört haben, wenn sie diese Meinung haben.“ Naja. Es waren in den vergangenen Tagen immer wieder Stimmen von SPD-Mitgliedern zu hören gewesen, die sich sehr kritisch zur großen Koalition geäußert haben. Gabriel bügelte einfach mal darüber hinweg und unterstellt Slomka, nicht zugehört zu haben.

Nun ist die Haupt-Moderatorin des „heute journals“ keine Journalistin, die dann auf Kuschelkurs umschaltet. Druck erzeugt bei ihr Gegendruck. Man konnte das als Zuschauer direkt sehen: Wie sich ihre Augen verengten. Fast meinte man, dass da Rauch aus den Ohren kam und Blitze aus dem Fernseher schossen. Marietta Slomka war offensichtlich bocksauer auf den super-selbstgefälligen Sigmar Gabriel – und das mit Recht.

Dabei entglitt ihr leider die souveräne Gesprächsführung. Sie verbiss sich in den falschen Punkt. Slomka fing immer wieder damit an, ob es nicht so sei, dass die SPD-Mitglieder da nun mehr zu bestimmen hätten als „normale“ Wähler, ob das verfassungsrechtlich OK sei. Gabriel pariert das rhetorisch effektiv, indem er darauf verwies, dass bei der CDU/CSU ja noch viel weniger Leute über die Koalition zu entscheiden hätten, nämlich die Vorstände. Zack, dagegen ist kaum was zu sagen.

Aber Marietta Slomka hatte – offenbar anders als Sigmar Gabriel – in der Zeitung gelesen, dass der Staatsrechtler Christoph Degenhart den SPD-Mitgliederentscheid über den Koalitionsvertrag als nicht mit dem Grundgesetz vereinbar hält. Damit drang sie aber nicht mehr bei Gabriel durch. Als der in Fahrt war, juckten ihn keine Realitäts-Einwürfe mehr.„Ich kenne keine Verfassungsrechtler, die das öffentlich behaupten“, meinte Gabriel und grinste. Den Verweis auf Degenhart wischte er beseite. „Seien Sie mir nicht böse Frau Slomka, aber ich kann ihre Argumente nicht wirklich ernst nehmen.“ „Das ist völlig falsch, was sie sagen.“
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Slomka hatte sichtlich Mühe die Fassung zu bewahren. Und dann wurde Gabriel richtig unfair: „Es ist nicht das erste mal, dass sie in einem Interview mit Sozialdemokraten versuchen, das Wort im Munde rumzudrehen.“ An dieser Stelle müsste Gabriel eigentlich froh sein, dass es sich um Schalt-Interview handelte. Sein Anwurf zielt nämlich ins Leere. Marietta Slomka ist bekannt dafür, Interviewpartner hart anzupacken. Aber sie macht dabei nachweislich keinen Unterschied zwischen CDU und SPD-Granden. Der frühere CDU-Ministerpräsident Stefan Mappus wurde von ihr genauso gegrillt wie Finanzminister Wolfgang Schäuble.

Vielleicht gehört es zur SPD-Parteifolklore, dass sie von „den Medien“ ach so ungerecht behandelt wird und darum bei Wahlen nur noch als 20% plus x Partei unterwegs ist – mit der Realität hat das freilich nichts zu tun. Aber weil Gabriel seine Unverschämtheiten provozierend cool rüberbrachte und Marietta Slomka dabei fast die Fassung verlor, wirkte es eben so, als sei der SPD-Boss im Recht. Dabei kann man vieles begründet am SPD-Mitgliederentscheid kritisieren. Etwa, dass die Entscheidung über einen ausverhandelten Vertrag kein Platz für eine nachträgliche Abstimmung ist. Die Abstimmung müsste vorher stattfinden. Die SPD hätte ihre Mitglieder vorher fragen sollen, ob sie sich einen Koalition mit der CDU/CSU vorstellen können. Geht man in Verhandlungen hinein, müsste der Partner eigentlich davon ausgehen, dass diejenigen, die da verhandeln ein Mandat haben. Die SPD hat aber unter Vorbehalt verhandelt. Die Sozialdemokraten konnten sich das leisten, weil die CDU/CSU trotz ihrer deutlichen Mehrheit keine andere Machtoption hat als die große Koalition. Das nutzen Gabriel & Co aus, um Merkel mit dem Druckmittel der Mitgliederbefragung möglichst viele Zugeständnisse abzutrotzen. Die Kanzlerin spielt mit – wohl wissend, dass Koalitionsverträge die eine Sache sind – und politische Realitäten im Regierungsalltag die andere.

Die angebliche „strategische Meisterleistung“ Sigmar Gabriels ist eigentlich nichts weiter als bloße Verhandlungs-Taktiererei, wie man sie auch von beschlagenen Gebrauchtwagenhändlern kennt. Dass Marietta Slomka aus dem Schlagabtausch für viele als Verliererin hervorging, ist unverdient. Sie wird es verschmerzen. Unterm Strich war das Interview nämlich vor allem eines: ganz und gar unlangweilig. Und das kann man von den allermeisten Politiker-Interviews nun wirklich nicht behaupten. Wir bräuchten viel mehr Fragesteller wie Marietta Slomka auf Journalisten-Seite. Die dürfen dann ruhig auch mal die Fassung verlieren. Frau Slomka, bitte machen Sie so weiter!

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