“Die Kohls”: böse Maike, gute Maike

Wieder einmal macht eine große deutsche Zeitschrift einen Kohl-Titel. Nachdem der Spiegel in der Vergangenheit bereits zweimal die “Tragödie”, bzw. das “Drama” des Altkanzlers Helmut Kohl und seiner Familie zu vergifteten Titel-Stories verrührte, ist nun der stern an der Reihe. Ulrike Posche schrieb den Text zum Titel “Die Kohls” - und macht alles besser als damals der Spiegel. Nebenbei entsteht so auch ein ganz anderes Bild von Helmut Kohls viel geschmähter zweiter Frau Maike.

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Maike Kohl-Richter – die Seltsame, die Dämonische. Die Frau, die als Mädchen bereits eine Art Helmut-Kohl-Altar in ihrem Zimmer errichtete, sich dann in Herz und Heim des gefallenen Altkanzlers schlich und seine alten Freunde und Söhne aussperrte aus dem Kohl-Universum. So ähnlich war bislang das dominante Bild von Helmut Kohls zweiter Frau in den Medien. Ordentlich befeuert von zwei langen und dürftigen Spiegel-Stories, die sich zu großen Teilen aus Aussagen von Kohls Sohn Walter und Kohls Biografen Heribert Schwan speisten, die beide keinen direkten Kontakt mehr zu Helmut Kohl haben.
Bei der Lektüre des aktuellen Textes “Stark wie zwei” von Ulrike Posche im stern entsteht dagegen der Eindruck, die Autorin sei als Geist durchs Haus Kohl in Oggersheim geschwebt und sei dem Alten auch bei seinen Terminen nicht von der Seite gewichen. Frau Posche weiß, welchen Schinken der Altkanzler gerne zum Frühstück isst (San-Daniele), mit welcher Hand er bei Schwarzwildfilet-Stücke zum Mund zu führen pflegt (mit der linken), wann er mit welchen Botschaftern in Berlin parliert.
Die intime Nähe, die der Text suggeriert überrascht umso mehr, als Maike Kohl-Richter laut stern auch für diesen Artikel nichts sagen wollte.  „Die Lady“ (stern) schweigt. Ulrike Posche hat offenbar andere Quellen aufgetan. Quellen, die nah dran sind an den Kohls. Im Text erfahren wir zum Beispiel auch, dass Bild-Chefredakteur Kai Diekmann, Trauzeuge und Intimus des Altkanzlers, zusammen mit seiner Frau Katja im August für drei Tage bei Helmut Kohl einzog, damit Maike mal Urlaub machen konnte. Einer wie Diekmann, den Ulrike Posche auch schon im stern porträtierte, könnte wissen, welcher Schinken bei den Kohls auf den Frühstückstisch kommt. Ein Foto von einem gemeinsamen Essen der Kohls mit den Diekmanns in Potsdam fand auch Eingang in die stern-Story. Diekmann selbst hatte das Foto – auf dem Maike Kohl-Richter, Helmut Kohl und Diekmann zu sehen sind – bereits am 17. November ausschnittweise getwittert.
Diekmann war nicht der einzige, mit dem Ulrike Posche über die Kohls gesprochen hat aber die Kohl-Story im stern gefällt dem Bild-Chef offensichtlich sehr gut. Via Twitter hat er sie ausdrücklich empfohlen: “Hätte ich auch nicht gedacht, daß ich mal Werbung für den Stern mache…” Genauso wenig wie sich Helmut Kohl wahrscheinlich früher gedacht hätte, dass sein alter publizistischer Feind (neben dem Spiegel) stern antritt, seine Ehre zu verteidigen. 
Während der Spiegel seine Kohl-Stories seinerzeit auf bösen Gerüchten und Hörensagen aufbaute und Maike Kohl-Richter als “Lady Macbeth von Oggersheim” skizzierte, die den Altkanzler als Geisel gefangen hält und die „Zugbrücke“ kontrolliert, geht der stern mit Kohls zweiter Frau milder und differenzierter um. “Es ist immer schwer, die zweite Frau im Leben eines Patriarchen zu sein, die Neue. Den wenigsten Männern gelingt es in solchen Fällen, alle Seiten schmerzfrei und harmonisch zusammenzufügen”, schreibt Ulrike Posche. Sie spart die Merkwürdigkeiten rund um Maike Kohl-Richter und das zerrüttete Privatleben der Familie Kohl nicht aus, versteigt sich aber auch nicht in vergiftete Klatsch- und Tratsch-Geschichten aus zweiter und dritter Hand. Der Artikel gipfelt in dem klugen Satz: “Es ist seltsam, aber so sehr es Helmut Kohl im Großen gelungen ist, eine Einheit zu erschaffen, so wenig ist sie ihm bislang im Privaten geglückt.”
Es ist auch ein wenig seltsam, dass es so lange gedauert hat, bis einem Medium eine detailreiche und intime Reportage zum späten Helmut Kohl gelungen ist.

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